Fellbacher Geschichte Ein bebilderter Spaziergang durchs historische Fellbach

Ein 1904 verschicktes Exemplar, das Dekor verweist auf den Weinbau. Kaum ein Fellbacher Gasthof hat derart viele Karten erstellen lassen wie die 1844 eröffnete „Traube“, schräg gegenüber der Lutherkirche. Foto:  

Kunsthistoriker Heribert Sautter hat ein Buch herausgegeben, in dem er zu einer bebilderten Zeitreise durch Fellbach einlädt. Anhand von Ansichtskarten zeigt er spannende Einblicke in die Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Das Material stammt aus der Sammlung von Ulrich Sayler.

Rems-Murr: Eva Schäfer (esc)

Es ist ein besonderer Spaziergang, zu dem der Kunsthistoriker Heribert Sautter einlädt. Es ist eine Wanderung durch Fellbach anhand von historischen Postkarten. Auf knapp 150 Seiten hat Galerieleiter Heribert Sautter rund 180 historische Postkarten ausgewählt und kommentiert.

 

Ausgehend von der Lutherkirche folgt man beim Durchblättern der Cannstatter Straße über den Marktplatz. Dann geht es den Kappelberg hinauf bis zum Kernenturm, dann anhand der abgebildeten Karten zurück über die Hintere Straße zur Kirche und durch „Neu-Fellbach“ bis hin zum Bahnhof.

Postkarten erzählen interessante Aspekte der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte

Es zeigt sich in dem Buch einmal mehr, dass Ansichtskarten mehr sind als bloße, lieblich anmutende Bilder. Sie können auch interessante Aspekte der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte erzählen. Die Grundlage für das umfangreiche Material bot die Privatsammlung von Ulrich Sayler. Der Fellbacher verfügt wohl über die umfassendste Privatsammlung zur Fellbacher Geschichte und Gegenwart. Das Spektrum seiner Sammlung reicht von Urkunden, Bildern, Literatur bis hin zu Souvenirs und historischen Fotos. Für Heribert Sautter war es deshalb auch eine Herausforderung, aus der umfangreichen Quellensammlung eine Auswahl zu treffen. Er hat sich bewusst auf Ansichtskarten konzentriert. Und angesichts des vielen Materials wurde die Präsentation im Buch auf die Zeit bis zur Stadterhebung 1933 beschränkt.

Historische Pläne veranschaulichen das rasante Wachstum Fellbachs

Zudem sind Ortspläne von 1920 und 1929 beigefügt, die das rasante Wachstum der Gemeinde veranschaulichen. Und wie ein Kartenausschnitt aus einem Führer von Gustav Ströhmfeld von 1895 zeigt – mit eingedruckter empfohlener Wanderroute vom Fellbacher Bahnhof auf den Kappelberg – lag der Bahnhof seinerzeit noch auf dem freien Feld. Die innere Bahnhofstraße war noch nicht angelegt.

„Bahnhöfe waren damals für die Gemeinden extreme Wirtschaftsbeschleuniger“, sagt Sautter. Die Orte seien dann alle im Laufe der Jahre Richtung Bahnhof gewachsen – und das erkläre auch die Struktur Fellbachs mit der langen Achse Bahnhofstraße, gemischt mit Industrie und Wohnbebauung.

Der Bahnhof bot auch eine hervorragende Anbindung nach Stuttgart, so Sautter. „Fellbach war ein Naherholungsort von Stuttgart“, sagt der Kunsthistoriker. Ein besonders beliebtes Motiv auf den Karten war der Kernenturm. Von der Ortsgruppe Stuttgart des Schwäbischen Albvereins 1896 mit Steinen aus dem Sandsteinbruch am Kappelberg errichtet, ist der Kernentum einer der ältesten Aussichtstürme Baden-Württembergs. Eine der ältesten Postkarten der Sammlung zeigt denn auch den Kernenturm, verschickt ein Jahr nach der Eröffnung von „Else“ an ihre Freundin im königlichen Katharinenstift in Stuttgart.

In der relativ bilderlosen Zeit hatten die kunstvollen Karten hohen Stellenwert

Was die Menschen auf die Karten schrieben, war meist nebensächlich. Meist waren es bloße Grüße, oft ging es auch darum zu zeigen, wie mobil man war. Oder auch darum, die eigene Biografie tagebuchartig mit Postkarten zu illustrieren. „Postkarten waren um 1900 unglaublich populär“, sagt Sautter. In dieser relativ bilderlosen Zeit hatten die kunstvollen Karten einen besonderen Stellenwert. In den Anfangsjahren waren die Motive überwiegend gezeichnet und koloriert. Später folgten Fotografien als Druckvorlage. Hergestellt wurden die frühen Karten in speziell darauf spezialisierten Druckereien, die die erforderlichen Maschinen bereit halten konnten. 1875 hatte sich in Bern der Weltpostverein gegründet, dem sich sehr viele Länder anschlossen. Diesem Verein sind die Standardisierung des Postkartenformats und eine Synchronisierung des Postverkehrs zu verdanken.

Karten dienten aber auch als Geschäftspost. Bis 1905 blieb die „Briefmarkenseite“ der Karte in Deutschland übrigens ausschließlich der Adresse vorbehalten. Der Text musste auf der Bildseite Platz finden.

Eine Veröffentlichung des Buches war ursprünglich zum 900-Jahr-Jubiläum der Stadt Fellbach geplant. Layout und Gestaltung des Buches hätten einige Zeit gebraucht, da die Gestaltung der einzelnen, reich bebilderten Seiten teils recht aufwendig gewesen sei, so Sautter. Doch nun liegt es seit wenigen Tagen im Buchhandel vor. Auch bei der Fellbacher inhabergeführten Buchhandlung Lack in der Cannstatter Straße 9 ist das Buch unter dem Titel „Fellbach in alten Ansichtskarten“ erhältlich.

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