Job, Kids, Sport: Nadine Dadour ist fit, bis sie am chronischen Erschöpfungssyndrom erkrankt. Die 47-Jährige wird aus dem Leben geworfen, aber sie hat einen Traum und braucht Spenden.
Sie muss das Datum nicht extra nachschlagen, es hat sich in ihr Gedächtnis eingebrannt: Der 2. Oktober 2023 – ein Montag und ein Brückentag – war es, an dem Nadine Dadour mit letzter Kraft in die Praxis ihrer Hausärztin reinwankte, denn zum richtigen Laufen hat es damals nicht mehr gereicht. „Ich habe es schier nicht rein geschafft. Mein Körper hatte keine Energie, ich habe kaum noch Luft gekriegt, und mein Herz raste wie verrückt.“
Ihre Ärztin erfasst die Situation sofort, zieht schnell einen Stuhl heran und braucht nur wenige Minuten, um die Diagnose auszusprechen: Long Covid, und im Falle von Nadine Dadour in der verschärften Ausprägung des chronischen Erschöpfungssyndroms ME/CFS. „Ich hatte davor noch nie davon gehört. Nachdem mir im Gespräch klar geworden ist, was das jetzt bedeutet, saß ich erst mal heulend im Auto.“ Mittlerweile wisse sie, dass es in den ersten Wochen eine Chance gegeben hätte, es auszukurieren, wenn sie sich postwendend und für längere Zeit ins Bett gelegt und nichts mehr getan hätte.
Die 47-Jährige ahnt nichts von Long Covid und versucht weiterzumachen
Doch davon ahnte die heute 47-Jährige nichts und versuchte stattdessen, mit Bewegung und Willensstärke wieder auf die Beine zu kommen. „So tickt der Mensch doch. Man will ja nicht ausgebremst sein, sondern denkt sich, das wird schon wieder.“ Doch bei Nadine Dadour lief seit diesem Tag im Herbst 2023 gar nichts mehr. Ein vermeintlich harmloser Erkältungsinfekt, der nach zwei Coronainfektionen das Virus reaktiviert und damit das Syndrom ausgelöst haben muss, teilt ihr Leben seitdem in ein Früher und ein Heute. „Es ist nicht alles schlecht, aber von dem Leben, so wie ich es kannte, musste ich mich verabschieden. Das ist hart, aber ich habe ja keine Wahl.“
Das sieht, seitdem die 47-jährige Fellbacherin an MC/CFS leidet, komplett anders aus als früher. Bevor sie krank wurde, war die in der früheren DDR geborene und aufgewachsene Frau umtriebig und energiegeladen. „Ich war eine von den Fitten, bin Halbmarathon gelaufen und hab versucht, so gesund wie möglich zu leben“, sagt die zweifache Mutter, die Diplom-Betriebswirtin ist und aktuell bei ihrem Mann in der Apotheke mitarbeitet – wenige Stunden im Homeoffice und auch das nur, wenn ihr Zustand es zulässt.
Oft schafft sie es wegen des Erschöpfungssyndroms nicht aus dem Bett
Während sie erzählt, sitzt sie auf ihrem Balkon, einer luftigen grünen Oase über den Dächern Schmidens, auf dem man gefühlt über den Dingen schwebt. „Ich bin so froh, dass wir es hier so schön haben, denn oft schaffe ich es nicht aus der Wohnung raus.“ Stattdessen liegt sie dann dort, ihre Hündin Mona dicht neben sich und genießt die Sonnenstrahlen. Denn Nadine Dadour friert eigentlich immer. Auch Gelenkschmerzen, Wortfindungsstörungen und Schwindel sind ständige Begleiter. In der Ecke steht ein Rollator, im Kofferraum liegt ein zweiter. Ob sie es die vier Stockwerke herunter und später wieder hinauf schafft, ist von der Tagesform abhängig.
