Fellbacher bei Sea Eye Flüchtlinge applaudieren dem Helfer

Lukas Hösch hat als Ehrenamtlicher auf der Alan Kurdi geholfen, Flüchtlinge aus dem Mittelmeer zu retten. Foto: Sea-Eye/Pavel D. Vitko

Der Student Lukas Hösch hat mit angepackt, um Menschen vor dem Ertrinken zu bewahren. Für die Organisation Sea Eye war er auf dem Mittelmeer im Einsatz. Warum er Distanz wahren musste, um helfen zu können, lesen Sie hier.

Fellbach - Manchmal sorgen Zufälle für die wichtigsten Impulse im Leben. So war es zumindest bei Lukas Hösch. Der 25-jährige Oeffinger, der in Dresden Verkehrsingenieurwesen studiert, saß mit Studienkollegen bei einer Fachschaftssitzung zusammen, als jemand anklopfte, der geschwind eine Veranstaltung über Seenotrettung absprechen wollte.

 

Zwei Welten prallen im Flugzeug aufeinander

Hösch kam damals mit dem Aktivisten ins Gespräch – und der riet ihm, sich als Ehrenamtlicher bei einer zivilen Seenotrettungsorganisation zu bewerben. „Ich hatte immer wieder damit geliebäugelt“, sagt Hösch. Aber er habe sich auch stets gedacht: Es gibt besser Qualifizierte als mich. „Die gibt es auch. Aber dann hab’ ich es einfach trotzdem probiert. Und es hat geklappt.“ Wenig später ging der 25-Jährige als ehrenamtlicher Helfer bei der Regensburger Organisation Sea Eye an Bord. Zunächst nur für eine Überführung, später für zwei echte Einsätze an Bord der Alan Kurdi. Sea Eye hatte das Forschungsschiff im Jahr 2018 gekauft.

Einer von Höschs Einsätzen begann in Valletta auf Malta, der andere auf Palma de Mallorca. „Das war schon skurril“, erinnert er sich an das merkwürdige Gefühl zwischen Touristen. „Wir saßen in einem Flugzeug, aber in zwei Welten.“ Während die anderen sich auf den Urlaub freuten, ging er bereits in Gedanken durch, was ihn wohl an menschlichen Tragödien erwarten würde.

Bevor die Hilfsorganisationen einen Ehrenamtlichen an Bord gehen lassen, gibt es eindringliche Briefings – nicht nur, weil handfeste Fähigkeiten gebraucht werden: Kenntnisse in Erster Hilfe, Funksprechzeugnis, fließendes Französisch. Vieles davon brachte Hösch mit – zum Beispiel auch einen Sportbootführerschein. Wichtiger aber ist, dass jemand psychisch der Belastung gewachsen ist. Mehrere Wochen lang lebt man mit anderen auf engstem Raum. „Solange man nur mit der Crew an Bord ist, geht es noch“, sagt Hösch. Aber wenn weitere Menschen an Bord kommen, bleibt diesen gerade noch Platz, sich auf den Boden zu legen. Auf einer der Missionen nahmen sie 40 Menschen an Bord. Bei späteren Einsätzen anderer Teams seien es teilweise mehr als doppelt so viel gewesen, erzählt Hösch. „Wie das funktioniert hat, ist mir ein Rätsel.“

Die UNO bezeichnet das Mittelmeer als „tödlichste Seeroute der Welt“

Vorbereitet werden die Helfer auch darauf, dass sie täglich dem Tod begegnen können. Hösch ist das zum Glück nicht passiert. Er sah keinen untergehen, ohne ihm helfen zu können, er sah niemanden sterben. Dabei kommen laut der UNO viele Flüchtlinge auf dem Mittelmeer ums Leben: Mehr als 850 sind allein im ersten Halbjahr 2021 vermisst gemeldet worden. Dazu kommen viele weitere Menschen, die sich auf den Weg machen und nie ankommen. Die UN-Flüchtlingshilfe bezeichnet das Mittelmeer als „die tödlichste Seeroute der Welt“.

Die Schiffe der Flüchtlinge, erzählt Hösch, stechen an der libyschen Küste nur bei Südwind und Windstille in See – Nordwind würde sie zurücktreiben. „Das allein sagt schon viel darüber aus, was da draußen passiert“, sagt Lukas Hösch. „Rechnerisch sind sie in Seenot, sobald sie ablegen.“

Laut UN-Flüchtlingshilfe ist jeder fünfte, der die Reise übers Mittelmeer antritt, jünger als 18 Jahre. Viele sind ohne Familie unterwegs. Das hat auch Lukas Hösch so erlebt. „Einmal war eine Familie mit mehreren Kindern an Bord. Der jüngste hatte eine Verletzung an der Schulter durch einen Querschläger. Man hatte in Libyen auf sie geschossen.“

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Wie geht man mit solchen dramatischen Schicksalen um? Lukas Hösch hielt sich an die Ratschläge aus den Briefings vor den Missionen. Er achtete darauf, keine Freundschaften an Bord zu schließen, keine Telefonnummern auszutauschen. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern auch, um gar nicht erst überzogene Erwartungen oder Enttäuschungen zu riskieren. „Ich habe irgendwann beschlossen: mein Job ist es, die Leute in Sicherheit zu bringen.“

Ein berührender Augenblick auf hoher See

Manchmal ist dem Oeffinger das Erlebte dabei erst im Nachhinein so richtig bewusst geworden. Wie zum Beispiel an jenem Tag, als er per Schlauchboot zu einem Flüchtlingsboot fuhr und die Menschen als Erster ansprach. Weil er fließend Französisch sprechen kann, sollte er ihnen Rettungswesten überreichen und auch gleich erklären, wie man sie anlegt. Das tat er. Und war kurz sprachlos über die unerwartete Reaktion: Die Menschen im Boot applaudierten ihm. „Das war schon ein besonderer Augenblick“, sagt er. Deshalb würde Hösch jederzeit wieder mit Sea Eye aufbrechen – wenn es ihm sein Studium erlaubt.

Vortrag Lukas Hösch berichtet am Donnerstag, 23. September, auf Einladung der Volkshochschule über seine Erlebnisse. Die Veranstaltung „Land in Sicht? Fellbach und die Seenotrettung im Mittelmeer“ beginnt um 19 Uhr. Auch eine Asylpfarrerin und ein Arzt erzählen in der Eisenbahnstraße 23 über ihre Erfahrungen.

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