Fechten als Bühnenkunst Klaus Figge bringt Action ins Alte Schauspielhaus

Fechtübung mit Fechtchoreograph Klaus Figge (re.) und Schauspieler Andres Mendez bei den Bad Hersfelder Festspielen 2018 Foto: imago/Eibner

Werden auf Theaterbühnen die Degen gekreuzt, steht meist der Name von Klaus Figge im Programmheft. Wie nun im Alten Schauspielhaus bei „Cyrano de Bergerac“.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Wie aus Sport Kunst wird, ist derzeit auf der Bühne im Alten Schauspielhaus zu bewundern. Wenn sich in Edmond Rostands romantischer Komödie Cyrano de Bergerac als Poet und Liebhaber durchsetzt, dann fliegen auch in Ulrich Wiggers Inszenierung die Klingen. Und wenn auf deutschsprachigen Bühnen Degen, Schwerter oder Säbel spektakulär gekreuzt werden, dann ist meist Klaus Figge im Spiel – wie nun auch in Stuttgart.

 

Beim Einfechten vor einer Bühnenprobe lässt sich der Kampf-Choreograf in die Karten schauen. Klack, kling, klingklackklack: Die Klingen der Degen rauschen in schnellem Rhythmus aufeinander, zerschneiden die Luft mit einem Fauchen. Pablo Sprungala pariert als Cyrano nicht nur souverän die Attacken mehrerer Angreifer, er hat sogar noch Zeit für eine Drehung.

Dynamik und eine Idee sind wichtig

Historische Authentizität, erläutert Klaus Figge die Bühnenduelle, sei nicht sein Ziel. „Wir fechten nicht wie im 17. Jahrhundert, Duelle waren damals wesentlich aktionsärmer. Bühnenfechtkunst hat andere Anforderungen als die reale“, sagt er. Neben der Dynamik steht für ihn die Idee der Inszenierung im Vordergrund. „Indem Cyrano in einer Drehung dem Gegner den Rücken zuwendet und seinen Angriff trotzdem pariert, kann ich seine Kunstfertigkeit zeigen“, erklärt Figge, wie er die Coolness Cyranos auf die Fechtkunst überträgt.

Im Gespräch mit dem inzwischen 80-jährigen Fecht-Altmeister aus Essen wird schnell klar, warum sein Wissen so gefragt ist. Von Angela Winkler bis Peter Zadek fällt im Gespräch mit ihm fast beiläufig das Who ist Who der deutschsprachigen Schauspielkunst. Ob Bruno Ganz als Hamlet, Uwe Ochsenknecht als Romeo oder Corinna Harfouch als Lear: Klaus Figge lässt jeden Schauspieler als Fechtkünstler gut aussehen – und jede Schauspielerin. Für das Thalia Theater, erinnert sich der Kampf-Designer an eine Inszenierung mit starker Frauenquote in den Duellen, habe er einmal die „Drei Musketiere“ mit vertauschten Rollen einstudiert.

Artistische Höchstleistung am Degen

Klar gebe es Naturtalente, sagt Figge, am Ende würden bei ihm aber alle das Fechten lernen – auch der etwas korpulente Hamlet, dessen Kollegen behauptet hätten: Der packt das nie! „Die Musik, die seinem Duell unterlegt wurde, half ihm letztendlich bei der Orientierung“, sagt der Choreograf und sucht auf seinem Smartphone nach einer Fechtszene, bei der Musik ebenfalls eine wichtige Rolle spielte. Felix Goeser und Bernhard Conrad sind da zu sehen, wie sie am Degen artistische Höchstleistung abliefern. 2006 war das, damals war Figge schon mal in Stuttgart tätig, um am Schauspielhaus spielfilmtauglich Action in „Gefährliche Liebschaften“ zu bringen, Technobeats befeuerten das Duell im Rhythmus der Klingen.

Schmerzende Gelenke: Klaus Figge denkt an Ruhestand

Dieser Rhythmus bestimmt seit Kindertagen das Leben von Klaus Figge. Schon als Schüler kam er durch einen engagierten Lehrer zum Sportfechten, auch beim Sportstudium in Köln blieb der Kampfsport Schwerpunkt. Später hat er mehr als vier Jahrzehnte lang an der Folkwang-Hochschule angehende Bühnenkünstler im Fechten unterrichtet. „Die ersten zwanzig Jahre auch in Akrobatik, aber das haben dann meine Knie nicht mehr mitgemacht“, sagt der Kampf-Choreograf, der sich wegen schmerzender Gelenke allmählich mit dem Ruhestand anfreunden will.

Vier bis fünf Inszenierungen an Theatern zwischen Hamburg und Wien stemmte Figge bislang im Jahr – kein familienfreundlicher Beruf. „Früher waren meine Frau und Kinder zumindest im Sommer zeitweise dabei, wenn ich für Freilichtspiele wie in Jagsthausen choreografiert habe“, blickt er zurück. Zwei seiner drei Kinder hätten ebenfalls Fechtsport betrieben, bis andere Interessen dominierten. „Heute müsste man Kinder schon mit Laserschwertern ködern“, sagt Figge. Dabei sind seine Duelle, wenn sich die Kontrahenten wie im Alten Schauspielhaus rauschhaft umkreisen, beste Fechtsport-Werbung. Aber auch den Kampf mit beiden Händen am Laserschwert beherrscht Figge, wie er für „Queen Lear“ am Gorki Theater in Berlin bewiesen hat.

Keine Kompromisse in Sachen Sicherheit

Ob „Star-Wars“-Ambiente oder Strandidylle: Klaus Figge macht fast alle Regie-Ideen mit; für Peter Steins „Lear“ am Burgtheater entwickelte er fast zwei Meter große Schwerter aus Leichtmetall, für eine Inszenierung von T.S. Eliots „Cocktailparty“ lieferte er ein Duell für Damen in Highheels und Mini-Rock. „Statt verbal kämpften sie mit Degen, in der linken Hand das Sektglas, rechts die Waffe.“

In einer Sache kennt Klaus Figge allerdings keine Kompromisse: „Das oberste Prinzip meiner Arbeit ist die Sicherheit. Duelle auf der Bühne dürfen nur gefährlich aussehen, aber nie gefährlich sein.“

Info

Termine
Weitere Aufführungen von „Cyrano de Bergerac“ gibt es im Alten Schauspielhaus bis zum 22. Oktober. Tickets sind zum Preis von 14,20 bis 28,50 Euro telefonisch unter 0711 / 22 77 00 oder im Internet unter www.schauspielbuehnen.de reservierbar.

Sicherheit
„Die Spitze der Degen ist immer außerhalb des Körperbereichs des Partners zu führen“, erklärt Klaus Figge. Um Ermüdungsbrüche zu verhindern, werden auch im Alten Schauspielhaus die Klingen der Degen in regelmäßigen Abständen ausgetauscht.

Stars
Unter den Schauspielern, denen Klaus Figge bereits für „Cyrano de Bergerac“ das Fechten beibrachte waren unter anderen Joachim Bißmeier, Jens Harzer, Wolfgang Hinze, Peter Jordan und Armin Rohde.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Altes Schauspielhaus Fechten