Schon das Lob des Gegners aus Turin zeigt, wie gut die Bayern beim 2:0-Sieg gegen Juventus waren. Im Rückspiel am nächsten Mittwoch haben sie nun beste Chancen, das Halbfinale der Champions League zu erreichen.

Sport: Heiko Hinrichsen (hh)

Stuttgart - Sein dunkler Anzug taugte als Beleg italienischer Schneiderkunst – aber der Mann hinter dem Mikrofon hätte auch einen passablen Gesandten der Bayern-Marketingabteilung abgegeben. Als Antonio Conte sprach, da fielen Vokabeln wie „grandissimo“, „molto forte“, „bravo“, oder ganz simpel: „super“. Der Cheftrainer von Juventus Turin, der gerade eben die erste Niederlage im laufenden Champions-League-Wettbewerb hatte einstecken müssen, war von der Darbietung der Münchner also schwer beeindruckt.

 

Dabei war es Conte, dessen Augen immer ein wenig traurig dreinschauen, auf dem Podium der Allianz-Arena anzusehen, dass es sich hier nicht um irgendein taktisches Scharmützel handelte. Schließlich steht am Mittwoch bereits das Rückspiel an – und er hätte den FC Bayern nach dem 2:0-Hinspielsieg durch Tore von David Alaba (1.) und Thomas Müller (63.) umschmeicheln und damit vor dem zweiten Duell im Juventus-Stadion in Sicherheit wiegen können. Aber Contes Bewunderung war aufrichtig: „Die Mannschaft hat den Drang, es allen zu zeigen“, sagte der 43-Jährige in Anspielung auf das verlorene Finale 2012 gegen den FC Chelsea.

Als Jupp Heynckes wenig später den von Antonio Conte vorgewärmten Sessel übernahm, geizte auch der oft so zurückhaltende Bayern-Coach nicht mit Superlativen. „Meine Mannschaft hat über weite Strecken hervorragenden Fußball gezeigt“, lobte der 67-Jährige, „obendrein war die kämpferische Einstellung perfekt.“ Schließlich hatten es seine Offensivasse Franck Ribéry, Arjen Robben und sogar die vorderste Spitze Mario Mandzukic auch nicht vergessen, nach hinten zu arbeiten. Weil sich Thomas Müller nicht zu schade war, „mit einem Auge“ auf Andrea Pirlo aufzupassen, war der Turiner Spielmacher – anders als im von der Nationalelf gegen Italien verlorenen EM-Halbfinale 2012 – aus dem Spiel genommen.

Die Bayern attackierten den Rekordmeister vom Apennin zudem bereits im Spielaufbau, beide Tore fielen nach Distanzschüssen. Also konnte der Trainer Heynckes zufrieden konstatieren, „dass wir das Spiel so durchgezogen haben, wie wir es uns vorgenommen haben. Meine Spieler haben bei der Besprechung richtig gut zugehört.“

Mit den besten Perspektiven auf den Einzug ins Halbfinale der Champions League ausgestattet, nimmt das Meisterwerk des Altmeisters Heynckes also langsam Konturen an. In mehr als 1000 Bundesligaspielen hat „Don Jupp“ mitgewirkt, hinzu kommen mehr als 300 Partien in der spanischen Primera División. Kommt das Beste nun ganz zum Schluss? Denn das Tripel aus Meisterschaft, die am Samstag in Frankfurt endgültig besiegelt werden kann, aus dem DFB-Pokalsieg und dem Triumph in der Königsklasse scheint zum Greifen nah. Wer soll die Bayern gefährden? Der VfL Wolfsburg, der in zwei Wochen im Pokalhalbfinale in München vorspielt, wohl kaum. Die Teams von Paris Saint Germain und des FC Barcelona, die sich am Dienstag 2:2 trennten, schon eher.

Ihre Bosse haben Heynckes und seine Millionenkicker schon jetzt in Verzückung versetzt: Selbst der dauernörgelnde Sportdirektor Matthias Sammer, der nach dem 9:2-Schützenfest über den HSV noch die Abwehrschwäche nach gegnerischen Eckbällen moniert hatte, sprach nach dem 2:0 über Juve von einer „idealen Ausgangslage“. Und auch der Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge war erfreut: „Das war taktisch auf höchstem Niveau. Ich kann der Mannschaft nur ein Kompliment machen.“

Lediglich ein übler Tritt von Franck Ribéry in die Wade des Ex-Leverkuseners Arturo Vidal, den der englische Schiedsrichter Mark Clattenburg übersah, sowie ein Muskelbündelriss in den Adduktoren, den sich Toni Kroos zuzog, trüben die Bilanz. Sechs Wochen wird der Mittelfeldspieler mindestens ausfallen – und damit den alles entscheidenden Endspurt verpassen. „Das trifft mich sehr“, sagte Jupp Heynckes, der Kroos bereits in Leverkusen formte: „Denn wir haben ein besonderes Trainer-Spieler-Verhältnis.“ Eine weitere Möglichkeit der Zusammenarbeit wird sich dem Tandem nicht bieten, weil der Coach nach Saisonende mit der Karriere, so sieht es zurzeit aus, Schluss macht und sich auf seinen Bauernhof am Niederrhein zurückzieht.

Gelänge Heynckes mit dem Gewinn des Tripels die Krönung seiner Trainerlaufbahn, die 1979 in Gladbach als mit 34 Jahren jüngstem Bundesligacoach begann, hätte er seinem Nachfolger Pep Guardiola die größte Hypothek hinterlassen. Der Spanier könnte dann nur eine Ära der Dominanz wie Mitte der siebziger Jahre folgen lassen, als die Bayern dreimal hintereinander den Landesmeisterpokal holten. Antonio Conte aber sieht in den Münchnern schon jetzt „eine Supermacht in Europa“.