Feminismus-Ikone Laurie Penny „Jane Austens Romane sind Horrorgeschichten“

Feministin mit Faible für Liebesromane: Laurie Penny. Foto: Sam Braslow

Frauenkram? Von wegen! Laurie Penny findet den Liebesroman als Genre revolutionär – aber auch Frauen, die sich in einer kapitalistisch-patriarchalischen Gesellschaft weigern, Kinder zu bekommen. Die britische Autorin und Aktivistin stellt an diesem Mittwoch im Stuttgarter Literaturhaus ihr Buch „Sexuelle Revolution“ vor.

Liebe im Kapitalismus – geht das überhaupt? Die britische Autorin Laurie Penny findet: ja. Doch für Frauen ist das gesellschaftliche Korsett bis heute eng geschnürt. Ein Gespräch über klassische Liebesgeschichten, überstrapazierte Beziehungen und eine Generation streikender Frauen.

 

Ms. Penny, in unserer Gesellschaft lernen Frauen ja schon früh, ihren Körper und ihre Sexualität zu bewerten. Die Popkultur spielt eine zentrale Rolle dabei, solche Narrative zu reflektieren. Ist das ein Schritt in die richtige Richtung?

Teilweise ja. Schauen wir uns zum Beispiel den Cast der Netflix-Serie „Bridgerton“ an: Für viele Zuschauende war es extrem wichtig, nicht weiße Schauspieler in großen Rollen zu erleben – und ich meine damit nicht nur in der Hauptrolle, sondern als jene Figuren, die die großen Liebesgeschichten erleben. Sie bekommen endlich die Rollen, die bisher typischerweise für weiße Frauen vorgesehen waren. Diesen Wandel sieht man übrigens am stärksten bei den Liebesgeschichten.

Wie stehen Sie als Feministin zu diesem Genre?

Ich bin ein großer Fan von Liebesgeschichten, das Genre ist revolutionär. Aber viele Leute schätzen es sehr gering – und ich gebe zu, bis vor einigen Jahren war ich auch so. Und ich lag so was von falsch, was Liebesgeschichten angeht.

Öffentlich scheuen sich einige Leute davor zuzugeben, dass sie gerne Serien wie „Bridgerton“ schauen oder Liebesromane lesen. Warum?

Sexismus. Viele Leute haben das Genre abgeschrieben, weil Liebesgeschichten oder Erzählungen über Beziehungen für sie „Frauenkram“ und dadurch oberflächlich und albern sind. De facto sind sie das Gegenteil: Es ist das einzige moderne Genre, das mehr als einen Protagonisten hat. Bei klassischen Liebesgeschichten – nehmen wir mal an, es geht um ein heterosexuelles Paar – steht weder die Frau noch der Mann im Fokus, sondern die Beziehung. Diese Geschichten sind clever aufgebaut, ein bisschen wie Kriminalromane. Sie versprechen ihren Lesern, dass sie herausfinden werden, ob jemand glücklich wird oder nicht. Bis dahin ist es aber eine komplizierte Reise. Man braucht kluge Schriftsteller, um das hinzubekommen. Ich würde es gerne eines Tages mal selbst versuchen.

Klassische Liebesliteratur ist dazu ja auch immer das Spiegelbild der Position von Frauen in einer Gesellschaft.

Absolut. Ich bin zum Beispiel großer Jane-Austen-Fan. Die meisten Leute glauben, ihre Werke wären Liebesromane. Aber in Wahrheit sind es Horrorgeschichten über Frauen, die mit einer tickenden Zeitbombe hantieren. Vor allem Geschichten, die im viktorianischen England spielen – wie „Bridgerton“ – zeigen, wie schwer Frauen es haben, wenn sie keinen Partner finden. Sie erzählen von einem Escape-Room: Wie löse ich das Rätsel innerhalb des vorgegebenen Zeitrahmens?

Ein Zustand, den wir heute so nicht mehr kennen. Hat diese Literatur noch etwas mit uns als Frauen zu tun?

Ich denke, wir mögen diese Erzählungen so sehr, weil wir in modernen Beziehungen oft nicht über solche Hürden sprechen dürfen. Wir fühlen sie aber. In Geschichten über Geld, Doppelstandards und Status liegen diese Dinge auf dem Tisch, und wir sehen Figuren, die ganz offen darüber verhandeln. Auf eine Weise fühlt sich das sehr ehrlich an.

Und warum halten wir in der Realität damit unter dem Tisch?

Weil es unromantisch ist, Dinge wie Ungleichheit, Vorurteile und Geld offen zu diskutieren. Unsere Ansprüche an eine Liebesbeziehung sind heute ganz anders als früher. Der Grund: Uns wurde weisgemacht, dass wir heute in einer Welt leben, in der Männer und Frauen gleichgestellt sind, obwohl dafür nie große, strukturelle Veränderungen umgesetzt wurden. Stattdessen wurde die Ideologie von „romantischen Liebe“ immer größer.

Wir haben es heute also immer noch nicht aus dem Escape-Room geschafft.

Nein, natürlich nicht. Patriarchat und Kapitalismus bleiben repressive Systeme. Niemand schafft es raus, man handelt nur den besten Deal unter den gegebenen Umständen aus. Immer mehr Menschen realisieren, dass sie kaum eine Chance haben, als Individuum etwas am System zu ändern. Das ist dasselbe im Feminismus: Frauen merken, dass sie kaum einen guten Deal aushandeln können – es gibt keinen. Das ist zum Beispiel einer der Gründe, warum viele heterosexuelle Frauen sich von dem Gedanken verabschieden, unter diesen Umständen Kinder zu bekommen. Ich halte das für revolutionär.

In Ihrem aktuellen Buch „Sexuelle Revolution“ beschreiben Sie das als eine Art Generalstreik.

Genau. Der Feminismus hat ungefähr das Maximum dessen erreicht, was er im Kapitalismus verändern kann, ohne grundlegend am System zu wackeln. Also streiken Frauen – und Streik hat Konsequenzen. Viele Menschen, die sich zum Beispiel dazu entscheiden, unter Bedingungen wie zum Beispiel kaum bezahlte Elternzeit in vielen Ländern oder einseitige Care-Arbeit keine Kinder zu bekommen, wären im Grunde sehr gerne Eltern. Aber sie sind nicht bereit, es unter allen Umständen zu sein.

Welche Rolle spielen Männer dabei?

Männer haben sich zu lange eingeredet, dass Frauen unter allen Umständen Kinder bekommen wollen – weil Frauen dafür da sind und es ihre höchste Aufgabe im Leben ist. Das ist die Wurzel eines sexistischen Mythos.

Laurie Penny

Person
Laurie Penny (35) ist eine britische Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Journalistin. Sie zählt zu den wichtigsten Stimmen des zeitgenössischen Feminismus. International bekannt wurde Penny erstmals mit ihrem Buch „Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus“.

Termin
Penny stellt am Mittwoch, 6. April, 19.30 Uhr, im Stuttgarter Literaturhaus ihr Buch „Sexuelle Revolution: Rechter Backlash und feministische Zukunft“ (Edition Nautilus, 384 Seiten, 24 Euro) vor.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Theaterhaus Stuttgart