Selbst in Fellbach, seiner früheren Heimat, wissen eher wenige Menschen, dass der im Jahr 1996 verstorbene Sänger Rio Reiser in seiner Kindheit und frühen Jugend dort lebte.
So, mein lieber Ralph, was willst du denn mal machen, wenn du groß bist? „Ach, Herr Lehrer, das alles und noch viel mehr, würd ich machen, wenn ich König von Deutschland wär!“ Dass sich dieser Dialog irgendwann Ende der 1950er Jahre in Fellbach-Schmiden (Rems-Murr-Kreis) so abgespielt hat, ist eher unwahrscheinlich. Völlig absurd wäre er aber nicht zwangsläufig.
Bei dem Zitat in Ralphs Antwort klingelt’s auch bei Menschen, die sich mit deutscher Musikgeschichte nicht so intensiv beschäftigen. Klar, bei dem selbst ernannten „König von Deutschland“ handelt es sich um Rio Reiser.
„Macht kaputt, was euch kaputt macht“
Mit seiner Politrock-Band Ton Steine Scherben eroberte er ab 1970 die Szene in Berlin, die Combo spielte bei linken Demos oder Hausbesetzungen. Ihr Frontmann wurde zur Galionsfigur, seine Texte und Kompositionen wie „Keine Nacht für niemand“, der „Rauch-Haus-Song“, „Der Traum ist aus“ oder „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, waren bundesweit in der Jugendzentrumsszene bekannt.
Nach dem Ende der Formation folgten einige Jahre Pause, ehe Rio Reisers Solokarriere 1985 durchstartete. Höhepunkt war natürlich sein Album „Rio I.“, das neben „König von Deutschland“ Perlen wie „Junimond“, „Alles Lüge“ oder „Für immer und Dich“ enthielt. Am 9. Januar 1950 geboren, starb Rio Reiser im Alter von lediglich 46 Jahren am 20. August 1996.
Als vor einigen Wochen in Fellbach-Schmiden das 800-jährige Bestehen des mittlerweile zu Fellbach gehörenden Ortsteils gefeiert wurde , präsentierte der Heimatforscher Markus Munk eine Ausstellung zur Ortsgeschichte wie auch zu besonderen Persönlichkeiten. Und nicht wenige Einheimische wie Besucher von außerhalb waren überrascht, als sie in der Scheune neben dem Großen Haus die Zeitungsausschnitte und Fotografien entdeckten und erkannten, dass dieser durchaus berühmte Rio Reiser, der tatsächlich Ralph Christian Möbius hieß, als junger Bub in Schmiden gewohnt hat.
Weil sein Vater, ein Ingenieur für Kartonverpackungen bei Siemens, als Handelsvertreter oft beruflich versetzt wurde, kam die Familie Möbius ganz schön rum in Deutschland. Es ging nach Traunreuth, Brühl, Rodgau, später Nürnberg.
Adresse: Talstraße 3 in Schmiden
Und dazwischen lebte die Familie Möbius knapp fünf Jahre in Schmiden. Die Adresse ist bekannt, es war das Dachgeschoss der Talstraße 3. Als besonders witzig empfindet es Markus Munk, „dass meine Großeltern einige Zeit bis 1981 in der Talstraße 3 im ersten Obergeschoss wohnten, jedoch noch nicht, als Familie Möbius dort wohnte“.
Die Zeit in Schmiden müsste zwischen 1957 und 1961 gewesen sein. Nach Munks Recherchen war der junge Ralph Zweit- bis Viertklässler in der benachbarten, nur wenige Meter von der Wohnung in der Talstraße entfernt gelegenen Schmidener Friedensschule – heute ist es der Bau C der Albert-Schweitzer-Schule. Nach der Grundschule wechselte er nach Fellbach aufs dortige Friedrich-Schiller-Gymnasium.
