InterviewFellbacher Polizeichef im Gespräch Jan Kempe weiß, wie Einbrecher ticken

Jan Kempe spricht über Besonderheiten der aktuellen Kriminalstatistik.  Foto: Eva Schäfer Foto:  
Jan Kempe spricht über Besonderheiten der aktuellen Kriminalstatistik. Foto: Eva Schäfer

Jan Kempe ist seit Mai vergangenen Jahres offiziell der Chef des Fellbacher Polizeireviers. Er spricht über Besonderheiten der aktuellen Kriminalstatistik – und verrät, was die Stadt vom Kreis unterscheidet.

Rems-Murr: Eva Schäfer (esc)
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Fellbach - Wie wirkt sich die Coronapandemie auf die Kriminalstatistik aus? Wenn die Menschen mehr zu Hause sind und Urlaubspläne gestrichen werden, haben es Einbrecher dann schwerer, unbehelligt in eine Wohnung einzusteigen? Der Fellbacher Polizeichef Jan Kempe spricht über die Besonderheiten der hiesigen Statistik – und welche Trends entgegen denen des Rems-Murr-Kreises abzulesen sind.

Herr Kempe, gab es denn 2020 deutlich weniger Straftaten im Vergleich zum Jahr davor?

Nein, die Zahl der Straftaten insgesamt ist lediglich um 2,3 Prozent, also um 60 Fälle, auf 2531 zurückgegangen. Wir liegen bei der sogenannten Kriminalitätsbelastung mit 5542 Fällen – im Vorjahr waren es 5673 Fälle – pro 100 000 Einwohner an zweiter Stelle im Kreis nach Winnenden mit 6586 Fällen. Das liegt für den Bereich Fellbach vor allem an der Nähe zu Stuttgart. Raub hat um zehn Fälle zugenommen, auch die Zahl der gefährlichen und schweren Körperverletzung ist gestiegen – von 41 auf 65.

Sie stellen wie im ganzen Kreis einen deutlichen Rückgang an Einbrüchen fest. Kann man dies auf Corona zurückführen?

Der Rückgang der Tageswohnungseinbrüche um 65,6 Prozent ist enorm – auf elf Delikte. Die Menschen sind viel mehr zu Hause, durch Homeoffice und Ausgangsbeschränkungen. Das mag schon eine Rolle spielen. Es ist aber nicht leicht, eine klare Ursache zu benennen. Die Prävention von Wohnungseinbrüchen war in den Vorjahren, wie übrigens landesweit, einer der Schwerpunkte der Fellbacher Polizei. So sanken die Wohnungseinbrüche von 48 im Jahr 2018 bereits auf 32 im Jahr 2019. Und 2020 sind wir bei elf angekommen.

Das Radfahren erlebt durch die Pandemie einen regelrechten Boom. Zeigt sich das auch in der Kriminal- und Unfallstatistik?

In der Tat ist der Fahrraddiebstahl gestiegen. Von 95 Fällen 2019 auf 115 im Jahr 2020. Dagegen ist der Ladendiebstahl rückläufig – 20 Fälle weniger von 106 auf 126. Wenn die Geschäfte schließen mussten, gab es dafür wohl auch weniger Möglichkeiten. Leider hat ein Radfahrer im vergangenen Jahr sein Leben verloren. Er war nachts auf einem Feldweg unterwegs und ist ohne die Beteiligung anderer so unglücklich gestürzt, dass er an den Folgen verstorben ist.

Wie stark waren Radler in Unfälle verwickelt?

Die Zahl der Schwerverletzten hat leider zugenommen. Häufige Ursache war eine nicht angepasste Geschwindigkeit. Es wäre angesagt, viel mehr Rücksicht aufeinander zu nehmen. Insgesamt sind in Fellbach voriges Jahr 753 Verkehrsunfälle statistisch erfasst worden. Die Unfälle mit Personenschaden gingen um 10,2 Prozent auf 167 zurück. 169 Menschen erlitten leichte Verletzungen, es gab 29 Schwerverletzte. Zum Glück gab es keine tödlichen Motorradunfälle. Zwei Motorradfahrer hatten 2019 leider ihr Leben verloren.

Haben denn Angriffe auf die Polizei in der Pandemie zugenommen?

Es gab sechs tätliche Angriffe, fünf Fälle von Körperverletzung und 13 Widerstände gegen Beamte. Ohne Vereinbarungen funktioniert unsere Gesellschaft nicht. Leider kommt es immer häufiger vor, dass sich einzelne nichts sagen lassen möchten und sofort auf Konfrontation gehen. Auch wird sehr schnell mit dem Rechtsanwalt gedroht. Auch durch die Rassismusdebatte fühlen sich manche bemüßigt, darzustellen, dass sie angeblich nur aufgrund ihrer Nationalität kontrolliert werden. Wir haben in Fellbach ein international aufgestelltes Team – einer unserer Praktikanten kommt aus Bagdad, ein Kollege mit türkischen Wurzeln ist Dienstgruppenleiter. Für uns ist die Gleichbehandlung Basis unserer Polizeiarbeit. Der Streifendienst hat seit dem ganzen vergangenen Jahr auch einen Pool von Bodycams, die eingeschaltet werden bei gefährlichen Situationen – oder auch zu Beweiszwecken.

Es wird beklagt, dass die häusliche Gewalt, die ohnehin von einer hohen Dunkelziffer geprägt ist, in der Pandemie zugenommen hat. Wie sehen die Zahlen in Fellbach aus?

In Baden-Württemberg liegt der Anstieg bei 8 Prozent, im Gebiet des Aalener Präsidiums bei 3,8 Prozent. Und da hat Fellbach eine gegenläufige Entwicklung. Die Fälle sind von 84 auf 45 zurückgegangen. Fellbach hat einen auffallend niedrigen Anteil häuslicher Gewalt. Aber klar, die Dunkelziffer ist bei dem Delikt hoch.

Können sich die Bürger denn in Fellbach sicher fühlen?

Die Aggressionsdelikte sind auf einem ähnlichen Niveau geblieben wie bisher. Die Körperverletzungen im öffentlichen Raum haben zwar um zehn Fälle auf 135 zugenommen. Diese spielen sich aber meist innerhalb der beteiligten Gruppen ab. In Fellbach ist man deswegen nicht unsicher unterwegs.




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