Der FC Bayern München hat den 23. Meistertitel gefeiert, wie er in dieser Saison aufgetreten ist: im Eiltempo, aber betont sachlich. Denn für die Mannschaft gibt es schließlich noch mehr zu gewinnen.
München - Am Sonntagvormittag sind die Nachwirkungen der ersten Nacht als Meister wohl doch zu spüren gewesen. Ein bisschen müde müssen die Fußballprofis des FC Bayern schon gewesen sein, als sie auf dem Vereinsgelände eintrafen, um pünktlich um zehn Uhr bei der Spielanalyse zu sein. Aus dem Flugzeug steigen nach dem 1:0-Sieg bei Eintracht Frankfurt, mit dem sie sich den 23. Meistertitel in der Clubgeschichte am 28. Spieltag gesichert hatten und damit so früh wie keine Mannschaft zuvor in 50 Jahren Bundesliga, und brav nach Hause fahren und sofort wieder an die nächsten Ziele denken, das war ihnen einfach nicht möglich gewesen. Nicht nach dieser Vorgeschichte mit all den Entbehrungen. Nicht nach der besonders schmerzhaften Vorsaison, als Borussia Dortmund erneut in der Meisterschaft triumphierte, sie im Finale des DFB-Pokals mit einem 5:2 demütigte und die Bayern zudem das Endspiel der Champions League dramatisch verloren.
Sie haben sich nach der Rückkehr also doch noch zu einem Mannschaftsabend in der Münchner Innenstadt zusammengefunden und sich ein wenig zugeprostet. Allzu ausschweifend soll die kleine Meisterparty dem Vernehmen nach aber nicht geraten sein. Das galt bereits in Frankfurt, wo die Bayern ihren Erfolg ähnlich begangen hatten, wie sie in dieser Saison aufgetreten sind: im Eiltempo, aber betont sachlich. Bierduschen, Meister-T-Shirts und andere Folklore, die normalerweise in solch einem Moment zur Aufführung kommt, haben sie sich verkniffen. Ein kurzes Freudentänzchen auf dem Rasen, ein von den Spielern in die Luft geworfener Trainer Jupp Heynckes und ein paar Gesänge im Kabinentrakt – das war es dann auch schon. Die nächsten Ziele warten ja schon.
Bereits am Mittwoch (20.45 Uhr/ZDF) steht das Rückspiel im Viertelfinale der Champions League bei Juventus Turin an. Der 2:0-Vorsprung aus dem ersten Treffen vom vergangenen Dienstag soll dann zum Einzug in das Halbfinale genutzt werden. Denn der Meisterschaft soll nun der Gewinn der Champions League folgen. Den DFB-Pokal wollen sich die Münchner ebenso in ihre Vereinsvitrine stellen.
Hoeneß spricht von „Supersupersaison“
„Jetzt müssen wir uns konzentrieren, um aus dieser Supersaison eine Supersupersaison zu machen“, gab der Präsident Uli Hoeneß in Auftrag. Der Sportvorstand Matthias Sammer erinnerte auch rasch an die nächsten Aufgaben. Die Fragen seien doch: „Wollen wir alles oder nur ein bisschen?“ Oder: „Wollen wir mehr oder wollen wir nicht mehr? Also ich hätte ganz gern mehr“, sagte er. Sollte jetzt nichts mehr folgen, wäre die bisher so spektakuläre Saison doch mit einem Makel behaftet.
Dass in dieser Runde bisher aber der Gewinn der Meisterschale über allem stand, das war schon in Frankfurt zu spüren gewesen, wo Bastian Schweinsteiger mit seinem kunstvollen Hackentor (52.) das Tüpfelchen auf dem i in dieser Spielzeit der purzelnden Rekorde gesetzt hatte. Zu vernehmen war auch, dass es vor allem der BVB war, der die Bayern zu ihren bemerkenswerten Leistungen angestachelt hatte. „Normalerweise ärgert man unseren Verein ja nur einmal. Dortmund hat das zweimal geschafft, dafür müssen wir wirklich Respekt zollen, das haben die super gemacht“, sagte Hoeneß, „aber unsere Antwort war eindeutig: 20 Punkte Abstand. Damit müssen sie jetzt leben.“
Vor zwölf Jahren war der FC Schalke 04 als Meister der Herzen in die Ligageschichte eingegangen. Für knapp fünf Minuten wähnte sich der Verein 2001 am Ziel, ehe die Kunde aus Hamburg kam, dass der FC Bayern noch das 1:1 erzielt und sich zum Titelträger gekürt hatte. Nun durften sich die Münchner als Meister der Schmerzen fühlen, weil sich Dortmund zuvor erdreistet hatte, ihnen sportlich den Rang abzulaufen. Das war spätestens jetzt wieder zurechtgerückt aus Sicht der Bayern.
Heynckes launige Spitzen
Heynckes hat sich auch eher verhalten gefreut. Der 67-Jährige gab dabei einen Einblick in die kleinen Kämpfe, die er führen musste und aus denen wohl auch ein paar Wunden zurückbleiben werden. Nicht zuletzt, weil er im Sommer gerne noch ein Jahr drangehängt hätte. Die kleinen Spitzen gerieten nun aber launig. „Ich denke, dass man das Innenleben des FC Bayern kennen muss. Mit dem gesamten Präsidium, mit den ehemaligen großen Fußballern, die dir immer wieder Ratschläge geben und die du dann auch reflektieren und in deine Arbeit miteinführen musst und . . . – Sie dürfen ruhig schmunzeln“, sagte Heynckes. Für diesen kurzen Momente wirkte der Fußballlehrer richtig gelöst.
Am Saisonende wird er den Club verlassen und womöglich in den Ruhestand treten, obwohl er sich bisher ja stets ein Hintertürchen offen gelassen hat. Pep Guardiola wird seinen Job übernehmen. Bis dahin haben die Bayern aber noch große Ziele, und deswegen bleibt zum Genießen des Meistertitels kaum Zeit. Das soll später folgen. „Es ist ein Moment, der sicher in einer Trainerlaufbahn oder Spielerlaufbahn später eine große Rolle spielt“, sagte Heynckes noch. Er lächelte. Ganz kurz.