Mit dem 9:2-Kantersieg über den Hamburger SV ist die Champions-League-Generalprobe des FC Bayern geglückt: Im Duell mit dem italienischen Serie-A-Spitzenreiter Juventus Turin dürfte es aber schwieriger werden.
München - Am Ostermontag war das denkwürdige 9:2 (5:0) aus der Bundesliga gegen den Hamburger SV beim FC Bayern schon etwas weiter weg. Genauso wie die vielen leidvollen Erfahrungen gegen italienische Teams, egal, ob nun mit der Nationalelf oder im Vereinsfußball. Die Münchner gaben sich alle Mühe, das Italien-Trauma kleinzureden, zumal sich dieses ja vor allem auf die DFB-Elf beziehe.
„Ich gehe da mit sehr viel Zuversicht rein, weil es ein Viertelfinale ist und kein Halbfinale wie bei der EM“, sagte Thomas Müller vor dem Champions-League-Hinspiel am Dienstag in München gegen Juventus Turin, ehe er auf den positiven Teil seiner Erlebnisse mit italienischen Teams verwies. „Wir sind gegen Florenz weitergekommen – und gegen Neapel auch.“
Die schlechten Erinnerungen schimmerten aber dennoch immer wieder durch in der Vorbereitung auf das Kräftemessen mit „la vecchia signora“, der „Alten Dame“. Zu dieser gab der Trainer Jupp Heynckes ein Bonmot zum Besten, als er über seine intensive Vorbereitung auf die Elf des Kollegen Antonio Conte sprach. „Ich bin abends mit der Alten Dame Juve ins Bett gegangen und morgens wieder mit ihr aufgestanden“, sagte Heynckes. Der 67-Jährige meinte das durchaus ernst.
Juve, das hat Heynckes beim Videostudium festgestellt, scheint sich nach den Skandalen und dem Zwangsabstieg 2006 neu erfunden zu haben. Die Serie A dominieren die Turiner derzeit ähnlich wie die Bayern die Bundesliga. Der zweite italienische Meistertitel nacheinander dürfte nur Formsache sein. Zudem wurde der Titelverteidiger Chelsea von Juve bereits aus der Champions League verabschiedet.
Andrea Pirlo – Juves Herzstück und Hirn
„Ein Mythos“, sagte Heynckes voller Respekt, sei dieser Club, der „wie „Phoenix aus der Asche“ wieder zu einer „absoluten europäischen Topmannschaft“ aufgestiegen ist. Man habe bei Juve „in den letzten drei, vier Jahren alles richtig gemacht“. Vor allem bei der Zusammenstellung der Mannschaft, die zwar typisch italienisch kompakt auftrete, aber nach vorne auch mit viel Fantasie spiele, wie Heynckes meinte. Wegen dieser Stilistik sei es auch nicht angemessen, Andrea Pirlo herauszuheben. „Herzstück, Architekt und Hirn“ sei der Mittelfeldspieler zwar, das schon. Aber er habe auch viele absolute Topspieler an seiner Seite, wie den Ex-Leverkusener Arturo Vidal oder Claudio Marchisio.
Den allgemeinen Argwohn deutscher Fußballer gegenüber italienischen Mannschaften hat Heynckes mit seinen Elogen nicht entkräften können. Daran hatte auch die fabelhafte Partie gegen den HSV nichts geändert. Matthias Sammer hatte ja längst wieder seinen skeptischen Geist zu erkennen gegeben. Die beiden Kopfballgegentore durch Jeffrey Bruma (75.) und Heiko Westermann (86.) nach Eckbällen seien Nummer drei und vier in der jüngeren Vergangenheit gewesen, dozierte der Sportvorstand, „und das Champions-League-Finale ist ja auch noch nicht so lange her“. Gegen Chelsea hatte ein Kopfball Didier Drogbas nach einem Eckball kurz vor Schluss die dramatische Niederlage eingeleitet. Seither stehen Eckbälle der Gegner in München unter Generalverdacht.
Für italienische Mannschaften gilt das ohnehin. Vor allem, weil die deutsche Nationalelf bei Turnieren noch kein Spiel gegen die Azzurri für sich entscheiden konnte. Zuletzt setzte es im EM-Halbfinale ein 1:2 gegen Italien, beim 0:2 bei der WM 2006 beendete Pirlo als Strippenzieher im Mittelfeld das deutsche Sommermärchen.
Erinnerungen an den Herbst 2009
Inzwischen trägt der 33-Jährige einen Bart. Aber Müller kann er damit keine Angst einjagen. Er hielt es lieber mit den positiven Erinnerungen. Beim letzten Vergleich mit Juve war Müller ja dabei, beim 4:1 in Turin 2009, das die Bayern bis ins Finale der Champions League trug. Dass es im folgenden Mai dort ein 0:2 gegen Inter Mailand setzte, haben die Münchner besser nicht näher thematisiert.
Sie wählten lieber den Vergleich zum verlorenen Finale der Vorsaison. Heynckes übernahm das, als er über die überragenden Torschützen vom Samstag, Claudio Pizarro (30./45./53./68.) und Arjen Robben (33./54.), sprach und dabei andeutete, dass bis auf den gesperrten Javier Martínez nun wieder die Stammkräfte zum Zug kommen dürften. „Ein Verein wie der FC Bayern muss Topoptionen haben, um seine Ziele zu erreichen. Das ist auch das, was uns im Champions-League-Finale im letzten Sommer gefehlt hat“, sagte er. Von den weiteren Torschützen gegen den HSV, von Xherdan Shaqiri (5.), Bastian Schweinsteiger (19.) und Franck Ribéry (76.), war da überhaupt nicht mehr die Rede, eher von Borussia Dortmund. „Gegen die“, sagte Müller, „sind wir nach negativen Erfahrungen auch stärker zurückgekommen.“