Kein Chaos, viel Gelassenheit in der Talstraße in Schmiden: Beim Deutschen-Kita-Preis ist der Kindergarten im Fellbacher Stadtteil ganz vorn dabei. Foto: Gottfried Stoppel
Der Kindergarten Talstraße in Fellbach gehört zu den acht Finalisten für den Deutschen Kita-Preis. Mehrere Expertinnen inspizieren dieser Tage die Einrichtung. Im November fällt die Entscheidung.
Dirk Herrmann
17.07.2024 - 17:39 Uhr
Es müssen nicht immer fein gestaltete Urkunden oder ausschweifende Huldigungen sein – man kann auch ohne derartige Belobigungen überzeugt von der Qualität der eigenen Arbeit sein. Einerseits. Andererseits schmückt so eine offizielle Bestätigung des eigenen Könnens ja durchaus das Image und unterstreicht, dass man auf dem richtigen Weg zum großen Ziel ist. Und wer hat schon was dagegen, wenn er oder sie zu Deutschlands Besten gehört?
500 Kindergärten hatten sich für den Kita-Preis beworben
Wie derzeit der Kindergarten Talstraße in Fellbach-Schmiden, der einer von acht Finalisten des Deutschen Kita-Preises ist. 500 Einrichtungen aus ganz Deutschland hatten sich mit einer schriftlichen Präsentation beworben, nach und nach wurden die ganz besonderen Kindertagesstätten herausgefiltert – darunter zwei aus Baden-Württemberg: neben Fellbach noch der Kindergarten St. Hedwig in der Karlsruher Waldstadt.
Im Auswahlprozess hat der Kindergarten Talstraße mit der Darstellung seiner Aktivitäten die Expertinnen des Kita-Preises beeindruckt – beispielsweise hat er durch seine enge Kooperation mit dem örtlichen Sportverein überzeugt und auch durch die kreative Gestaltung, mit der die Kinder eingewöhnt werden. „In Resonanz mit Kindern und Eltern gestalten die Fachkräfte einen kindorientierten Alltag, in dem sich Kinder entfalten und mit ihren Vorstellungen einbringen können“, so der erste Eindruck der Juroren nach der Lektüre der Erläuterungen.
Doch Theorie ist das eine, erst die Praxis zeigt, ob diese sinnvollen Ansätze auch entsprechend gelebt werden und in der Realität zum Erfolg führen. Zwei Tage lang, am Dienstag und Mittwoch dieser Woche, waren deshalb zwei für den Kita-Preis tätige Fachexpertinnen zu Gast in Schmiden: Milena Lauer vom Berliner Kita-Institut für Qualitätsentwicklung und Carola Michaelis von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung.
Vor allem mit den Kindern haben die Expertinnen gesprochen
Delegation und Empfangskomitee im Schmidener Kindergarten Talstraße: Amtsleiter Stephan Gugeller-Schmieg, die Kita-Expertinnen Milena Lauer und Carola Michaelis, Kita-Leiterin Tanja Schaal, Oberbürgermeisterin Gabriele Zull (v. li.). Foto: Dirk Herrmann
Das Duo beobachtete den Alltag, unterhielt sich mit Vertretern der Stadt als Träger der Einrichtung, mit der Kita-Leitung, zu der neben Tanja Schaal auch Simon Rommel gehört, mit den pädagogischen Fachkräften, mit der Elternvertretung. Und natürlich führten Lauer und Michaelis viele Gespräche mit den Kindern selbst, wie diese sich in ihrer Kita fühlen, was ihnen Spaß macht, was ihnen guttut oder was vielleicht auch noch nicht ganz so toll ist.
Rund 80 Kinder zwischen einem Jahr und kurz vor dem Grundschulalter gehen in die Talstraße. Betreut werden sie von insgesamt 32 Fachkräften, darunter sind 16 Erzieherinnen und Erzieher, elf Azubis sowie weitere Betreuer, etwa Werksstudenten – „eine bunte Mischung“, wie Tanja Schaal sagt. Was auch die zweiköpfigen Berliner Delegation schnell bemerkte, ist der vergleichsweise hohe Anteil an männlichen Betreuungskräften, „wobei uns selbst das gar nicht so auffällt, für uns ist das normal“, erklärt Schaal.
So normal war das allerdings etwa im Jahr 2011 noch nicht, wie die ebenfalls zu Besuch gekommene Fellbacher Oberbürgermeisterin Gabriele Zull sich an ihre Zeit als Göppinger Sozialbürgermeisterin erinnert. „Damals konnte man die Männer an einer Hand abzählen“, sagt sie, doch männliche Besetzungen in Kitas „tun gut“, das sei für die Kinder sinnvoll. Milena Lauer hat in diesem Zusammenhang beispielsweise beobachtet, dass „der Erzieher in der Küche mit dem Kind Geburtstagskuchen backt“ und dass „die Erzieherin mit Bohrer und Säge in der Werkstatt steht“.
Kein Chaos, sondern viel Gelassenheit in der Talstraße
Mit einer solchen Bewerbung, beschreibt Tanja Schaal ihre Motivation für die Einreichung der Unterlagen, wolle sie den Wert der Frühpädagogik in der Öffentlichkeit bekannter machen: „Wenn die Kinder bereits mit einem Jahr hier sind, ist das der Anfang für alles, was später in der Bildungswelt passiert“, sagt sie.
Beeindruckt hat Milena Lauer auch, dass in Schmiden ein „offenes Konzept“ vorgesehen ist und „trotzdem Ruhe“ herrscht, „es gibt kein Chaos, sondern viel Gelassenheit“.
Das Berliner Duo gehört übrigens nicht selbst zum Jurorenteam, vielmehr fließen die Ergebnisse ihres Besuchs in einen Bericht, der an die 15-köpfige, aus Vertretern der pädagogischen Praxis, der Wissenschaft oder der Politik bestehenden Jury des Deutschen Kita-Preises geht. Die Preisträger des Jahres 2024 werden im November bekannt gegeben. Dass Lauer und Michaelis einen guten Eindruck von Schmiden nach Berlin mitnehmen, ist aus ihren Aussagen herauszuhören. Wenn die Talstraße tatsächlich ganz oben landet, gibt es ein Preisgeld von 25 000 Euro, für Silber und Bronze winken 15 000 Euro beziehungsweise 10 000 Euro.
Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin
Die Kinder in der Talstraße jedenfalls fiebern ebenfalls schon fleißig mit. „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“ ist Anlehnung an die Fußball-Europameisterschaft ein häufig gehörter Ruf in diesen Tagen. Und: „Wir holen den Pokal!“ Denn tatsächlich: Für den Sieger gibt es nicht nur das imposante Preisgeld und eine Urkunde samt Unterschriften, sondern einen echten Pokal mit dem Signet des Kita-Preises.
Der Deutsche Kita-Preis
Auszeichnung Der Deutsche Kita-Preis ist eine gemeinsame Initiative des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung in Partnerschaft mit der Heinz und Heide Dürr Stiftung, der Marke ELTERN, der Soziallotterie Freiheit+, dem Didacta-Verband, der Thalia Bücher GmbH und dem Deutschen Gewerkschaftsbund.
Impulse Die Auszeichnung setzt Impulse für Qualität in der frühkindlichen Bildung und würdigt das Engagement der Menschen, die tagtäglich in Kitas und lokalen Bündnissen zeigen, wie gute Qualität vor Ort gelingt.