„Feen//Fairies“ in den Wagenhallen Rolle rückwärts in die Zukunft
Die Tanzperformance „Feen//Fairies“ von Nicki Liszta zeigt in den Wagenhallen kollektives Körpertheater, das unter die Haut geht.
Die Tanzperformance „Feen//Fairies“ von Nicki Liszta zeigt in den Wagenhallen kollektives Körpertheater, das unter die Haut geht.
Puristisch gut! Zwei große blaue Weichbodenmatten, mehr braucht es nicht, um eine ganze Welt aufzubauen. An der Rückwand aufgestellt, neben der eine Frau auf den Boden sich so angespannt streckt, dass ihr Kopf dahinter verschwindet. An der Seitenwand lehnt eine andere Frau, den Kopf unter ihren Armen verborgen. Die starre Stille im Raum bricht schließlich ein Mann. Er wagt sich in die leere Mitte des Geschehens, taxiert mal kurz vorwärts, mal auf allen vieren, mal rückwärts, dann festgewurzelt nervös das Publikum. Angriff? Zustimmung? Er nickt, zuckt, ruckelt.
Nun verlässt auch die Frau von der Seitenlinie die Deckung. Rückwärts, vorgebeugt, die Arme wie Anschieber hat sie mit großen Augen die Zuschauenden im Blick, formt sachte eine Art Kuss. Ein anderer Mann folgt, schreitet fest, fast maschinell rückwärts. Die Liegende schließlich – aus dem Mattenschutz hervorgerobbt – zuckt mit den Füßen, springt wie ein Pferdchen, streicht so hektisch über Haar und Oberkörper, dass sie diese weiblich konnotierte Geste, nun jeglicher Attraktion beraubt, ad absurdum führt.
Schon die ersten Szenen der Tanzperformance „Feen//Fairies“ von Backsteinhaus Produktion, die im Projektraum des Kunstvereins Wagenhallen ihre Stuttgartpremiere hatte, ziehen in den Bann und öffnen die Schleusen für Assoziationsfluten. Erzählt doch die Choreografin Nicki Liszta – in Kooperation mit den Performenden – keine Geschichte im üblichen Sinne, vielmehr tausend verschiedene Realitäten voller Überraschungen.
Es geht um unsichere Räume, rückwärtsgewandte Bewegungen, Diskriminierung, Ohnmachtsgefühle angesichts von Machtverhältnissen, Rollenzuschreibungen und gesellschaftlich eingeübten Verhaltensweisen. Und es geht um das Entdecken, welche Kraft aus Selbstermächtigung und dem Verlernen gewohnter Mechanismen erwachsen kann, wie Selbstwirksamkeit und Sichtbarkeit zu Angstfreiheit und Handlungsfähigkeit führt.
Was könnte da einen besserer Auftakt bieten, als James Browns Aufschrei „This is a man’s world .... but it wouldn’t be nothing, nothing without a woman or a girl“? Musiker und Komponist Heiko Giering verwebt diesen Satz mit Beats, Brummen und Drums zu einem elektronischen Klangteppich, währenddessen die vier Tanzenden die dicken Matten – Moritz Martin konzipierte die Kulisse mit Liszta – zu ihren Komplizinnen machen. Sie sind sichere Inseln, auf denen sie Vertrauen finden, zu sich und zueinander. Im gemeinsamen Rhythmus schieben sie diese voran, allein durch ihre Bewegungen, ihre kollektiven Körperwellen.
Sie entscheiden selbst, wann sie fallen und aufstehen, wann sie den Gipfel der Matte erklimmen, wann diese zum Pferd wird, wann sie in Beziehung, Posen, gleiche Schritte treten – und zusammen den Raum verlassen, um neues Terrain zu erkunden. Wie Steven Chotard, Adriadna Gironès Mata, Seung Hwan Lee und Andreia Rodrigues den Rückwärtslauf zur Reflexion geben, achtsam und ausdrucksstark, so vorwärts der Zukunft entgegen gehen, das irritiert im bestem Sinn: Es fasziniert, geht unter die Haut und rüttelt wach.
Termine: 13. und 14. Januar 2024.