Leerstände in den Ortskernen
Die Rückschläge in Oeffingen ähneln jenen der Korber Höhe in der Nachbarstadt Waiblingen. Auch dort muss das sogenannte Mikrozentrum seit Jahren so manchen Rückschlag verkraften. Etliche Leerstände sind zu beklagen, Restaurants oder andere Betriebe gaben auf. Fast immer durchgehend dort vorhanden war allerdings eine Postfiliale – sie stand nur eineinhalb Tage leer beim Übergang auf den letzten Mieter.
Das sieht im rund sechs Kilometer Luftlinie gelegenen Oeffingen seit einiger Zeit kritischer aus. „In Oeffingen wird schmerzlich wahrgenommen, dass der Betrieb der einzigen Postfiliale Ende Januar 2023 ersatzlos zu Ende ging“, konstatiert Deifel in seinen schriftlichen Erläuterungen zur jüngsten Gemeinderatssitzung. Damit sei im Stadtteil „kein Angebot an Postdienstleistungen mehr verfügbar“. Dies gibt den allgemeinen Befürchtungen der Bürgerinnen und Bürger sowie der Lokalpolitiker weitere Nahrung, wonach sich die Versorgungssituation weiter verschlechtert und eine „erhebliche negative Wirkungskraft“ entfaltet, wie Deifel diagnostiziert.
Auch Roswitha Morlok-Harrer, Vorsitzende des Fellbacher Stadtseniorenrats, hatte im Dezember, als sich die Meldung über das Ende der Post in Oeffingen herumgesprochen hatte, ihre Sorge gegenüber der OB kundgetan. Gebe es denn nicht die Chance, die Filiale doch zu halten, eventuell über den Müllmarkenverkauf? „Oeffingen stirbt sonst vollends“, warnte sie und ergänzte: „Für mobilitätseingeschränkte Personen ist die Schließung der Postfiliale ein herber Verlust“ und „für die Belebung der Ortsmitte ein herber Schlag ins Gesicht“.
Konkurrenz durch das Internet
Warum die bisherige Filiale in Oeffingen gescheitert ist, skizzierte Zull in ihrer Antwort an Morlok-Harrer und nannte die hohe Miete sowie dass das angebotene Sortiment dort nicht angenommen worden sei. „Es ist wie so oft: Man möchte gerne alles vor Ort haben und kauft dann eben leider doch dort, wo es noch ein paar Cent günstiger ist oder gleich im Internet.“
Die verblüffende Lösung sieht so aus, dass die Stadt nun eben selbst einspringt. Und zwar im Vorgriff auf das Oeffinger Bürgerbüro, das in der ehemaligen Bankfiliale der Volksbank am Württemberg in der Schulstraße 1 vorgesehen ist. Die Räume sollen gekauft werden, aber die Umsetzung des Bürgerbüros ist frühestens Anfang des Jahres 2024 denkbar.
Beschleunigt werden soll dies nun durch eine „zeitnahe Interimslösung“. Die Volksbank ist bereit, eine Teilfläche der Filiale – befristet für maximal ein Jahr – der Stadt für ein pauschales Nutzungsentgelt zu überlassen. Dank der „positiven Signale“ der Deutschen Post AG könne ein Partnervertrag mit der Stadt Fellbach über die Übernahme der Postdienstleistungen in Oeffingen abgeschlossen werden.
IHK hält Modell für „zulässig und vertretbar“
„Haushaltsrechtlich wäre die Tätigkeit als Betrieb gewerblicher Art abzubilden“, erläutert Deifel. Die Stadt ist im Übrigen „zuversichtlich, die Übernahme der Postdienstleistungen personell bewältigen zu können“, und sei es unter Zuhilfenahme geschulter Kräfte. Unterstützung gibt es auch durch die Industrie- und Handelskammer. Deren Syndikusrechtsanwältin hält die Übernahme der Postdienstleistungen durch die Stadt „für zulässig und vertretbar“. Denn: „Dadurch wird eine stärkere Belebung der Innenstadt bewirkt, von der auch der noch ansässige Handel profitieren soll.“ Der Gewerbeverein Oeffingen begrüße diesen Schritt ebenfalls.
Die ungewöhnliche Post-Strategie fand im Fellbacher Lokalparlament reichlich Unterstützung. Die Übernahme von Postleistungen sei „nicht unbedingt die Kernaufgabe der Stadt“, meinte Karin Ebinger (Freie Wähler/Freie Demokraten), aber es sei „eine Grundversorgung, das tut dem Ortskern gut“. Schon bei der Maibaumaufstellung habe er „ein Aufatmen in Oeffingen gespürt, dass es mit der Post weitergeht“, sagte Jörg Schiller (Die Stadtmacher). Dies könne, meinten weitere Redner, „eine Initialzündung“ und „ein Signal“ für Einzelhandel und Gewerbebetriebe sein. Was in Oeffingen möglich sei, habe beim Maibaumfest die „lange Schlange an der Eisdiele“ direkt neben der Volksbank am Württemberg gezeigt, meinte Agata Ilmurzynska (Grüne).
Post-Interimsbetrieb für maximal ein Jahr
Die finanziellen Auswirkungen des „maximal einjährigen Post-Interimsbetriebs“ will die Stadt im Detail noch ermitteln. Doch für Franz Plappert (CDU) steht fest: „Das ist mehr wert als 10 000 oder 100 000 Euro, der finanzielle Aufwand ist sehr überschaubar im Vergleich zu einem Feuerwehrhaus“, sagte er mit Blick aufs beschlossene 27-Millionen-Euro-Projekt für die Brandschützer.