FC Chelsea gegen Real Madrid Darum startet Thomas Tuchel in London durch

Hat allen Grund zur Freude: Trainer Thomas Tuchel Foto: imago//Eduardo Candel Reviejo

Trainer Thomas Tuchel arbeitet erfolgreich für den FC Chelsea – und steht nun vor dem Rückspiel im Halbfinale gegen Real Madrid vor seinem nächsten Finaleinzug in der Champions League.

Sport: Marco Seliger (sem)

London/Stuttgart - Der Willkommensgruß für Thomas Tuchel geriet britisch-herb. Gary Neville, früher knorriger Verteidiger bei Manchester United, langt auch als TV-Experte hin – und sagte kürzlich dies über den neuen Coach des FC Chelsea: „In eineinhalb bis zwei Jahren ist er wieder weg.“ Thomas Tuchel aber, so viel lässt sich sagen, ist verbale Blutgrätschen längst gewohnt. Ihn schockt nach seinem Weg als Trainer mit Erfolgen und großem Ärger bei Borussia Dortmund sowie Erfolgen und großem Ärger bei Paris Saint- Germain wohl nichts mehr, weshalb er Nevilles Attacke mit der Gelassenheit des Weitgereisten umdribbelte. „Niemand erwartet, dass ich lange hierbleiben werde“, sagte der Coach also: „Und wenn ich nicht lange bleibe, bleibe ich halt nicht lange.“

 

So ist das wohl, und es ist davon auszugehen, dass der Pragmatiker Tuchel das innerlich genauso nüchtern und gelassen fühlt, wie er es nach außen hin kundtut.

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Fakt aber ist: Der Trainer tat in seinen ersten Monaten im Amt vieles dafür, dass er womöglich doch länger bleiben darf, als vom Raubein Neville vorhergesehen. An diesem Donnerstag nun wird Tuchel genau 100 Tage im Amt als Trainer des FC Chelsea sein – und der erste Eindruck ist nicht weniger als formidabel. Oder anders: Tuchels Zwischenbilanz ist eine Erfolgsbilanz.

Finale im FA-Cup

Denn an diesem Mittwoch (21 Uhr) hat Chelsea zuhause die große Chance, nach dem 1:1 im Hinspiel bei Real Madrid ins Finale der Champions League einzuziehen. Obendrein schaffte Tuchel mit seinem Team den Einzug ins Finale des FA-Cups, nach einem verdienten Sieg im Halbfinale gegen die Dominatoren von Manchester City wohlgemerkt. Und in der Liga, da ist der Coach auf dem Weg in die Champions League. Chelsea steht auf Platz vier. Als Tuchel Ende Januar das Traineramt von Frank Lampard übernahm, da waren die Blues Neunter.

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Wie also hat es Tuchel geschafft, Chelsea in die Spur zu bringen? Was sich sagen lässt nach seinen Stationen beim FSV Mainz, Borussia Dortmund und Paris Saint-Germain: Wo Tuchel ist, da ist meist Erfolg. Der gute Start in London also kommt wenig überraschend – weil Tuchel sein Handwerk versteht. Er weiß, was fußballerisch zu einem Team passt, er lässt ein auf die Fähigkeiten der Spieler ausgerichtetes System spielen. Und diese Grundordnung ist dann so, wie sie bei Trainernerds wie Tuchel immer ist: flexibel umsetzbar.

In Dortmund ließ Tuchel einst tollen Offensivfußball spielen, überwarf sich aber mit der Führungsriege. Bei PSG brachte er das Starensemble um Neymar und Mbappé in die Spur und zog im vergangenen Sommer ins Finale der Königsklasse ein (0:1 gegen den FC Bayern). Im Winter, kurz vor Weihnachten, war dann nach einem Dauerstreit mit Sportchef Leonardo Schluss.

Pragmatische Spielweise

Ob der bisweilen streitbare Charakterkopf Tuchel nun auch bei Chelsea irgendwann im Streit gehen wird? Man weiß es nicht. Klar ersichtlich aber sind die Spuren, die Tuchel in London fußballerisch hinterlassen hat. Sein Ziel ist, wenn auch etwas sperrig, klar formuliert. „Wir haben vor, eine Mannschaft aufzubauen, gegen die zu spielen absolut niemandem Spaß bereiten wird“, sagt Tuchel – der in Chelsea entgegen seiner bisherigen Ausrichtungen, allen voran jener in Dortmund, defensiv-pragmatisch spielen lässt.

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Denn Tuchel erkannte rund um seinen Amtsantritt, dass er Chelsea in der Krise stabilisieren muss. Das geht am besten mit dem Fokus auf die Defensive, weshalb sich Tuchel, der sonst gerne das Hauptaugenmerk auf Passfolgen und das offensive Positionsspiel legt, auf die Abwehrarbeit konzentrierte – mit Erfolg. Spaß hatten bisher noch die wenigsten Gegner. So haben die Blues seit dem Trainerwechsel in der Meisterschaft nur einmal verloren. Weil Tuchel das tat, was er auf seinen bisherigen Stationen immer getan hatte: Er hebt seine Mannschaften gruppentaktisch auf ein höheres Niveau.

Tuchel bleibt sich treu

14 Trainer hat der russische Vereinsbesitzer Roman Abramowitsch verschlissen, seit er den FC Chelsea vor 18 Jahren gekauft hat. Tuchel will länger bleiben als seine Vorgänger – und bleibt sich in London offenbar treu. So zeigt er keine Hemmungen, seine Autorität zu zeigen und die Befindlichkeiten von Fans oder einiger Medien zu ignorieren. Den populären Nationalspieler Callum Hudson-Odoi etwa wechselte Tuchel kürzlich zur Halbzeit ein und dann nach 30 Minuten wieder aus. Der Aufschrei war groß. Dabei gab Tuchel nur den typischen Tuchel – und damit den Pragmatiker: Hudson-Odoi hatte halt nicht gut gespielt.

Rüdiger verbessert sich

Ähnlich konsequent richtet der Trainer sein Team aus. Chelsea steht hoch und verteidigt früh, Gegenpressing ist das altbekannte Zauberwort. Der Fokus auf die Defensivarbeit führte dazu, dass das Team in den 22 Pflichtspielen unter Tuchel nur zehn Tore kassierte. Innenverteidiger Antonio Rüdiger sagt dies über seinen Coach: „Es macht Spaß, mit ihm zu arbeiten. Er bringt uns weiter.“ Der Nationalspieler ist dafür ein Sinnbild. Unter Tuchel steigerte er seine Quote gewonnener Zweikämpfe von 67 auf 92 Prozent. Dass das Angriffsspiel der Blues dagegen eher stagniert, steht auf einem anderen Papier. Auch das will Tuchel mittelfristig angehen.

Kurzfristig reicht ihm jetzt ein schnödes 0:0 gegen Real Madrid zum Finaleinzug in der Königsklasse.

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