FDP-Spitzenkandidat Brüderle Sexismus-Vorwurf hat Brüderle zugesetzt

Berliner Büro: Thomas Maron (tm)
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Wahlkampf liegt ihm. Foto: dpa
Zugesetzt hat Brüderle vor allem der „Stern“-Artikel, der im Januar erschien und ihn als greisen Lustmolch beschrieb, unmittelbar nach seiner holprigen Kür zum Spitzenkandidaten. Brüderle wurde darin mit dem Vorwurf einer Journalistin konfrontiert, er habe sie ein Jahr zuvor beim Dreikönigstreffen in Stuttgart mit anzüglichen Bemerkungen belästigt. Eine heftige Auseinandersetzung über Sexismus im Alltag wogte über das Land. Brüderle war geschockt, fühlte sich als Opfer einer Kampagne, zog sich zurück, schweigt bis heute. Diese Geschichte und der Umstand, dass er aus unerfindlichen Gründen nicht zugriff, als ihm FDP-Chef Rösler neben der Spitzenkandidatur auch den Parteivorsitz anbot, ließen Brüderle geschwächt in den Wahlkampf ziehen.

Er fürchtet wegen all dieser Erfahrungen die Macht der Bilder, weil sie Meinungen prägen können, gegen die mit Worten nichts mehr auszurichten ist. Und so steigt er beim FDP-Wahlkampfauftakt vergangene Woche auch in der Kieler „Halle 400“ eben ohne Krücken auf die Bühne, auch wenn sie ihm eine große Hilfe wären. Dort geht es gut. Er lässt sich nichts anmerken, mal abgesehen davon, dass er sehr vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzt. Die Schmerzen zwingt er mit einem jovialen Lächeln nieder. Sein Gesicht ist schmal geworden, aber auf seine Stimme kann er sich wieder einigermaßen verlassen, die als traumatische Folge des Sturzes Mitte Juni schwer gelitten hatte.

Er, der vor dem Sturz „Sozialismus ist immer Mist“ brüllen konnte, dass es Joe Cocker eine Freude gewesen wäre, kann zwar noch nicht so laut werden, wie er es gern hätte. Und häufiger noch als früher bleiben pfälzisch dahingenuschelte Passagen auf ewig rätselhaft. Aber die Stimmgewalt reicht, um sich eine dreiviertel Stunde die Grünen vorzuknöpfen, die der FDP womöglich am Ende, wie es ein Spitzenliberaler jüngst präzise formuliert hat, „den Arsch retten“. Wolfgang Kubicki, der sein kleines Reich in Schleswig-Holstein aufgeben will, um den Bundestag in Berlin aufzumischen, hat das zuvor im Gärtchen der Kieler Geschäftsstelle so zusammengefasst: Die rot-grünen Steuererhöhungspläne und Verbotsvisionen seien für die FDP das beste „Wiederbelebungsprogramm“.

FDP liegt relativ stabil bei fünf Prozent

Rainer Brüderle treibt diese Masche wenig später vor rund 400 Gästen auf die Spitze, als er sagt: „Sie würden mir den größten Gefallen tun, wenn sie das grüne Programm mal lesen, dann brauchen sie das FDP-Programm gar nicht mehr lesen.“ Die Stimmung ist bestens, wenn Brüderle das Horrorbild einer grünen Verbotsrepublik skizziert. Aber was die FDP selbst will, außer der Zweitstimme möglichst vieler Unionswähler, das sagt der Spitzenkandidat Brüderle nicht, jedenfalls nicht so konkret, dass es wehtun könnte: den Soli abschaffen, schön; den Haushalt sanieren, gut; Haltung zeigen gegenüber staatlicher Bevormundung; okay; die Union als liberales Korrektiv besser machen, soso. Aber die schlichten Fragen aus der Sesamstraße – „Wer, wie, was?“ – die beantwortet er nicht.

Dass die Rechnung dennoch aufgehen, dass allein die Abkehr des ergrünten Bürgertums von Steuererhöhungs- und Veggie-Day-Plänen reichen könnte, zeigen die Umfragen. Die FDP liegt recht stabil bei fünf Prozent. Das ist zwar nach wie vor an der Grenze zwischen Himmel und Hölle, aber für die Liberalen ist das schon mal was. Brüderles Devise ist deshalb: stillhalten, Grün wirken lassen, bloß nicht bewegen, so dicht am Abgrund. Wer sich nicht mit steilen Thesen hervortut, so Brüderles Kalkül, der bietet keine Trefferfläche, der kann in keine Schusslinie geraten.

Zu wenig sei das, murren da schon einige in der FDP, zu lasch, zu kraftlos. Mitunter sind das dieselben, die Westerwelle als zu laut, zu überdreht, zu schrill beschimpft haben. Der FDP kann man es halt nicht recht machen. Und so wird Rainer Brüderle nach der Wahl seine Krücken womöglich doch noch gut gebrauchen können, wenn auch nicht zum Laufen.




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