Als Leonie Meyer (Name geändert) im Mai ihre Masterarbeit abgibt, ist sie voller Zuversicht. Gerade hat sich die 27-Jährige auf ihre Traumstelle beworben. Dass die Konkurrenz groß sein wird, ist ihr schon klar. Aber sie hat sich große Mühe mit der Bewerbung gegeben, sich genau über das Unternehmen informiert. Trotzdem wartet sie Wochen und Monate auf eine Antwort. Die allerdings, das schon mal vorweg, kommt nie. Sie wurde, umgangssprachlich formuliert, von der Personalabteilung „geghostet“.
Es ist ein Phänomen, das viele Menschen kennen, die sich nach einem neuen Beruf umsehen. Ursprünglich kommt der Begriff „Ghosting“ aus dem Online-Dating. Er beschreibt den abrupten und vollständigen Kontaktabbruch eines Gesprächspartners – meist Freunde oder Partner – ohne jegliche Vorwarnung oder Erklärung. Der englische Begriff „Geist“ verbildlicht, dass eine Person spurlos verschwindet und für ihr Gegenüber nicht mehr greifbar ist. Was macht das mit den Bewerbern? Und inwieweit kann man dafür sorgen, tatsächlich auch eine Antwort zu bekommen – auch wenn es eine Absage ist?
40 Bewerbungen, aber deutlich weniger Antworten
Leonie Meyer hat etwa 40 Bewerbungen geschrieben. Die Stuttgarterin hat im pädagogischen Bereich studiert, bewirbt sich aber auch auf Stellen außerhalb des Schulkontextes. Von wie vielen genau sie keine Antwort bekommen hat, kann die Stuttgarterin nicht genau sagen, „aber es waren schon einige“.
Mit ihrer Erfahrung ist die Stuttgarterin nicht allein: Zwei Drittel aller Jobsuchenden berichten in einer aktuellen Befragung durch die Bewerbungsplattform Stepstone, dass sie schon einmal von einem Unternehmen „geghostet“ wurden. Am häufigsten geschehe das, wie bei Leonie Meyer, nach dem Einreichen der Unterlagen (44 Prozent), knapp jeder Zehnte warte nach dem ersten Bewerbungsgespräch vergeblich auf Rückmeldung.
Im ewigen Wartemodus
Nachdem Meyer ihre Bewerbung abgeschickt hat, verfällt sie in eine Art Wartemodus. Parallel bewirbt sie sich zwar auch für andere Positionen, aber ihre Traumstelle hat sie weiterhin fest im Hinterkopf. „Zuerst denkt man sich, ‚okay, sie brauchen noch Zeit, ich gebe ihnen noch eine Weile’“, sagt sie. Aber Wochen vergehen, und irgendwann ist es doch lange her, dass Bewerbungsfrist abgelaufen ist. „Man kann sich dann vorstellen, dass sie ihre Favoriten schon eingeladen haben.“
Nach einer Weile und einer zunehmenden Unsicherheit wendet sich Meyer an eine befreundete Personalerin. „Sie meinte, mit meinen Bewerbungsunterlagen ist alles okay“, sagt Meyer. Dann kommen die Selbstzweifel hoch: Lag es an mir? An meinem Lebenslauf, meinem Studium, meinen Entscheidungen?
Job-Ghosting führt zu Unsicherheit und Unzufriedenheit
„Für Bewerbende ist es extrem frustrierend, wenn nach einer Bewerbung einfach keine Antwort mehr kommt, besonders wenn man Zeit und Energie investiert hat“, berichtet auch Steffen Both, Karriereexperte beim Karriereportal Stepstone. „Oft steckt dahinter jedoch kein böser Wille, sondern eine Kombination aus überlasteten Personalabteilungen, langen Entscheidungswegen und fehlenden Ressourcen“, sagt Both. Schweigen schade jedoch auch dem Unternehmen. „Wer nicht reagiert, verpasst die Chance, Talente zu gewinnen und einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen.“
Auch Leonie Meyer hat Verständnis dafür, wenn Personalabteilungen wegen zu vieler Bewerbungen Schwierigkeiten damit haben, Rückmeldungen zu geben. Trotzdem würde sie sich wenigstens eine Standardantwort wünschen. „Es ist ja auch eine Art von Kränkung, dass die Mühe, die man sich gemacht hat, gar nicht honoriert wird“, so die Stuttgarterin.
Was können Bewerber gegen das Ghosting tun?
„Ob eine Rückmeldung kommt, liegt in erster Linie beim Unternehmen“, sagt Steffen Both. „Bewerbende können den Prozess jedoch unterstützen, indem sie den Kontakt freundlich aufrechterhalten, bei Gelegenheit nach dem Stand fragen und benötigte Unterlagen zeitnah bereitstellen.“ Wer schon im Gespräch war, könne dort nachfragen, wann mit einer Antwort zu rechnen ist. „Das schafft auf beiden Seiten Verbindlichkeit und signalisiert Interesse, ohne Druck auszuüben.“
Wichtig sei aber auch der richtige Zeitpunkt: „In kleineren Unternehmen kann man oft schon nach ein bis zwei Wochen freundlich nachfragen, in größeren Organisationen empfiehlt es sich, zwei bis drei Wochen Geduld mitzubringen“, so Both. Aber selbst wenn am Ende keine Antwort komme, sei das eine wertvolle Information über die Unternehmenskultur. „Wer schon im Bewerbungsprozess schlecht kommuniziert, wird das im Arbeitsalltag vermutlich nicht besser machen – dann lieber abhaken und weitersuchen.“
Leonie Meyer hat inzwischen eine Stelle gefunden. In Erinnerung bleiben ihr zwar auch die Unternehmen, von denen sie nie etwas gehört hat, aber vor allem diejenigen, die ihr ein wertschätzendes Feedback gegeben haben. „Die Personalerin meinte, es seien wahnsinnig viele Bewerbungen gekommen und man habe auswählen müssen. Das kann man dann ja absolut verstehen.“