Felix Neureuther im Freeride-Film „Same difference“ Gemeinsamer Nervenkitzel

Drei Typen, drei Disziplinen, eine Leidenschaft: Die Skifahrer Felix Neureuther, Sven Kueenle, Paddy Graham und Bene Mayr beim Dreh zu „Same difference“ Foto: Pally Learmond

Sie vertreten unterschiediche Disziplinen, doch sie eint eine Leidenschaft – die fürs Skifahren. In einem Film kommen die verschiedenen Welten nun zusammen. Felix Neureuther ist begeistert.

Sport: Dirk Preiß (dip)

Stuttgart/München - Er kennt diese Momente, er kennt sie zu Genüge. Er steht oben, es gibt ihn, es gibt den Hang. Sonst nichts. Es ist der Moment des Beisichseins, der Fokussierung. Die Energie baut sich auf, ist bereit, eingesetzt zu werden. Das Herz pumpt. So ist es auch jetzt wieder. So ist es immer, wenn Felix Neureuther oben steht am Hang. Doch diesmal ist alles anders.

 

Es ist nicht Kitzbühel, nicht Schladming, nicht Garmisch. Sondern Island. Es ist kein Slalom, kein Riesenslalom, keine andere der Rennsportdisziplinen. Es ist Freeriden. Und Felix Neureuther zum ersten Mal in dieser Form dabei. Er sagt: „Es ist gewaltig.“ Und: „Das ist ein Gefühl, als ob der Berg dir ganz alleine gehört.“ Eine Woche lang, ergänzt der seit Jahren beste deutsche Skirennläufer, durfte „ich diesen Traum leben“. Den von einer anderen Welt im eigenen Kosmos.

Idee wird in Sotschi geb0ren

Mehr als drei Jahre ist es her, dass die Idee geboren wurde. Bei den olympischen Winterspielen von Sotschi waren neben den Skicrossern und den alpinen Rennläufern auch erstmals die Freeskier am Start. Felix Neureuther startete in Slalom und Riesenslalom, Bene Mayr in der Freeski-Disziplin Slopestyle, Sven Kueenle, ein aus der Region Stuttgart stammender Freerider, war als TV-Experte vor Ort. Man kannte sich schon vorher ein wenig, nun freundete man sich an – und am Ende war klar, was Kueenle so beschreibt: „Es wäre saucool, wenn wir gemeinsam ein Projekt starten würden.“ Im Oktober 2017 ist das Projekt abgeschlossen. Sein Name: „Same difference“.

Dokumentationen über den Ski-Rennsport gibt es einige, die letzte bedeutende war der Film „Streif – one hell of a ride“ über die Faszination der Abfahrt in Kitzbühel. Bedeutend waren einst die „Fire-and-Ice“-Filme von Willy Bogner. Freeride-Filme entstehen jedes Jahr unzählige. Die Szene ist in den vergangenen Jahren gewachsen und hat sich zum bedeutenden Standbein der Ski-Industrie entwickelt. Sponsoren haben die auf den ersten Blick unkonventionellen Typen zudem längst als Markenbotschafter für eine junge Zielgruppe entdeckt, auch wenn die Skifilme meist kein Massenpublikum ansprechen. Mit die bekanntesten Athleten und Produzenten haben sich vor Jahren in einer kleinen Gruppe mit Sitz in Innsbruck zusammengeschlossen. Der Münchner Bene Mayr gehört dazu, auch Sven Kueenle, sie nennen sich „Legs of Steel“ (zu Deutsch: Beine aus Stahl). Ihr letzter großer Film erschien vor zwei Jahren. Danach stand das neue Projekt im Fokus – das bislang einmalig ist.

