Fedcup in Stuttgart Auf neuen Wegen zurück zu alten Erfolgen

Klasse in Form: Angelique Kerber. Foto:  
Klasse in Form: Angelique Kerber. Foto:  

Mit einem Sieg gegen Tschechien will das deutsche Fedcup-Team in Stuttgart ins Finale einziehen. Gut also, dass das Duo Julia Görges und Angelique Kerber wieder in Topform ist.

Sport: Marko Schumacher (schu)
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Stuttgart - Das neue Regularium des Fedcups ist ganz nach dem Geschmack von Julia Görges und Angelique Kerber. Ihre Anwesenheit beim ersten Pressetermin ist seit diesem Jahr erstmals keine Pflicht mehr. Und weil sie auch andere Interviewwünsche negativ bescheiden durften, können sich die beiden Frontfrauen des deutschen Tennis in diesen Tagen in Stuttgart ganz aufs Wesentliche konzentrieren: aufs Training und die Regeneration.

Es ist gewissermaßen die Ruhe vor dem Sturm. Nächste Woche treten Görges und Kerber beim Porsche Tennis Grand Prix an. Und schon an diesem Samstag (12 Uhr) und Sonntag (11 Uhr) wollen sie das deutsche Team mit vereinten Kräften ins Fedcup-Finale führen. Halbfinalgegner in der Porsche-Arena ist Seriensieger Tschechien mit den Top-Ten-Spielerinnen Karolina Pliskova und Petra Kvitova. Dass der deutsche Teamchef Jens Gerlach dennoch von einem „Duell auf Augenhöhe“ spricht, liegt daran, dass sich seine Doppelspitze Görges und Kerber, in der Weltrangliste derzeit auf elf und zwölf platziert, wieder in Topform befindet. „Sie sind in so starker Verfassung, dass sie die besten Spielerinnen der Welt bezwingen können“, sagt Gerlach.

Erstaunliche Parallelen

Es sind erstaunliche Parallelen, die sich bei den Individualistinnen aus Norddeutschland auftun. Hinter beiden liegen schwere Zeiten, beide haben die Karrieretiefs zum Anlass genommen, ihr Leben und Umfeld neu zu ordnen – und beide sind seither wieder auf dem Weg zurück nach oben. Als erstes deutsches Duo seit Steffi Graf und Anke Huber vor mehr als 20 Jahren standen Julia Görges (29) und Angelique Kerber (30) Anfang Februar sogar gemeinsam in den Top Ten.

„Ich bin ein komplett anderer Mensch“, sagte Julia Görges zuletzt in einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“. 2011 hatte sie das Turnier in Stuttgart gewonnen und sich im Jahr darauf in der Weltrangliste bis auf Platz 15 verbessert – danach aber geriet ihre Karriere ins Stocken. Es folgten eine langwierige Handverletzung und viele Enttäuschungen, bis sie sich Ende 2015 zu einem Neustart entschied und alles auf Null drehte.

Ihren Lebensmittelpunkt verlegte die 1,80 Meter große Rechtshänderin von ihrer Heimat Bad Oldesloe weit in den Süden nach Regensburg, trennte sich von ihrem langjährigem Trainer Sascha Nensel und heuerte in Michael Geserer einen neuen Coach an. Zum „Team Jule“ zählt seither auch Physiotherapeut Florian Zitzelsberger, der gleichzeitig ihr Freund ist.

Und siehe da: 2017 war mit dem Turniersiegen in Moskau und Zhuhai das erfolgreichste Jahr ihrer Karriere; in die neue Saison startete sie im neuseeländischen Auckland mit einem weiteren Titel. „Ich bin so gut drauf wie noch nie. Ich spiele mein bestes Tennis. Das Gesamtpaket stimmt einfach – die Athletik, das Spielerische und die Taktik“, sagt Görges und wertet im Rückblick auch die Rückschläge als lehrreiche Erfahrung: „Ich glaube, diese Jahre dazwischen waren wichtige Phasen, die mich dahin brachten, einmal zu sagen: Ich will neue Wege gehen. Es hat alles seinen Sinn im Leben.“

Die Last der Erwartungen 2017

Noch tiefer war der Absturz von Angelique Kerber. Die strahlende Tenniskönigin war sie 2016, als die Kielerin die Grand Slams in Melbourne und New York gewann, in Wimbledon das Finale erreichten, in Rio Olympiasilber holte und die Spitze der Weltrangliste übernahm. 2017 jedoch brach sie unter der Last der neuen Erwartungen zusammen. Die Linkshänderin gewann kein einziges Turnier, rutschte von Weltranglistenplatz eins bis auf Rang 22 ab und hatte nicht nur mit den Gegnerinnen zu kämpfen, sondern, noch schlimmer, auch mit Selbstzweifeln. Kurzum: sie steckte in einer tiefen Krise.

Im vergangenen November entschied sich schließlich auch Kerber, normalerweise eine Frau mit großem Harmoniebedürfnis, für einen Neustart. Sie tauschte ihr Team aus, engagierte einen Fitnesstrainer, optimierte ihre Ernährung und ersetzte ihren langjährigen Trainer Torben Beltz durch den Belgier Wim Fissette. „Mit Wim fängt ein neues Kapitel an“, sagte Kerber.

Ihr gesamtes Spiel stellte der neue Coach, der einst mit seiner Landsfrau Kim Clijsters Grand-Slam-Titel gewonnen und Sabine Lisicki ins Wimbledon-Finale geführt hatte, auf den Prüfstand und nahm einige Veränderungen etwa beim Aufschlag vor. Mit durchschlagendem Erfolg: Mit einem Turniersieg in Sydney startete Kerber in die neue Saison und scheiterte bei Australian Open erst im Halbfinale nach einem heroischen Kampf an der rumänischen Weltranglistenersten Simona Halep. „Ich spiele wieder mein bestes Tennis“, sagt sie, „das ist für mich das Wichtigste.“

Jetzt also das Duell mit Tschechien, die Chance auf den Einzug ins Finale, die Hoffnung auf den ersten deutschen Fedcup-Sieg seit 1992. Julia Görges und Angelique Kerber werden am Wochenende Seite an Seite kämpfen, ehe sie nächste Woche beim Porsche Grand Prix wieder zu Rivalinnen werden.

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