„Operation Boreas“: Im April 2025 fasste die Polizei in Deutschland und Italien mehrere mutmaßliche Mafiosi. Foto: Polizia di Stato/dpa
Im Fellbacher Mafia-Prozess steht Antonino P. als mutmaßlicher Buchhalter einer ’Ndrangheta-Gruppe vor Gericht. Welche Rolle spielte sein Freund, der Polizist Eric R.? Das Urteil naht.
Ist Antonino P. aus Kernen nur ein gutmütiger Mensch, der durch falsche Freunde in krumme Geschäfte verwickelt wurde – oder der Buchhalter und Organisator krimineller Machenschaften einer ’Ndrangheta-Gruppe in Fellbach? Und welche Rolle spielte sein Freund, der Fellbacher Polizist Eric R., der mindestens zweimal für ihn Erkundigungen im Polizeicomputer einholte? Am Mittwoch wird das Landgericht Stuttgartein Urteil in dem aufsehenerregenden Mafia-Prozess fällen.
Der 49 Jahre alte Antonino P. hat die meisten der Vorwürfe eingeräumt. So spielte er eine tragende Rolle bei den Betrügereien einer Fellbacher Gastronomiefirma – konkret bei der Entgegennahme von Lebensmitteln, die in Italien unter falschem Namen bestellt worden waren. Sein Job war es unter anderem, Lieferungen abzufangen und ihre Umladung zu organisieren. Auch die Anmeldung von Konten und andere bürokratische Aufgaben erledigte er – am Telefon meldete er sich teilweise mit falschem Namen.
Staatsanwalt fordert fast vier Jahre Haft für Mann aus Kernen
Das Landgericht fällt am Mittwoch sein Urteil in dem Fall (Symbolbild). Foto: dpa
Allerdings beteuerte P., er habe damit nicht bewusst die Mafia unterstützt, sondern nur einem überforderten Freund helfen wollen. Besagter Freund ist Fiorenzo S., der die Gruppe nach Überzeugung der Ermittler anführte – als Statthalter der eigentlichen Bosse in Kalabrien. Die Ermittler, die vor Gericht als Zeugen aussagten, halten aber auch Antonino P. für eine tragende Figur. Im Mafiakreisen werde er als „Buchhalter“ bezeichnet, so ein italienischer Ermittler.
Gegenüber einem Bekannten hatte P. auch mit seiner hohen Stellung in der Organisation geprahlt. „Ich schneide dir den Kopf ab, wenn du etwas sagst“, drohte er ihm – und das in einem verwanzten Fahrzeug, die Ermittler hörten zu. Er sprach auch von einem Besuch der „Bosse“, just zu einer Zeit, als der oberste Anführer der sogenannten ’Ndrine aus dem kalabrischen Cariati in Fellbach weilte. „Er wusste genau, mit wem er es zu tun hatte“, so der Staatsanwalt in seinem Plädoyer. Er forderte drei Jahre und acht Monate Haft.
Tatsächlich scheint P. aber auch eine hilfsbereite Ader zu haben. So musste er im Gefängnis verlegt werden, nachdem er einen Wärter vor einem geplanten Angriff auf diesen gewarnt hatte und er ins Visier von Mithäftlingen geraten war. „Für viele Mithäftlinge bin ich aber auch eine Art Ersatzvater“, sagte P. in seinem abschließenden Statement. Er entschuldigte sich bei den betrogenen Firmen und beteuerte: „Ich werde künftig großen Abstand nehmen, sobald ich merke, dass etwas nicht gut ist.“
Dem mitangeklagten Polizisten Erik R. wird der Verrat von Dienstgeheimnissen vorgeworfen. Dass er zweimal auf Bitte seines engen italienischen Freundes im Computersystem der Polizei nachgesehen hatte und ihm Auskunft darüber gab, ob bestimmte Autokennzeichen oder Personen Gegenstand von Ermittlungen waren, ließ sich angesichts der abgehörten Telefonate nicht leugnen.
Allerdings hatte ein psychiatrischer Sachverständiger ihm eine bipolare affektive Störung bescheinigt. In einem separaten Verfahren, bei dem er versucht hatte, seinem Vorgesetzten bei der Polizei „ein paar Mafia-Killer“ auf den Hals zu hetzen und ihm eine Abreibung zu verpassen, war er freigesprochen worden. Dieses Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig, die Staatsanwaltschaft geht in Revision.
Hat der Polizist trotz Mafia-Connections einen Anspruch auf Pension?
Für den Staatsanwalt war der Verrat von Dienstgeheimnissen kein krankheitsbedingter Ausrutscher, sondern „entsprach jahrelanger Praxis“. So hatte der Polizist im Lauf der Jahre dutzende Male den Namen seines Freundes in den polizeilichen Datenbanken gesucht und auf dessen Bitte hin Details zu einem LKA-Beamten eingeholt, der sich mit organisierter Kriminalität befasste. Diese Fälle sind nicht Gegenstand des jetzigen Verfahrens. Ebensowenig der Fakt, dass den Polizisten und den mutmaßlichen Mafia-Unterstützer eine 20 Jahre lange Freundschaft verbindet, und Antonino P. sogar als Trauzeuge des Beamten fungierte.
Der Rechtsanwalt von Eric R., Bernd Kiefer, forderte einen Freispruch für seinen manisch-depressiven Mandanten und zudem eine Entschädigung für die Zeit, die dieser in Untersuchungshaft zugebracht hat. Zudem sei das Ermittlungsverfahren gegen die Fellbacher Mafia-Gruppierung durch die Auskünfte des Schutzmanns nicht ernsthaft gefährdet worden.
Welche dienstrechtlichen Konsequenzen – etwa den Verlust der Pensionsansprüche – die Sache für den Polizisten hat, wird sich noch zeigen, ein entsprechendes Verfahren läuft. Dafür ist aber auch ausschlaggebend, ob er, wenn überhaupt, aufgrund von Schuldfähigkeit freigesprochen wird oder aus „tatsächlichen Gründen“, wie es im Juristenjargon heißt.