Fellbach Als es am Sonntagshimmel Bomben regnete

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Bei einer Führung erinnert der Stadtarchivar Ralf Beckmann an die Luftangriffe in Fellbach vor 70 Jahren.

Die Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg hinterlassen Spuren in Fellbach. Foto: Archiv
Die Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg hinterlassen Spuren in Fellbach. Foto: Archiv

Fellbach - Ihren Großvater hat Monika Schuhmacher nie kennengelernt. Gottlob David Ruff gehörte zu den ersten Toten, die bei Luftangriffen in Fellbach ihr Leben lassen mussten. Er starb am 14. Oktober 1944. Ein Tiefflieger hatte eine Bombe auf das Haus seiner Tochter abgeworfen, weil im Postgebäude nebenan Licht brannte. „Wäre er schneller in den Keller gegangen, hätte er wie die anderen Hausbewohner überlebt“, sagt Monika Schuhmacher.

Ralf Beckmann weiß, wie dicht Leben und Tod im Krieg beieinanderliegen

Ralf Beckmann weiß, wie dicht Leben und Tod im Krieg beieinanderliegen. „Jede Geschichte ist anders, manch einer starb, weil er noch schnell ein Porzellantässle holen wollte.“ Der Stadtarchivar führte am Sonntagnachmittag durch die Geschichte der Luftangriffe vor 70 Jahren auf Fellbach. Der Andrang im Stadtmuseum war so groß, dass rund zwei Dutzend Interessenten weggeschickt werden mussten.

Beckmann versteht es, seine Zuhörer nicht nur mit Fakten zu bombardieren. So las er etwa aus einem Bericht eines jungen Melders vor, der am 26. November 1943 auf dem Turm der Pauluskirche Position bezogen hatte. „Die Sicht war zuletzt schlecht. Der Himmel bedeckt. Leuchtschirme über Schmiden-Oeffingen! Etwa 200 bis 300 Brandbomben entlang der Bahn mit Kern etwa bei der Brücke vor Waiblingen“, heißt es in dem Bericht.

Im Zweiten Weltkrieg kamen 46 Fellbacher beim Luftkrieg ums Leben, zusätzlich zu den fast 500 gefallenen Soldaten

Im Zweiten Weltkrieg kamen 46 Fellbacher beim Luftkrieg ums Leben, zusätzlich zu den fast 500 gefallenen Soldaten. Die Stadt bilanzierte nach Kriegsende 381 Luftalarme. „Aus Fliegersicht liegt Fellbach auf dem Weg nach Stuttgart“, erklärte Beckmann. Die großen Angriffe begannen 1943, im Sommer 1944 waren Hunderte von Fliegern in Richtung Stuttgart unterwegs.

Es war auch die Zeit der Verdunkelung der Fenster, um den Bomben keine Ziele zu geben. Beckmann hatte ein Original zur Hand und zeigte einen Verdunklungsrahmen aus dem Haushalt der Pietistin Marie Frech. Auch einen Scheinwerfer eines Krads bekamen die 25 Besucher zu sehen. Dieser kann nur durch einen schmalen Schlitz Licht ausstrahlen. So kamen die Melder – meist waren das Hitlerjungen – ungesehen durch die Nacht.

Kurioserweise, so berichtete Beckmann, gehörten Ausländerlager zu den ersten Zielen der Flieger

Kurioserweise, so berichtete Beckmann, gehörten Ausländerlager zu den ersten Zielen der Flieger. So wurde auch das Gebäude der heutigen Silcherschule bombardiert. Dort waren damals Zwangsarbeiter untergebracht. Die Insassen, darunter Franzosen, Belgier und Holländer, halfen mit, den Brand zu löschen. Viele Fellbacher zeigten sich davon beeindruckt. „Eine Belohnung für die ausländischen Löschkräfte wurde aber von oberer Stelle abgelehnt“, erzählte Ralf Beckmann.

Der schwerste Luftangriff fand am 16. Juli 1944 statt. Es war ein Sonntag. Um kurz nach 10 Uhr flogen 200 Bomber über Oeffingen. Ein Zitat der Zeitzeugin Gertrud Schweizer verdeutlicht, wie überrascht man im Flecken war: „Man hat’s halt gar net fasse kenne, was die hend von uns welle“, sagte die Oeffingerin. Zehn Todesopfer wurden nach dem Angriff gezählt.

Seit 1937 war es Pflicht, in jeden Neubau einen Luftschutzkeller einzubauen

Seit 1937 war es Pflicht, in jeden Neubau einen Luftschutzkeller einzubauen, berichtete Beckmann. „Die Fellbacher haben auch Stollen gegraben, um sich einzubunkern.“ Der Bürgermeister wurde zum Militär mit einer Befehlsstelle in einem Bunker unterhalb des Alten Rathauses. Dort wurden die Beobachtungen der Melder auf dem Turm der Lutherkirche mit der Schmidener Flakabwehr koordiniert. „Die Erfolge waren allerdings nicht besonders toll“, sagte Beckmann. Nur zwei oder drei Flugzeuge wurden in Fellbach vom Himmel geholt.

Der Stadtarchivar führte die Teilnehmer zum Bunker in der Cannstatter Straße. Das Bauwerk hat eine 3,5 Meter dicke Betonhaube. „Man hat damals nicht an Material gespart, das ist ein Bau für die Ewigkeit“, sagte Beckmann. Der Raum ist klein und eng. Fast alle Teilnehmer wollten wieder schnell hoch ans Tageslicht. Im Krieg war der Bunker ein sicherer Ort. „Fellbach ist schon die gefährdetste Gemeinde im Remstal gewesen“, sagte Beckmann.




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