Fellbacherin vor Gericht Sie wollte einen Rathaus-Mitarbeiter töten

Die junge Frau sitzt in Schwäbisch Gmünd aktuell in Untersuchungshaft Foto: dpa/Marcus Führer

Im Oktober wurde sie wegen der Vorbereitung eines Anschlags aufs Fellbacher Rathaus festgenommen. Doch mit verbalen Entgleisungen und massiven Attacken ist eine 25-Jährige schon vorher aufgefallen.

Rems-Murr: Sascha Schmierer (sas)

Der Fall sorgte weit über den Rems-Murr-Kreis hinaus für Aufsehen – und warf ein Schlaglicht auf die Frage nach der Sicherheit von Behörden-Beschäftigten: In Fellbach soll eine 25 Jahre alte Frau einen Mordanschlag auf einen missliebigen Rathaus-Mitarbeiter vorbereitet haben. Bereits Mitte Oktober wurde die in einer Sozialunterkunft der Stadt lebende Tatverdächtige von der Polizei festgenommen. Bei der Durchsuchung ihres Zimmers fanden die Ermittler neben verdächtigen Unterlagen auch Gegenstände, die mit der geplanten Attacke in Verbindung gebracht werden könnten.

 

„Was ist das für eine Frau?“, fragten sich deshalb nicht nur Fellbacher Bürger, die Stadt richtete für verunsicherte Bedienstete umgehend eine psychologische Beratung ein. Dass die Kundschaft sich immer öfter zu verbalen Entgleisungen hinreißen lässt, ist unter Behördenmitarbeitern zwar ein oft beklagtes Phänomen. Doch wegen einer nicht erteilten Genehmigung oder einem saftigen Gebührenbescheid mit dem Tod bedroht zu werden, gehört in Amtsstuben glücklicherweise auch noch nicht zum Alltagsgeschäft.

Schon im Teenager-Alter stand sie immer wieder vor dem Richter

Etwas Licht ins Rätselraten um Motiv und Hintergründe des Fellbacher Falls hat jetzt eine Verhandlung vor dem Waiblinger Amtsgericht gebracht. Denn auf der Anklagebank saß just die 25-jährige Dame, die einzelnen Mitarbeitern der Stadt offenbar nach dem Leben trachtet. Verantworten musste sich die durch ihr aggressives Verhalten schon mehrfach auffällig gewordene junge Frau wegen mehrerer Vergehen, die zwar nichts mit dem geplanten Anschlag zu tun haben, aber ähnlich haarsträubend sind. Denn die seit Jahren von der Sozialhilfe lebende Fellbacherin, nennen wir sie Nicole Karpov, war schon im Teenageralter immer wieder vor Gericht gestanden, weil sie bedroht und beleidigt, misshandelt und geschlagen hat – und das ohne wirklich ersichtlichen Grund.

„Ich weiß nicht, was der Auslöser war“, erzählt eine Mitarbeiterin, die sich bei der Stadt Fellbach um die Unterbringung von obdachlosen Menschen kümmert, von dem Anruf, der sich im Juni vergangenen Jahres ereignet hatte. Kontakt zu Nicole Karpov jedenfalls hatte die zu diesem Zeitpunkt erst seit wenigen Wochen mit dieser Aufgabe betraute 50-Jährige noch nicht gehabt. Am Telefon wurde sie dennoch massiv bedroht, in allen üblen Einzelheiten schilderte die sichtlich aufgebrachte Anruferin, wie sie die Sachbearbeiterin mit einem Skalpell vergewaltigen wolle. „Dann werde ich dich Dreckshure in der Badewanne ertränken und den Rest auf dem Schwarzmarkt verkaufen“, endete der telefonisch verabreichte Einblick in eine pubertär wirkende Gewaltfantasie.

Eine Außenseiterin mit Mobbing-Vergangenheit und massiven Gewaltfantasien

Der auf der Anklagebank sitzenden Frau würden wohl die wenigsten Menschen derartige Ausraster zutrauen. Zierlich wirkt sie, auffallend blass zwar und schwarz gekleidet, aber mit einem durchaus modischen Haarschnitt. Eine Außenseiterin sei sie in ihrer Schulzeit gewesen, ist zu hören, emotional instabil und in psychiatrischer Betreuung. Von mangelnder Schuldfähigkeit aber kann keine Rede sein. Und Drogenmissbrauch oder Alkoholprobleme spielen offenbar keine Rolle. Vorgeführt wird Nicole Karpow im Waiblinger Amtsgericht in Handschließen, wegen der Planung des mutmaßlichen Anschlags sitzt die junge Frau in Schwäbisch Gmünd aktuell in Untersuchungshaft.

Der zweite Fall, wegen dem die 25-Jährige vor dem Richter steht, hat sich im Juli des vergangenen Jahres in Fellbach ereignet. Nach ihrem Einkauf im Edeka-Markt in der Innenstadt wollte Erna Brunnhuber (Name geändert) mit Korb und Tüte gerade wieder zu ihrem Auto laufen. Die Stuttgarterin ist rüstig, aber auch schon stattliche 86 Jahre alt, da trägt man schwer an solchen Sachen.

„Die Frau war sehr pampig zu mir“, begründet sie den Tritt in den Rücken

Auf dem Gehweg entgegenkam ihr Nicole Karpov, ebenfalls bepackt mit einem großen Paket. Wer nun wen erst hätte vorbeilassen müssen oder ob die beiden Fußgängerinnen bei etwas gutem Willen möglicherweise auf dem Trottwar auch aneinander vorbei gekommen wären, lässt sich Monate später nicht mehr klären. Sicher ist nur, dass böse Worte fielen und gestreckte Mittelfinger gezeigt wurden. Sicher ist auch, dass Nicole Karpov der alten Dame mit solchem Schwung in den Rücken getreten hat, dass sie hilflos auf dem Asphalt landete. „Die Frau war sehr pampig zu mir“, sagt die 25-Jährige vor Gericht über den Kung-Fu-Tritt.

Ein Wort der Entschuldigung fällt vor Gericht nicht, weder an die Adresse der Seniorin noch an die der Verwaltungsfrau. Bereits vor Jahren wurde Nicole Karpov zu 30 Arbeitsstunden verurteilt, weil sie der für sie zuständigen Sozialbetreuerin eine derart schallende Ohrfeige verpasste, dass ihr das Trommelfell platzte. 80 Arbeitsstunden waren es 2012, als sie in der Albert-Schweitzer-Schule in Schmiden einen Amoklauf ankündigt hatte. „Mein Massaker nähert sich“, stand auf einem Zettel am Schulklo, in ihrem Facebook-Profil war „Waffen sind mein Leben“ zu lesen. Immerhin 40 Arbeitsstunden gab es wegen Beleidigung in 15 Fällen.

Die jüngste Verurteilung wegen Diebstahls liegt zwei Jahre zurück. Jetzt ist bei der Bemessung des Strafmaßes erstmals nicht mehr das Jugendstrafrecht gefragt – der Waiblinger Amtsrichter hält für den Tritt der Oma und die üble Bedrohung der Rathaus-Mitarbeiterin sechs Monate auf Bewährung für angemessen. Die zwei im Supermarkt gestohlenen Schokoriegel – immerhin in Bio-Qualität – fallen juristisch nicht mehr ins Gewicht. „Bei so massiven Vorwürfen muss jetzt eine Zäsur gesetzt werden“, sagt er. Um die Frage, wie Nicole Karpov zu helfen ist, muss sich der nächste Richter kümmern.

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