In der Krise sparen die Unternehmen am Personal – zulasten der Gesundheit ihrer Mitarbeiter. Im Kreis Ludwigsburg nimmt die Zahl psychischer Erkrankungen drastisch zu.
Mit dem Herbst kommt die erste Krankheitswelle. Schon im ersten Halbjahr 2025 war der Krankenstand im Kreis Ludwigsburg hoch. Zwischen Januar und Juni war jeder und jede Beschäftigte im Schnitt rund 8,5 Tage arbeitsunfähig geschrieben, teilt die Krankenkasse DAK mit. Das liegt über dem Landesdurchschnitt. Medizinern bereiten aber nicht die Erkältungen, sondern vor allem eines Sorge: der Anstieg psychischer Krankheiten.
Zwar sind Atemwegserkrankungen nach wie vor die häufigste Ursache für Ausfälle. Diese Infekte liegen laut DAK mit 205 Fehltagen je 100 Versicherte auf dem ersten Platz bei den Ausfällen. Aber mit 164 Tagen folgen bereits die psychischen Krankheiten – Tendenz: seit Jahren steigend.
Zusammenhang von Personalmangel und Gesundheit
Das stellt Dr. Jürgen Knieling, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Bietigheim-Bissingen, fest. Dort hat die Zahl der Anfragen von Patienten in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. „Von 2021 auf 2023 haben sich die Fehltage aufgrund von psychischen Erkrankungen verdoppelt“, sagt der Facharzt. Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene seien inzwischen häufiger von Depressionen betroffen als früher.
Termindruck, Überstunden, schlechtes Arbeitsklima und emotionaler Stress: Der Leistungsdruck und die gestiegenen Anforderungen im Beruf machen immer mehr Beschäftige arbeitsunfähig und erhöhen die Fehlzeiten. „Das belegen die Daten sehr gut“, betont Knieling. Er sieht einen direkten Zusammenhang von Personalmangel und der psychischen Gesundheit.
Mit Sorge beobachtet er daher die Pläne von Unternehmen zum Personalabbau in der Region Stuttgart. „Das Narrativ vom ständigen Wirtschaftswachstum macht unsere Gesundheit kaputt“, kritisiert der Facharzt. Zwar hängen mehrere Faktoren mit der Entstehung von Depressionen zusammen, beispielsweise die Genetik. „Aber der Job spielt eine entscheidende Rolle“, erklärt Knieling.
Angst vor Jobverlust belastet die Leute
Bei vielen jüngeren Betroffenen wirkt verstärkend nach, dass sie in der Corona-Pandemie viel allein waren und vergessen wurden. Auch bei älteren Patienten ist die Vereinsamung ein Grund dafür, dass sie psychisch erkranken, sagt der Ärztliche Direktor.
Dass die Arbeitssituation krank macht, kann Hausarzt Dr. Martin Kullmann bestätigen. Er führt in Möglingen eine Praxis, in der pro Quartal rund 1800 Patienten behandelt werden. „Dass hier im mittleren Neckarraum viele gute Arbeitsplätze gefährdet sind, das spüren die Leute.“ Der gestiegene Leistungs- und Effizienzdruck, das verschlechterte Betriebsklima und das Gefühl, funktionieren zu müssen, wirkten sich negativ aus. „Viele fühlen sich als kleines Rad, wert- und machtlos“, fasst Kullmann zusammen.
In seinen Sprechstunden hat er es daher deutlich häufiger als früher mit psychischen und psychosomatischen Beschwerden zu tun. Vor allem jüngere Männer werden deshalb öfter in seiner Praxis vorstellig. Wegen Altersdepressionen kommen allerdings auch Senioren zu ihm. „Ihnen machen Einsamkeit, der körperliche Verfall und die Weltpolitik zu schaffen“, sagt der Hausarzt.
Größte Arbeitgeber setzen auf Präventivangebote
Facharzt Jürgen Knieling appelliert an die Arbeitgeber, die Gesundheit ihrer Mitarbeiter ernst zu nehmen. Es brauche dauerhaft gute Jobbedingungen. Haben die großen Unternehmen im Kreis Ludwigsburg die mentale Verfassung ihrer Beschäftigten im Blick? Bei Dürr in Bietigheim-Bissingen werde das Thema psychische Belastungen bei den Gesundheitsangeboten für die Mitarbeiter berücksichtigt, sagt Mathias Christen, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Unternehmens. Unter anderem gebe es eine betriebliche Sozialberatung durch eine Psychologin. „Dorthin können sich Beschäftigte mit persönlichen oder beruflichen Belangen wenden“, teilt Christen mit. Darüber hinaus stehen zur Krankheitsprävention Kurse, Vorträge und jetzt im Oktober ein Infotag zur mentalen Gesundheit auf dem Programm.
Auch die Wüstenrot und Württembergische AG, einer der größten Arbeitgeber im Landkreis, versucht, mit einem Mix an niederschwelligen Angeboten die Belegschaft zu erreichen. „Neben Informationen und Trainings beispielsweise zu Stressmanagement und Resilienz sowie regelmäßige Yoga-Kurse zur Steigerung der körperlichen und mentalen Gesundheit bieten wir unter anderem eine 24-Stunden-Hotline bei sozialen oder psychischen Problemen“, teilt Pressesprecher Immo Dehnert mit. Das stoße auf gute Resonanz.