Auch an diesem Mittwoch sitzt die 47-Jährige mit einer dicken Wolljacke da und spricht ganz ruhig und überlegt über ihr Schicksal, von dem allein in Deutschland mehr als 1,5 Millionen Menschen betroffen sind – von Verbitterung oder depressiver Stimmung keine Spur. „Ich habe gelernt, damit umzugehen. Man gewöhnt sich ja fast an alles. Wenn ich hadere, bringt mich das auch nicht weiter. Im Gegenteil.“ Stattdessen versucht sie, kleine Erfolge zu feiern und einen großen Traum voranzutreiben.
Denn sie weiß, was ihr gut tut, nämlich Stille, Abgeschiedenheit und nichts tun müssen. „Eine Reha wäre bei meinem Krankheitsbild kontraindiziert. Denn da geht es um Aktivierung, und das ist beim chronischen Erschöpfungssyndrom genau das Falsche.“ Weil sie das weiß und weil sie vor einigen Jahren, in ihrem anderen Leben, ein altes und charmantes Haus in dem kleinen Ort Enzklösterle im Schwarzwald gekauft hat, möchte sie dieses nun zu einem Erholungsraum für ebenfalls Betroffene umbauen. „Tannentraum“ hat sie ihr Projekt genannt, das gerade in der Entstehung ist und für das die Fellbacherin auf der Spendenplattform GoFundMe um Hilfe bittet.
„Die Idee kam mir im Juni, als sich mein Zustand nochmals deutlich verschlechtert hat. Dieses Haus und die Umgebung sind herrlich. Abhängig vom Spendenaufkommen soll es so saniert werden, dass andere Betroffene dort einen Ort antreffen, wo man nichts tun muss, sondern einfach sein und Kraft tanken kann.“ Sie habe schon viel Feedback erhalten.
Der Tannentraum ist gerade im Aufbau, die 47-Jährige braucht Spenden
Aktuell schlägt sich die Mutter zweier Söhne mit den Anträgen und dem Finanzamt rum. „Der Tannentraum wird momentan von einer gemeinnützigen Organisation in Gründung getragen“, heißt es auf der Homepage und auf der Crowfunding-Plattform. Die 47-Jährige hat sich kleine Belohnungen für Spendenwillige überlegt, die dort dann zum Selbstkostenpreis eine Auszeit genießen können sollen. „Da kommt meine Marketing-Vergangenheit durch“, sagt sie und lacht. Das tut sie gern und häufig.
Der Tannentraum gibt ihr Kraft – genug, um auch daran zu glauben, dass sich irgendwann in der Forschung etwas tun wird. Denn aktuell gebe es weder Therapie, noch Medikamente und kaum Förderung. Oft suche man lange, um einen Arzt zu finden, der sich auskennt und die Symptome nicht abtut. „Bis sich da was ändert, müssen wir selbst als Experten in eigener Sache aktiv sein und die Hoffnung nicht aufgeben. Aber es ist schon sehr bitter, wenn man bedenkt, dass das Erschöpfungssyndrom ME/CFS bereits 1969 von der WHO anerkannt wurde.“
Doch solche Gedanken kann Nadine Dadour auch einfach mal ausblenden. Sie genießt dann die Natur, lässt sich von ihrem Mann zu schönen Orten fahren und verkriecht sich an schlechten Tagen mit einem Hörbuch im Bett. Dort ist sie oft, denn das Erschöpfungssyndrom raubt ihr die Energie. Ihr Körper fühlt sich an wie Blei. Es gibt Tage, da kann sie den Arm nicht heben, sich aufsetzen ist unvorstellbar. Wenn sie sich übernimmt, dann crasht ihr System zusammen – heißt: Sie kriegt Atemnot und braucht dann oft Tage, um wieder auf die Beine zu kommen. Manchmal versucht sie morgens, das Bett auszuschütteln, und muss dann den restlichen Tag liegen. Wenn sie duscht, ist der Tag ebenfalls gelaufen. „ME/CFS hat mein Leben verändert, aber ich hoffe, dass ich mir und anderen Betroffenen mit dem Tannentraum helfen kann.“
Hilfe für den Tannentraum
Spendenaufruf
Wer Nadine Dadour unterstützen möchte, kann das unter https://gofund.me/68d57bea auf der Spendenplattform GoFundMe tun. Nähere Infos gibt es auch auf ihrer Homepage unter https://mein-tannentraum.de/