Am Neckartor liegen die gesundheitsgefährdenden Partikelschwaden schon wieder über dem gesetzlichen Limit. Der Jahresgrenzwert ist seit März überschritten. Außerdem sind viele Plakettensünder unterwegs.

Stuttgart - Mit seinem geplanten Maßnahmenpaket gegen den Feinstaub sollte Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) sich sputen. Denn am Neckartor liegen die gesundheitsgefährdenden Partikelschwaden schon wieder über dem gesetzlichen Limit: Der Grenzwert von 35 Mikrogramm je Kubikmeter Luft wurde bereits am 16. März überschritten – auf den Tag genau wie voriges Jahr. Inzwischen ist die Luft am Neckartor noch dicker geworden: Bis zum 17. April registrierten die Sensoren bereits 53 Tage mit zum Teil deutlich über dem Limit liegenden Schadstoffwerten.

„Am Neckartor gibt es noch ganz viel Luft nach unten“, sagt Christiane Lutz-Holzhauer von der Landesanstalt Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW). Denn die von der Abteilung Luftqualität genauer analysierten 36 Überschreitungen bis Mitte März sind zum großen Teil erheblich höher als die gesetzlich vorgeschriebene Grenzmarke von 50 Mikrogramm je Kubikmeter Luft. An elf Tagen lagen die Konzentrationen zwischen 51 und 59 Mikrogramm. An 16 Tagen wurden Werte zwischen 60 und 79 Mikrogramm gemessen. Und neunmal meldete die Messstation sogar Konzentrationen zwischen 82 und 128 Mikrogramm Feinstaub. Dabei lagen die meisten dieser Werte über 100 Mikrogramm – dem Doppelten des Grenzwerts.

Daher sieht Christiane Lutz-Holzhauer „am Neckartor noch sehr viel zu tun“. Für die Fachfrau ist an der Messstation, die täglich von mehr als 80 000 Fahrzeugen passiert wird, „der Verkehr der dominierende Faktor“. Ohne eine Reduzierung des Verkehrs sei das weit über dem Grenzwert liegende Schadstoffproblem kaum in den Griff zu bekommen.

Bildung von Fahrgemeinschaften könnte Belastung senken

„Eine Abnahme der Feinstaubbelastung ist nicht erkennbar“, sagt auch Ulrich Reuter, der Leiter der Abteilung Klimatologie im städtischen Umweltamt. Der diesjährige Schadstofftrend am Neckartor spiegele bis auf den Tag genau die Entwicklung des vergangenen Jahres. „Deshalb dürften die Werte auch wieder auf dem gleichen Niveau liegen“, vermutet Reuter. Im vergangenen Jahr war der Grenzwert am Neckartor an 78 Tagen überschritten worden.

Für den Fachmann Reuter birgt diese Stagnation keine Überraschungen. „Der Rückgang von 89 im Jahr 2011 auf 78 Tage war auf das Verbot der gelben Plakette zum 1. Januar 2012 zurückzuführen“, betont er. „Seitdem sind aber keine neuen Maßnahmen ergriffen worden, um die Feinstaubbelastung zu senken.“ Reuter rechnet damit, das die Werte auf hohem Niveau verharren. Die möglichen Eingriffe durch die Kommune seien weitgehend ausgereizt. Auch das geplante Parkraum-Verkehrsmanagement könne die Feinstaubfracht nicht so stark wie nötig senken. „Viel wirksamer wäre ein Verbot für Dieselfahrzeuge, das aber politisch nicht durchsetzbar ist“, sagt Reuter.

Die Bildung von Fahrgemeinschaften könne allerdings ein Weg sein, um die Feinstaubbelastung zu senken. „Wenn vier Pendler gemeinsam statt allein zur Arbeit fahren würden, dann blieben drei Autos stehen“, so Reuter. Deshalb müsse der Dialog mit Unternehmen für ein betriebliches Mobilitätsmanagement rasch intensiviert werden.

Aktuelle medizinische Studie

Eine aktuelle medizinische Studie des Westdeutschen Herzzentrums in Essen hat bestätigt, dass Feinstaub und nächtlicher Lärm das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen. Das Einatmen kleiner Feinstaubpartikel könne Verkalkungen und Verhärtungen an der Hauptschlagader hervorrufen. Menschen, die in der Nähe von Verkehrsadern leben, trügen ein höheres Risiko für solche Gefäßablagerungen. Diese Ergebnisse sind Teil einer vor zehn Jahren gestarteten Studie mit mehr als 4800 Teilnehmern aus Essen, Mülheim und Bochum.

Angesichts hoher gesundheitsschädlicher Schadstoffwerte fordert die Deutsche Umwelthilfe (DUH) größere Anstrengungen bei der Überwachung der Umweltzonen. Die Umweltorganisation hat Stuttgart und vielen anderen Städten die Rote Karte gezeigt und Klagen gegen „kontrollfaule Städte“ angekündigt.

Stadt will konsequent gegen Plakettensünder vorgehen

Die Stadt hält allerdings dagegen: „Wir haben von Anfang April bis jetzt 1440 Strafzettel gegen die Halter von Fahrzeugen mit falscher oder fehlender Plakette ausgestellt“, teilt der Pressesprecher Andreas Scharf mit. Die gesetzliche Grundlage für diese Kontrollen sei erst seit dem 1. April mit der sogenannten Halterhaftung gegeben. Für den OB Fritz Kuhn läuft der Vorwurf der DUH daher ins Leere. „Bisher waren uns durch Gerichte die Hände gebunden. Jetzt geht die Stuttgarter Verkehrsüberwachung aber konsequent gegen Plakettensünder vor““, so Kuhn.

„Wir führen da keine Strichliste“, heißt es hingegen bei der Stuttgarter Polizei in Sachen Durchfahrverbot für Lastwagen. Bei den täglichen Kontrollen des Schwerverkehrs in der Stadt werde aber auch dieser Punkt wie viele andere beachtet, überprüft und bei Verstößen auch mit einem Strafzettel geahndet.

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