Feldhasen zählen in Filderstadt Der Osterhase im Scheinwerferlicht

Im Frühjahr und im Herbst wird die Population der Feldhasen mittels der sogenannten Scheinwerfertaxation erfasst. Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Der Feldhase gilt in Deutschland als gefährdet, mittlerweile aber erholt sich der Bestand. Auf der Filderebene fühlen sich die Tiere besonders wohl. Eine Gruppe von Jägern zählt rund um Sielmingen regelmäßig nach – nachts, im Auto, mit einer Lampe.

„Hase!“, ruft Ulrike Arnold, doch nach einer Sekunde korrigiert sie. „Zwei!“ Das Auto stoppt abrupt. Wolfgang Hinderer und Sigmar Zappe schauen gemeinsam mit Ulrike Arnold in die Nacht. Und tatsächlich, in einiger Entfernung hoppeln vier lange Ohren davon. Immer im Frühjahr und dann wieder im Herbst sind Jägerinnen und Jäger wie Ulrike Arnold aus Plattenhardt, Sigmar Zappe aus Bonlanden und Wolfgang Hinderer aus Grötzingen gemeinsam auf nächtlicher Tour. Ihre Aufgabe: Feldhasen zählen. Dafür geht’s an zwei Tagen nach Einbruch der Dunkelheit über die Felder zwischen Sielmingen, Harthausen und Bonlanden. Rein ehrenamtlich.

 

Das Vorgehen ist immer dasselbe: Einer fährt, einer leuchtet mit einem Handscheinwerfer über Wiesen und Äcker, und alle gucken, ob Meister Lampe im Schein der Lampe auftaucht. Ein untrügliches Zeichen, dass es sich beim Wesen in der Finsternis um einen Hasen handelt, sind die im Licht rötlich aufleuchtenden Augen. Bei Füchsen sind sie gelblich, bei Katzen blau-grünlich, erklärt Sigmar Zappe. Notfalls wird mit der Wärmebildkamera hinterhergeschaut, um sich ganz sicher zu sein. Was die Gruppe auf ihrer Hasen-Safari antrifft, wird notiert – egal ob Feldlerche, Eule oder Marder. Es gehe schließlich auch darum, die Jagdreviere besser einschätzen zu können.

Jägerinnen und Jäger wie Ulrike Arnold aus Plattenhardt (vorne), Sigmar Zappe aus Bonlanden (am Steuer) und Wolfgang Hinderer aus Grötzingen (hinten) gemeinsam auf nächtlicher Tour. Ihre Aufgabe: Feldhasen zählen. Foto: Caroline Holowiecki

In Baden-Württemberg wird im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums die Feldhasendichte seit 1997 erfasst. Die Wildforschungsstelle des Landes arbeitet hierzu mit dem Landesjagdverband zusammen. Je ein- bis zweimal im Frühjahr und im Herbst wird die Population mittels der sogenannten Scheinwerfertaxation erfasst. Dabei werden festgelegte Routen auf Offenlandarealen bei Dunkelheit mit dem Auto abgefahren und abgeleuchtet. Über die standardisierte Reichweite der Scheinwerfer und die zurückgelegte Strecke kann dann die Taxationsfläche berechnet werden und über die wiederum die relative Feldhasendichte. „Das Ziel ist, jedes Mal zur gleichen Zeit mit den gleichen Leuten bei gleichem Wetter zu fahren“, sagt Sigmar Zappe, und gezählt wird dann ausschließlich, was ins Licht hüpft. „Per Wärmebild würde man mehr sehen, aber dann wäre es nicht mehr mit früher vergleichbar“, erklärt Wolfgang Hinderer.

Auf den Fildern gibt es zwei Zählgebiete: Echterdingen und eben Sielmingen. Bis zu drei Stunden braucht das Filderstädter Team, um die neun Transekte abzufahren, in Summe mehr als 200 Hektar. Zum Wachhalten gibt es Fruchtgummis mit Pfirsichgeschmack und Gespräche. Auf der Filderebene fühle sich der Feldhase besonders wohl, erklärt Wolfgang Hinderer. „Hier ist es kleinparzelliger“, sagt er, der abwechslungsreiche Feldanbau mit Randstreifen und Hecken komme dem Wild entgegen. So habe sich die Population in den vergangenen Jahren stark entwickelt, in Echterdingen sogar noch mehr als in Sielmingen. Mitunter sehr zum Ärger der Landwirte. „Wenn die Population steigt, muss bejagt werden, weil sonst die Bauern auf die Barrikaden gehen“, sagt er. Auch gehe es darum, Krankheiten einzudämmen. Die Ergebnisse des Monitorings sind laut Wildforschungsstelle zudem wichtig, um neben der Bejagbarkeit auch über geeignete Managementmaßnahmen zum Erhalt der Art und die künftige Ausgestaltung der Agrarlandschaft zu entscheiden.

Die Zeit um Ostern ist gut geeignet, um den Hasenbestand zu erfassen. Aktuell sind die Filder-Felder noch weitgehend kahl. Beste Bedingungen, um die nachtaktiven Tiere aufzuspüren. An diesem Tag läuft’s mäßig. Das Trio entdeckt nur 31 Feldhasen, außerdem einen Fuchs, eine Katze und drei Feldlerchen-Paare. Bei der Zählung ein paar Tage zuvor seien es noch 46 Hasen gewesen, doch tagsüber war es windig, da ziehen sich die Tiere ins Gebüsch oder in Mulden zurück. Hinzu kommt: Wo Tage zuvor noch freier Boden gewesen sei, liege nun Folie. „Wo Folien sind, sind keine Hasen“, sagt Sigmar Zappe. Geduldig lenkt er seinen Wagen über die Feldwege, während Ulrike Arnold den Scheinwerfer unbeirrt aus dem Fenster hält. Es geht vorbei an Gassigehern und Pferden auf einer Koppel. Immerhin: In dieser Nacht ruft keiner die Polizei. Das sei bereits vorgekommen. „Die Leute sehen ein Auto mit Scheinwerfer rumfahren, das ist ihnen nicht geheuer“, sagt Wolfgang Hinderer. In Echterdingen sei das besonders kritisch – durch die Nähe zum Flughafen.

Mehr als 20 Hasen pro Hektar im Land

Meister Lampe
Der Feldhase gilt in Deutschland als gefährdet. Seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts ist er immer seltener geworden. Starke Veränderungen in der Landnutzung, die Flächenversiegelung und der zunehmender Straßenverkehr haben seine Lebensbedigungen verschlechtert. Insbesondere die Intensivierung der Agrarlandschaft gilt laut der Wildforschungsstelle des Landes Baden-Württemberg als Superfaktor im Rückgang der charakteristischen Offenlandart.

Zahlen
Laut der Wildforschungsstelle schwankten die Populationszahlen in Baden-Württemberg in den Frühjahren 2003 bis 2023 zwischen mindestens 10,3 und maximal 19,1 Hasen pro Quadratkilometer. 2024 jedoch habe die Zahl im Schnitt bei mehr als 20 Tieren pro Quadratkilometer gelegen; der höchste Werte seit Beginn der Aufzeichnungen. Will heißen: Zwar unterliegt die Feldhasen-Population grundsätzlich Aufs und Abs, tendenziell zeichnet sich aber vor allem im Südwesten eine positive Entwicklung ab.

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