Die Ergebnisse aller Gutachten zum Thema Schadstoffbelastung widerlegen, dass langsamere Autos weniger Schadstoffe ausstoßen. Dennoch wird das Tempolimit in der Hohenheimer Straße in Stuttgart als Erfolg gefeiert.

Böblingen: Marc Schieferecke (eck)

Stuttgart - Die Ergebnisse aller Gutachten zum Thema sind zweifelsfrei: Messfahrten mit drei Dieselwagen unterschiedlicher Fahrzeugklassen „zeigten einen eindeutigen Trend zu steigenden Emissionen bei geringeren Geschwindigkeiten“. Im Klartext: Je langsamer ein Auto in der Stadt bewegt wird, desto mehr Gift stößt sein Motor aus. So ist es in einer Studie zusammengefasst, die der Tüv gemeinsam mit der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz (LUBW) verfasste. In der LUBW forschen 550 Mitarbeiter zum Wohle der Umwelt.

Die Fahrer waren mit 30, 40 und 50 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit in Stuttgart unterwegs. „Bei Konstantfahrten waren die Ergebnisse eindeutig“, sagt Martin Kleinebrahm, der für den Tüv an der Studie beteiligt war. Andere Messfahrten im Auftrag der LUBW und des bayerischen Umweltamts mit drei Mittelklassewagen ergaben: „Geschwindigkeitsreduzierungen auf Tempo 30 oder 40 führen nicht zu einer Verminderung der NOx-Emissionen.“ Eher im Gegenteil: Insbesondere bei 30 Stundenkilometer stießen die Fahrzeuge mehr Gift aus. NOx ist das Kürzel für die chemische Familie der Stickoxide. Die sind nur einer der Schadstoffe, die Verbrennungsmotoren produzieren – vom ungiftigen, aber klimaschädlichen Kohlendioxid bis zum berüchtigten Feinstaub.

Bei einer Höchstgeschwindigkeit von 40 gilt: Es kommt auf die Strecke und das Auto an. Auf ebener Straße wirkt das Limit wiederum zum Schlechteren. Bergauf können einzelne Schadstoffwerte sinken, andere steigen. Motorgröße, Systeme zur Abgasreinigung und Spritart bewirken je nach Schadstoff teilweise gegenläufige Effekte. Die Gutachter kamen zum Ergebnis, dass Tempo 40 an Steigungen insgesamt wohl nicht schadet.

Maßnahmen wurden Ende des Jahres 2012 angeordnet

Aber grau scheint alle Theorie. An der Hohenheimer Straße gilt Tempo  40. An ihr „ist ein deutlicher Rückgang insbesondere der Stickoxidbelastung zu verzeichnen“. So beschied es jüngst OB Fritz Kuhn (Grüne) der CDU, die in einem als kritisch zu verstehenden Antrag Aufklärung über die Wirksamkeit des Limits gefordert hatte. Wegen eines abendlichen Parkverbots auf der rechten Spur seien sieben Prozent weniger, wegen Tempo 40 weitere neun Prozent weniger Stickstoffdioxid gemessen worden. Beide Maßnahmen wurde Ende 2012 angeordnet.

Einig ist Kuhn mit den Experten, dass „eine Verstetigung des Verkehrsablaufs“ die entscheidende Richtgröße gegen Abgas ist. Heißt: Je seltener Autofahrer zum Bremsen und Beschleunigen gezwungen sind, desto sauberer ist die Luft. Kuhn merkte an, die verminderte Geschwindigkeit trage wesentlich zum besseren Verkehrsfluss bei – und beruft sich ausgerechnet auf die Studie, die zum Schluss kam, Tempo 40 habe bestenfalls keinen Effekt.

Kaum jemand hält sich an das Tempolimit

Die darf aber als akademisch gelten, denn kaum jemand hält sich ans Limit. Die durchschnittliche Geschwindigkeit auf der linken Spur der Hohenheimer Straße beträgt 52,1, auf der rechten 44,2 Stundenkilometer. Die Unterschiede zu den Tempo-50-Zeiten sind damit nur hinter dem Komma zu finden. So vermerkten es drei Autoren eines Aufsatzes in der Fachzeitschrift Immissionsschutz. Sie urteilten, dass die Wirksamkeit von Tempo 40 allein aus den Daten nicht herauszurechnen sei.

Eindeutig erkennbar sei hingegen, dass wegen des Parkverbots der Verkehr besser abfließe. Abgesehen davon wurden die Ampeln auf grüne Welle programmiert. Weshalb „ich vermute, dass die anderen Faktoren größeren Einfluss haben“, sagt Martin Kleinebrahm. Erwiesen sei dies aber nicht.

Selbst der städtische Chefklimatologe Ulrich Reuter, der oberste Hüter über die Luftqualität in Stuttgart, zweifelt am entscheidenden Einfluss der Tempobremse. „Die Geschwindigkeiten haben nicht stark abgenommen, aber die Verstetigung des Verkehrs haben wir hervorragend geschafft“, sagt er. Die sei „der Schlüssel zum Erfolg“. Mutmaßlich hätten die Zweispurigkeit am Abend und die grüne Welle den deutlich größeren Anteil.

Zwölf Prozent weniger Stickstoffdioxid

Ungeachtet der Ursache lobten die Autoren jenes Fachaufsatzes – allesamt wiederum Angestellte der LUBW –, der Rückgang des Stickstoffdioxids in der Luft sei erstaunlich. Um satte 90 Prozent hatte die Zahl der Fälle abgenommen, in denen die gesetzliche Obergrenze durchstoßen wurde. Mit immerhin noch zwölf Prozent bemaßen sie das Minus des Jahresmittelwerts. Allerdings nur beim Stickstoffdioxid. Bei anderen Schadstoffen wie Stickstoffmonoxid oder Feinstaub sei keine nennenswerte Änderung zu verzeichnen.

Dies scheinen aktuelle Werte der Messstation an der Hohenheimer Straße zu bestätigen. Die gesetzliche Grenze für die Feinstaubkonzentration wurde in diesem Jahr bis Ende Oktober 24 Mal überschritten. Im Jahr 2012, dem letzten, in dem noch Tempo 50 galt, wurden insgesamt 29 Überschreitungen registriert. Der Schwerpunkt sind stets die kalten Monate. Ohnehin scheinen sich die Feinstaubwerte weder politischer Meinung noch akademischen Studien beugen zu wollen. Den niedrigsten Wert der vergangenen zehn Jahre erreichten sie 2014, den zweitniedrigsten aber 2008. Was laut Reuter schlicht zu erklären ist: „In Jahren, in denen viel Wind ist, wird der Feinstaub besser verteilt.“