Erstmals nämlich kommt zusammen, was bisher nicht so richtig zusammen gehörte. Hier die als schrill und frei geltende Szene der Freerider und Freestyler, da der nach Disziplin und harter Arbeit verlangende alpine Rennsport. Oder sind die Unterschiede gar nicht so gravierend? „Natürlich haben die Jungs eine andere Philosophie“, sagt Felix Neureuther über die Kollegen, die mittlerweile zu Freunden geworden sind, „aber diejenigen, die gut sind, respektieren uns Rennfahrer genauso wie wir sie respektieren.“ Nur mit den „Möchtegern-Jungs“ hat der zwölfmalige Weltcupsieger so seine Probleme.

Auch die Freeskier streben nach Perfektion

Weil die aber weder bei der gemeinsamen Tour in Island im Frühjahr 2017 – für eine ausgedehnte Alaskareise hatte Neureuther keine Zeit – dabei waren, noch in irgendeiner anderen Weise am Projekt beteiligt waren, bleibt bei Neureuther vor der Deutschland-Premiere des Film an diesem Samstag in München nur Begeisterung. Er hat gelernt, wie die drei beteiligten Freerider (neben Bene Mayr und Sven Kueenle war noch Fabian Lentsch dabei) samt Helikopter die richtigen Hänge finden, warum sie welche Linie wählen, wie professionell die Kameracrew arbeitet, wie sie mit dem Risiko in der freien und unberührten Natur umgehen. Und vor allem: Wie viel Perfektion auch in ihrer Disziplin nötig ist. „Da waren für mich schon einige neue Sachen dabei“, sagt Neureuther, der bereits Erfahrung im Heliskiing hatte, „aber am Ende muss auch in diesem Bereich jeder Schwung perfekt passen – allein schon wegen der Kameraleute am Berg.“ Im Film zudem dabei: Die Freeskier Paddy Graham, Tom Ritsch und Lukas Joas, die auf riesigen Schanzen waghalsige Sprünge zeigen.

Sie und die Freerider wiederum lernten eine ihnen unbekannte Seite des Skisports kennen, als sie Neureuther während der vergangenen Saison mit einem Filmteam durch den Weltcup-Winter begleiteten. „Zu sehen, wie viel Teamarbeit hinter einem Start im Weltcup steckt, war beeindruckend“, sagt Kueenle, der mit seinem Team versuchte, all die Emotionen der Rennfahrer bis kurz vor dem Start einzufangen. Der 34-Jährige ergänzt: „Wir wollten verschiedene Aspekte der Skiwelt zusammenbringen.“ Und auch die jeweiligen Schattenseiten zeigen: Große Gefahren, schlimme Stürze, schlechtes Wetter, sportliche Niederlagen. Auch einen Schuss Verzweiflung. „Der gemeinsame Trip zum Heliskiing nach Island“, sagt Kueenle, „hat das Ganze abgerundet.“ Und Lust auf mehr gemacht.

Neureuther: „Ein großer Genuss“

Felix Neureuther verfolgt zwar nach wie vor leistungssportliche Ziele im am 28. Oktober beginnenden Ski-Weltcup – eine Saison will er auf jeden Fall noch fahren –, aber auch das Skifahren außerhalb des Stangenwaldes erzeugt in ihm mittlerweile ein wohliges Kribbeln. „Es ist ein großer Genuss, mit diesen Jungs unterwegs zu sein“, sagt er und legt sich schon jetzt fest: „Ich würde definitiv eine Fortsetzung machen.“ Gerne auch wieder in Island: „Ich hätte nie gedacht, dass es dort so schön ist.“ An den Freeskiern soll es nicht liegen.

„Felix steht die Tür offen“, sagt Sven Kueenle, der die Art des frisch gebackenen Familienvaters im Laufe der Dreharbeiten zu schätzen gelernt hat, „wir haben große Lust, mal wieder was zusammen zu machen.“ Schließlich verbinde sie ja die gleiche Leidenschaft. Oder wie Felix Neureuther es sagt: „Es gibt viele Facetten, aber am Ende geht es doch immer um die eine Sache: ums Skifahren.“

Und um den einen prickelnden Moment. Oben am Hang. Kurz, bevor es losgeht. Wenn das Herz pumpt.

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