Der 1:0-Sieg gegen den SC Paderborn und der damit verbundene Einzug in die Europa League besänftigen die frustrierten Fans der Königsblauen nicht – ganz im Gegenteil.

Schalke - Es ist ein bizarrer Moment gewesen, als Uwe Hünemeier in der 88. Minute per Eigentor ein ziemlich merkwürdiges Fußballspiel auf den Kopf stellte und die Schalker emotional zerriss. Durch dieses völlig unverdiente 1:0 darf der Revierclub im kommenden Jahr in der Europa League mitspielen, entsprechend groß war die Freude auf dem Rasen. Im Publikum wich der erste spontane Jubel jedoch rasch einem Gefühl der entrüsteten Wut. „Wie könnt ihr nach so einer Leistung jubeln“, rief einer, es wurde gepfiffen und geschimpft, wohl noch nie haben Fans ihre Mannschaft derart boshaft verabschiedet, nachdem unmittelbar zuvor das wichtigste Saisonziel erreicht wurde.

 

  Die Schalker Spieler flohen in die Kabine, die Leute in der Arena blieben. Sie feierten den tapferen SC Paderborn, während die königsblaue Mannschaft sich mit ihrem Trainer beriet, und dann noch einmal nach draußen kam. Zu einer gespenstischen Ehrenrunde. „Wir haben als Mannschaft beschlossen, uns zu stellen, um den Emotionen der Fans gerecht zu werden“, erzählte der Torhüter Ralf Fährmann später. Die Emotionen brodelten. Bierbecher flogen, die Leute brüllten: „Außer Fährmann könnt ihr alle gehen!“ Oder: „Wir sind Schalker und ihr nicht.“ Später versammelten sich rund 200 aufgebrachte Fans vor dem Spielereingang, wo sich irgendwann der Manager Horst Heldt zeigte und pflichtschuldig erklärte: „Es ist einzig und alleine meine Verantwortung, ich kann mich nur aufrichtig entschuldigen bei euch für das, was wir abgeliefert haben.“ Den „Dann verpiss dich“-Zwischenruf ignorierte er natürlich.

Das Merkwürdige daran ist, dass die Eskalation mit einem Augenblick des sportlichen Erfolges zusammenfällt, Platz fünf nach 33 Spieltage ist respektabel.   Wobei die nackten Zahlen keineswegs die leblosen Leistungen widerspiegeln, die die Mannschaft zuletzt geboten hat. Schalke hatte wie in Köln und über weite Strecken gegen Stuttgart einen erbärmlichen Fußball gespielt. Es sei eben unmöglich, wie eine Spitzenmannschaft aufzutreten, „wenn du kein Vertrauen, kein Selbstbewusstsein spürst“, sagte Fährmann, und hinter diesen Worten verbarg sich auch ein leiser Vorwurf an die Fans, die dem Team in der ersten Halbzeit aus Protest jede Unterstützung verwehrt hatten. Heldt stellte desillusioniert fest: „Die Herzen sind erst einmal verloren.“

  Im Mittelpunkt des Volkszorns stand aber Clemens Tönnies. Der Aufsichtsratsvorsitzende kann froh sein, dass er sich auf der Mitgliederversammlung am 28. Juni nicht zur Wahl stellen muss, seine Amtszeit endet erst 2016. Tönnies’ Verantwortung für die Entwicklungen ist zwar nur schwer zu greifen, mit dem operativen Geschäft hat er offiziell nichts zu tun, aber in der Öffentlichkeit ist wohl kein Bundesliga-Aufsichtsrat so präsent wie der Großmetzger. Und die meisten Leute im Umfeld des Clubs sind sich sicher, dass er bei vielen wichtigen Entscheidungen mitredet. Dass er die prägende Instanz der Kultur dieses Vereins ist, der sich einerseits mit großem PR-Aufwand als Kumpel- und Malocherverein inszeniert, dessen Angestellte aber weit davon entfernt sind, die alten Bergarbeiterwerte zu verkörpern.  

Während der zweiten Hälfte wurde immer wieder „Tönnies raus!“ gebrüllt, und in einem Pamphlet, das in der vorigen Woche veröffentlicht wurde, wird der 58-Jährige zum Hauptschuldigen für die emotionale Krise erklärt. Bei dieser Anklage handelt es sich nicht um die Meinungsäußerung von ein paar fanatischen Ultras, das Schreiben wurde von 185 Fanclubs und von den beiden Dachorganisationen der Anhängerschaft unterzeichnet.   Wie diese Gräben wieder geschlossen werden sollen, wusste am Samstagabend natürlich niemand: „Jetzt muss man erst mal die Saison zu Ende bringen“, sagte Heldt.

Manche Beobachter meinen, ein neuer Trainer könne helfen, im Moment versichern die Verantwortlichen aber, dass Roberto Di Matteo das Team in die nächste Saison führen darf. Andere meinen, es müsse einen radikalen Umbruch im Kader geben, möglich ist aber auch, dass Horst Heldt geopfert wird.   Wobei es noch eine Chance zu Wiedergutmachung gibt: Dem Jubel über die Stuttgarter Tore gegen Hamburg war zu entnehmen, wie sehr die Schalker einen Abstieg des HSV begrüßen würden. Den kann die gescholtene Mannschaft am kommenden Samstag perfekt machen.