Wer sich noch einmal das „Eier“-Interview von vor mehr als 16 Jahren anschaut, der findet schon darin Hinweise, wie Kahn nun seine neue Aufgabe im Vorstand des FC Bayern angeht. Er sagte: „Was soll ich jedes Mal vor der Kamera stehen und diskutieren, was man ändern kann. Das sind doch alles nur Alibi-Erklärungen.“ Man werde das intern besprechen.
Größte Herausforderung seiner Karriere
An Neujahr trat Oliver Kahn, 50, offiziell seinen Job im Vorstand des FC Bayern an, um eingearbeitet zu werden, bevor er zwei Jahre später den Vorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge, 64, ganz ablösen soll. Viel in Kameras reingequatscht hat Kahn bisher nicht über seine neue Aufgabe, ganz im Gegenteil. Und doch haben ihm seine wenigen Aussagen zur vielleicht größten Herausforderung seiner Karriere genügt, um schon abzustecken, wie er den FC Bayern der Zukunft gestalten will. Wie im November, nach der Entlassung von Trainer Niko Kovac und der Amtsübernahme von Hansi Flick. „Ich glaube, dass es wichtig ist, dass man wegkommt von irgendwelchen Namen, von großen Namen“, befand Kahn, „man muss sich Gedanken machen, für welchen Fußball Bayern München steht, welcher Trainer dazu passt. Man möchte einen Trainer, der eine Ära prägen kann. Das kann man nicht aus der Hüfte schießen, irgendwelche Namen in die Landschaft blasen. Das muss man sich gut überlegen.“ Zumal es zur Philosophie des deutschen Branchenführers gehöre, im Spiel nach vorne, in Dominanz, Attraktivität, Technik und Geschwindigkeit Alleinstellungsmerkmale zu schaffen.
Dass der FC Bayern jüngst Flick, 54, bis mindestens zum Saisonende als Chefcoach bestätigte und mitteilte, sein Verbleib darüber hinaus sei „ausdrücklich eine gut vorstellbare Option“, hatte auch mit Kahn zu tun. Eingebunden war er bereits in die Entscheidung und ebenso in die Überlegung, in Flick womöglich schon die langfristige Lösung gefunden zu haben. Zumal dieser das Team zum gewünschten Spielstil anleitet. Eine Rückkehr in seinen vorherigen Bayern-Job als Trainer-Assistent könne er sich „im Moment nicht vorstellen“, sagte Flick jüngst dem Magazin „Kicker“.
Weitsichtige Herangehensweise
Mit Flick geht es also zunächst weiter, immer weiter. Ganz so, wie es Kahns Credo entspricht – und wie er nicht nur während seiner Profi-Karriere gedacht hat, sondern auch als er zunächst Wirtschaftswissenschaften und später General Management studierte sowie als ZDF-Experte im Fußballgeschäft sichtbar blieb und an Profil gewann. Eine weitsichtige Herangehensweise ohne die Eile vieler anderer Ex-Kicker, die möglichst schnell eine verantwortliche Position im Fußballbusiness anstrebten und oft scheiterten. Kahn lehnte 2009 das Angebot des FC Schalke ab, dort als Manager zu fungieren. Er kümmerte sich stattdessen erst darum, sich für eine derartige Aufgabe fundierte Grundlagen zu erarbeiten und Erfahrungen als Geschäftsmann zu sammeln, wie mit seinem Unternehmen Goalplay, einer Online-Schule für Torhüter. Und auch jetzt versteht es Kahn erst einmal als seine Pflicht, seine Aufgabe als Vorstand zu lernen. „Das ist keine Position, die man einfach von heute auf morgen bekleiden kann, indem man sagt: Servus, hier bin ich, wo ist mein Schreibtisch, und jetzt fange ich an“, sagte er zuletzt.
Kahn wird als künftiger Vorgesetzter des Sportdirektors (von 1. Juli an Sportvorstand) Hasan Salihamidzic, 42, sein neues Vorstandsbüro an der Säbener Straße im sogenannten Onboarding-Prozess zunächst eher selten sehen. Im Trainingslager in Katar vom 4. bis 10. Januar wird er ebenso erwartet wie in den Filialen der Bayern in New York und Shanghai. Am Stammsitz in München soll er zudem alle Abteilungen durchlaufen, den Verein nach seinen dort 14 Profijahren „noch einmal von der Pike auf kennenlernen“, wie es Rummenigge formulierte.
Abteilung Attacke
Nebenbei scheint Kahn auch die Lücke des langjährigen Bayern-Managers und Präsidenten Uli Hoeneß als personifiziertes „Mia san mia“ füllen zu können. Als Hoeneß seine Ämter im November auf der Jahreshauptversammlung niederlegte, feierten die Mitglieder Kahn schon ähnlich emotional und ergeben wie ihren verehrten Patriarchen. Verknüpft waren damit wohl auch Erwartungen, dass nun Oli statt Uli die Abteilung Attacke bedient. Das muss man auch erst einmal hinkriegen: als geeigneter Nachfolger des eher kühlen Rummenigge eingeschätzt und zugleich als Nachfolger des Bauchmenschen Hoeneß gesehen zu werden.
https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.als-der-vfb-41-gegen-bayern-muenchen-gewann-was-machen-die-bayern-besieger-heute.698833d9-767d-4ccf-a904-da61dca3eeba.html