In seiner Autobiografie erinnert sich Rio Reiser an jene Jahre seines jungen Lebens: „Wir wohnten mal wieder am Ende der Welt. Talstraße 3, Schmiden hieß das Dorf. Die Hausbesitzerin Frau Bürkle wohnte parterre, um alles im Blick zu haben. Ihr Herz schlug für ihren Besitz und die Sauberkeit.“ Jeden Samstag kam sie in die Vier-Zimmer-Wohnung der Familie Möbius unterm Dach und überprüfte, ob die Mutter geputzt hatte und ob die Armaturen in Bad und Küche noch wie neu aussahen. „Nicht zu vergessen die Kehrwoche.“
Weiter schreibt Rio Reiser in seiner Biografie über die Schmidener Zeit: „Kinder durften eigentlich nirgendwo spielen. Wir haben’s natürlich trotzdem gemacht. Wer bereit war, die Gesetze und Tabus der Erwachsenen zu brechen, konnte in der Gegend um Schmiden sehr gut spielen.“ Denn dort gab es Höhlen, Bäche und sogar einen kleinen Wald. „Wir hatten einen Geheimbund gegründet und mussten wichtige Unterlagen verstecken und verteidigen.“ Bei einer Steinschlacht bekam Ralph einmal einen Ziegelstein an den Kopf und rannte blutend nach Hause. „Loch im Kopf. Meine Mutter war schockiert.“
Einer seiner damaligen Mitschüler in der Friedensschule, Horst Kraft aus Schmiden, erinnerte sich 2016 im Gespräch mit der Fellbacher Zeitung an die damaligen Zeiten: „Er war ein eher unscheinbarer Klassenkamerad, etwas schmächtig, wir haben ihn immer ,s’ Ralfle’ genannt.“ Ein Urteil, das anhand der Kinderbilder von Ralph Möbius nachvollziehbar ist.
Damals eher Eigenbrötler als Revoluzzer
„Dass er später so ein Revoluzzer und Quergeist war, war damals noch nicht zu bemerken“, erinnert sich Kraft. Sein Kumpel Ralph habe übrigens nie mit Fußball gespielt, sondern lieber an seinem Lägerle gesessen, um sich das Gitarrespielen selbst oder mit Hilfe eines Freundes beizubringen.
In seiner Autobiografie schildert Reiser seine damaligen Erfahrungen: „Von da an konnte ich jedes nicht allzu komplizierte Lied nach dem Gehör spielen.“ Und: „Oft hörte ich in meinem Kopf unbekannte Melodien, denen ich lauschte, als hätte ich eine Platte aufgelegt.“
Die Zeit in der Grundschule habe Rio Reiser rückblickend als „Vorhölle“ empfunden, weiß Munk, und die Oberschule empfand Ralph Möbius gar als „Hölle“. 1961 war dort, nach dem ersten Jahr am Gymnasium, allerdings ohnehin Schluss. Die Familie zog weiter nach Nürnberg.
Ob Rio bei seinen Schmiden-Spaziergängen schon die ersten Strophen oder Melodien seiner Hits im Kopf hatte? Auch das unwahrscheinlich, aber in Ansätzen hatte er vielleicht doch schon damals so manche Idee, die knapp zehn Jahre später in Songs mündete.
Das Marbacher Literaturarchiv hat im Jahr 2019 von den Brüdern Peter und Gert Möbius den Nachlass von Rio Reiser erhalten – Liedtexte, Videos, Konzertmitschnitte, Demoaufnahmen, Tourpläne, Drehbücher, Rios Gedanken über die Architektur einer perfekten Kommune. Und auch einige Fotos aus Ralphs Kindheit, von denen hier einige zu sehen sind.
„Keine Macht für niemand“ im vergilbten Karton
Klar, Ralph Möbius lebte nur einige Jahre in Schmiden – aber Mörike hat hier sogar nur ein paar Monate gewohnt und wird mit dem alle drei Jahre verliehenen Mörike-Preis gewürdigt. Anlass genug, mal wieder die im originalen Pappkarton etwas vergilbte Doppel-LP „Keine Mach für niemand“ von 1972 oder sein Solo-Meisterwerk „Rio I.“ aus dem Vinyl-Plattenschrank zu holen, auf den Plattenspieler zu legen und die Nadel sanft per Hand aufzusetzen (die Automatik läuft nicht mehr).
Das wäre die persönliche Erinnerung. Denken könnte man aber auch an eine allgemeine, öffentliche Reminiszenz an Ralphs (oder Rios) Wirken – andere Könige haben auch schon ein Denkmal erhalten, für Rio I. fände sich in der Schmidener Talstraße vielleicht auch ein angemessenes Plätzchen.
Schmiden, Marbach, Berlin
Rio Reiser
Ralph Christian Möbius wurde am 9. Januar 1950 in West-Berlin geboren. Im damals noch selbstständigen Schmiden lebte die Familie von 1957 bis 1961. Den Namen Rio Reiser wählte er in Anlehnung an den Roman „Anton Reiser“ von Karl Philipp Moritz.
Nachlass
Das Literaturarchiv Marbach hat im Jahr 2019 von den Brüdern Peter und Gert Möbius den Nachlass von Rio Reiser erhalten – Liedtexte, Videos, Konzertmitschnitte, Demoaufnahmen, Tourpläne, Drehbücher, Rios Gedanken über die Architektur einer perfekten Kommune. Und auch einige Fotos aus Ralphs Kindheit, von denen hier einige zu sehen sind. Gert Möbius betreibt in Berlin zudem das Rio-Reiser-Archiv: www.rioreiser.de