InterviewFellbacher Bahnhof „Persönliche Beratung ist Lebensqualität“

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Die Vorsitzende des VdK-Kreisverbandes und des Fellbacher Ortsverbandes setzen auf den Erhalt des Ticketschalters mit echten Menschen beim Fellbacher Bahnhof. Der klassische Schalter soll nach Plänen der Deutschen Bahn einer Auskunft via Bildschirm weichen.

Das neue System des Video-Reisezentrums ist in Fellbach nicht als Ergänzung wie an anderen Standorten, sondern als Ersatz für das reguläre Reisezentrum geplant. Foto: Patricia Sigerist
Das neue System des Video-Reisezentrums ist in Fellbach nicht als Ergänzung wie an anderen Standorten, sondern als Ersatz für das reguläre Reisezentrum geplant. Foto: Patricia Sigerist

Fellbach - Sie kennen die Bedürfnisse und Nöte von Menschen, die mit einer Krankheit oder einem Handicap leben. Und sie machen sich dafür stark, dass diese auch am öffentlichen Leben teilhaben können. Marlies Lange, Vorsitzende des Kreisverbandes des VdK, und Elisabeth Klimt vom VdK Fellbach-Schmiden-Oeffingen, sehen daher die Pläne eines „Video-Reisezentrums“ am Fellbacher Bahnhof mit Sorge. Dieses soll den Ticketschalter mit einem Bahnmitarbeiter ersetzen.

Sie schließen sich mit Ihrer Kritik dem Landesvorsitzenden des Sozialverbandes, Roland Sing an. Dieser hatte appelliert, angesichts schwindendem Service, Ältere und Behinderte beim Bahnfahren nicht zu vergessen. Wie ist Ihre Erfahrung dazu?

Elisabeth Klimt: Ja, leider wird immer wieder vergessen, dass nicht alle Menschen gesund und fit unterwegs sind. Viele Ältere können beispielsweise schlechter hören. Oder manche sind auf einen Stock angewiesen oder sind schlecht zu Fuß. Sollen diese Menschen dann mit dem Stock vor dem Automaten stehen und sich dann per Video beraten lassen? Was ist, wenn eine Beratung sehr lange dauert? Und wenn ich eine Fahrt mit vielen Umstiegen möchte? Dann stehe ich in dem Terminal – und der Rest steht draußen in der Kälte. Ich denke, das werden viele nicht mehr machen und sich zurückziehen. Aber genau das wollen wir ja nicht. Menschen, die eingeschränkt sind, sollen nicht vom öffentlichen Leben ausgegrenzt werden.

Marlies Lange: Wir sind mit über 5000 Mitgliedern einer der großen im Bezirksverband Nord-Württemberg und wachsen sehr stark. Es ist ja nicht so, dass ausschließlich Ältere den persönlichen Kontakt bei der Beratung schätzen. Ich denke es ist auch Lebensqualität, wenn es persönliche Ansprechpartner gibt. Warum soll unsere Welt immer steriler werden?

Die Bahn wirbt ja damit, dass die Öffnungszeiten des Video-Terminals am Bahnhof dann länger sind als die bisherigen Schalteröffnungszeiten. Was sagen Sie dazu?

Elisabeth Klimt: Ich bin 35 Jahre von Fellbach nach Stuttgart mit öffentlichen Verkehrsmitteln gependelt. Ich habe also persönlich auch eine Ahnung davon, was alles ausfallen kann. Wie oft steht man dann da – wegen verschiedener Gründe – wie einem technischen Defekt oder Stellwerkproblemen oder anderen Ursachen. Und wir sollen also davon ausgehen, dass dann das Video-Reisezentrum immer tadellos funktioniert?

Marlies Lange: Wir haben ja in Rommelshausen das Problem, dass die Bahnsteighöhe für viele eine Hürde ist. Das Thema geht schon über Jahre. Wir haben das mit verschiedenen Partnern angeregt, dass da etwas passiert und die Situation mit dem klaffenden Spalt beim Ein- und Ausstieg gelöst wird. Wir warten aber immer noch darauf. Die Bahn verspricht und verspricht, kann dann aber ihr Wort oft nicht halten. Das haben wir jedenfalls in diesem Zusammenhang leidvoll erfahren.

Steigen Ältere nicht eher dann aufs Auto um, weil es oft noch bequemer ist?

Elisabeth Klimt: Nein, im Gegenteil. Ältere können oft nicht mehr auf das Auto ausweichen, weil gesundheitliche Probleme dem entgegen stehen. Manche können und wollen auch kein Auto mehr unterhalten. Und mit dem Taxi nach Stuttgart zu fahren, das ist für viele einfach zu teuer. Sie sind also auf die Bahn und öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, um zum Arzt zu kommen oder einzukaufen oder Besuche zu machen.

Marlies Lange: Ich leite den VdK-Ortsverband in Beutelsbach mit rund 250 Mitgliedern. Es sind nicht nur Ältere, auch Schwerbehinderte oder Menschen mit ausländischen Wurzeln, die Unterstützung suchen. Wir organisieren hier in Endersbach gemeinsam mit dem Stadtseniorenrat regelmäßig Schulungen am Fahrkartenautomaten. Da ist immer ein sehr großer Andrang. Das zeigt, es ist dringend nötig. Mit den Automaten kommen viele nicht einfach so klar. Wir sprechen uns als VdK-Kreisverband vehement – auch für alle 17 VdK-Ortsverbände – gegen eine Schließung des Fahrkartenschalters am Bahnhof in Fellbach aus. Hier ist dringend die Politik gefragt.

Elisabeth Klimt: Fellbach ist ja nicht irgendwo – sondern eine Stadt im Ballungsraum Stuttgart mit rund 46 000 Einwohnern. Da gehört der Service der Bahn einfach dazu – besonders wenn der Umstieg vom Auto jetzt noch mit dem Blick auf den Umweltschutz besonders gefordert wird.

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