Feinstaub Atmen gefährdet die Gesundheit

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Die Luft an der Hohenheimer Straße scheint gleichzeitig besser und schlechter geworden zu sein. Der Widerspruch ist eine Frage der Lesart und der Rechenmethode.

Die Messstation an der Hohenheimer Straße registriert sauberere Luft,  wenn auch nicht weniger Feinstaub. Wie viel Einfluss  Tempo 40 hat, ist unklar. Foto: Michael Steinert
Die Messstation an der Hohenheimer Straße registriert sauberere Luft, wenn auch nicht weniger Feinstaub. Wie viel Einfluss Tempo 40 hat, ist unklar. Foto: Michael Steinert

S-Mitte - Gemessen an den Zahlen, müsste das Bundesgesundheitsministerium an allen Hauptstraßen Warnschilder aufhängen lassen: Vorsicht, atmen gefährdet Ihre Gesundheit. Geschätzte 3300 Deutsche sterben jährlich wegen der Folgen des Passivrauchens. Das Einatmen von Feinstaub tötet gemäß EU-Rechnung fast 20 mal so viele Bundesbürger: 65 000.

Eine Zahl, die Rudolf Frank alarmiert, den Vorsitzenden des Bürgervereins Stitzenburgviertel, das an die Hohenheimer Straße grenzt. Dort werden – gleich nach dem Neckartor – regelmäßig die höchsten Feinstaubwerte Stuttgarts gemessen. Nach diesem Maßstab ist das Neckartor die giftigste Kreuzung Deutschlands.

Frank lässt sich immer wieder die Werte der Messstation in seiner Nachbarschaft kommen, die direkt vor dem Feinschmecker-Restaurant Kerns Pastetchen steht. Die Zahlen „sind fast noch besser als am Neckartor“, sagt Frank – und meint schlechter, nämlich höher. Die Stadt hingegen hat verlautbaren lassen, dass „die Luft an der Hohenheimer Straße erheblich besser geworden ist“ – und meinte besser. Dies verbunden mit dem Hinweis, eine Ursache der frohen Kunde sei, dass die erlaubte Höchstgeschwindigkeit auf 40 Stundenkilometer gedrosselt wurde. Der Widerspruch ist erklärbar. Er ist eine Frage der Lesart und der Rechenmethode.

Wichtiger als die Geschwindigkeit ist der Verkehrsfluss

Aber ob das strittige Tempo 40 auf der Hohenheimer Straße und künftig auch an anderen Steigungen die Luft nennenswert verbessert, weiß nicht einmal Ulrich Reuter zu sagen, der städtische Chefklimatologe. Wichtiger als die Geschwindigkeit „ist, den Verkehr zu verflüssigen“, sagt er. Die Grüne Welle spart Sprit und damit Gift. Deswegen wurden an der Hohenheimer Straße die Ampelschaltungen geändert. Mutmaßlich hat dies sogar größere Wirkung als die gedrosselte Geschwindigkeit, was Autofahrer erfreut. Bis zur Einführung des Limits war das Parken auf der rechten Fahrbahn oberhalb der Dobelstraße von 19 Uhr an erlaubt. Seither ist es bis 21 Uhr verboten. Der Feierabendverkehr fließt also länger auf zwei Spuren. Kein Autofahrer muss des Einfädelns wegen bremsen oder Gas geben.

Dass die Luft nach Mitteilung der Stadt besser, nach Meinung von Frank schlechter geworden ist, ist einfach erklärbar. Jene städtische Verlautbarung bezog sich auf Stickstoffdioxid, das in höheren Konzentrationen giftig ist. Dessen Messwert ist deutlich gesunken. Das Wort Feinstaub kam in jener städtischen Mitteilung hingegen nur ein Mal vor: In einem Satz, der künftige Verbesserungen ankündigt. Womöglich, weil Tempo 40, grüne Welle und Parkverbot „nur beim Stickstoffdioxid nennenswerte Veränderungen gebracht haben“, wie Reuter sagt. Die Feinstaubwerte sind allenfalls geringfügig zurückgegangen.

Der Spitzenwert spielt laut Gesetz keine Rolle

Oder auch nicht, denn Frank liest seine Zahlen richtig – aber aus Sicht des Gesetzgebers die falschen Zahlen. Die täglich gemessenen Höchstwerte reichen an der Hohenheimer Straße in der Tat regelmäßig an die des Neckartors heran, gelegentlich liegen sie sogar darüber. Allerdings ist der Spitzenwert rechtlich nicht reguliert. Beim Feinstaub ist die Zahl der Tage entscheidend, an denen die Grenze von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft durchstoßen wird. Ob der Wert zwei Mikrogramm höher ist oder 200, spielt keine Rolle. Beim Stickstoffdioxid wird bemerkenswerterweise nicht in Überschreitungstagen gerechnet, sondern in Überschreitungsstunden.

Überdies sind die Messwerte nicht einmal von einem Jahr zum nächsten ernsthaft vergleichbar. Die Konzentration der Gifte hängt ab von Regen oder Sonnenschein, Sturm oder Windstille, von der Jahreszeit und sogar von Schul- oder Ferienzeit, denn selbstverständlich steigt sie bei Stau. Was für die Anwohner in diesem Jahr eine triste Tatsache ist. Die Hohenheimer Straße war Dauerbaustelle, weswegen immer wieder Fahrspuren gesperrt wurden. Trösten können sich die Anwohner damit, dass sich auf lange Frist gerechnet die Kurven nach unten gebogen haben. Seit Ende 2005 der städtische Luftreinhalteplan in Kraft trat, „sind alle Werte kontinuierlich gesunken“, sagt Reuter. Weniger tröstlich ist sein Nachsatz: „Aber nicht genug“.

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