Worüber haben sich die Menschen eigentlich vor Corona empört? Ferdinand von Schirach fragt in die Runde, aber vermutlich erinnert sich niemand mehr an das letzte große Aufregerthema vor dem Lockdown: Es waren die Kassenzettel, die Bäcker für jedes Brötchen ausgeben sollten. Inzwischen ist viel passiert, viel Unerfreuliches – und man kann Ferdinand von Schirach nur zustimmen, wenn er sagt: „Ich wäre gern wieder bei den Kassenzetteln.“
Er füllt Theater und Hallen
Ein Satz – und schon hat er sein Publikum gepackt, so wie es der Bestsellerautor in seinen Büchern auch immer wieder schafft, in seinen Bann zu ziehen. Nun ist er am Sonntag ins Alte SchauspielhausStuttgart gekommen – bevor es schon wieder weitergeht nach Heilbronn, Aachen und Dresden, wo die Reihen vermutlich ebenso dicht besetzt sein werden, wenn er dort sein neues Buch „Nachmittage“ vorstellt. Eigentlich könne man das aber auch selbst zu Hause lesen, sagt er, deshalb werde er jetzt einfach erzählen.
Und erzählen kann Ferdinand von Schirach, der so unauffällig und unaufgeregt wirkt, wie er hinter seinem Stehpult aus dunklem Holz auf und ab läuft und das tut, was im Programmheft bereits angekündigt wurde: rauchen. Wobei er nur zu Beginn des Abends rauche, wie er erklärt, weil sonst jene im Publikum aggressiv würden, die auch gern rauchen wollen. Und schon ist er bei seinem großen Lebensthema gelandet, der Gerechtigkeit.
Wie handelt man richtig?
Ferdinand von Schirach hat eine Marktlücke für sich gefunden, weil er zielsicher an das menschliche Gewissen appelliert und immer wieder um die Frage der Schuld kreist, was man auch an den Titeln seiner Werke ablesen kann, die kurz und knackig mit „Verbrechen“, „Strafe“ oder „Schuld“ überschrieben sind. Nachdem die Religionen oft nicht mehr als moralische Instanz dienen und Gerichte sich weniger an der Gerechtigkeit als am Recht orientieren, ist es von Schirach, der auf vielerlei Weise durchspielt, wie das auf sich selbst zurückgeworfene Individuum richtig und gerecht handeln könnte.
Der Opa war eine Nazigröße
Der Autor weiß nicht nur aus seiner langen Karriere als Anwalt von vielen Fällen zu berichten, er selbst wurde von früh an auch ganz persönlich mit der Schuldfrage konfrontiert. Sein Großvater war Baldur von Schirach und als Reichsjugendführer eine Nazigröße, die später als einer der Hauptkriegsverbrecher eingestuft und zu zwanzig Jahren Haft verurteilt wurde. Dieses Erbe hat Ferdinand von Schirach ebenso geprägt wie die Jahre im Jesuitenkloster.
Das Jurastudium sollte ihm Halt geben
Als Jugendlicher, erzählt er am Sonntag im Alten Schauspielhaus, habe er davon geträumt, sein Leben mit nichts als Lesen und Schreiben zu verbringen. Dann aber starb der Vater, den er als „strahlend, elegant und unbesiegbar“ erlebt hatte. In Wirklichkeit sei er hochbegabt gewesen und zum Trinker geworden. Aus Angst, ebenfalls zu scheitern und sich in der „Haltlosigkeit“ zu verlieren, entschied sich Ferdinand von Schirach zum Jurastudium, von dem er sich Halt erhoffte. Erst nach der Hälfte seines Lebens sei er zum Schreiben zurückgekehrt.
Ausgerechnet der Jurist hat das Theater erneuert
Seither jagt ein Erfolgstitel den nächsten. Mehr als zehn Millionen Bücher hat er bereits verkauft – und es ist schon erstaunlich, dass sogar die Erneuerung des Theaters ausgerechnet von dem schreibenden Juristen angestoßen wurde. Denn das Publikum ärgert sich zunehmend darüber, wenn auf der Bühne von oben herab doziert wird. Mit „Terror“ machte von Schirach vor, wie man das Publikum aktiv einbinden kann. Das Stück zeigt einen Gerichtsprozess – und die Zuschauer entscheiden, ob ein Major ein von Terroristen gekapertes Flugzeug abschießen durfte, damit es nicht in ein voll besetztes Fußballstadion fliegt. In der Pause wird abgestimmt – und je nach Ergebnis nimmt das Stück einen anderen Verlauf. Im Alten Schauspielhaus, das ebenfalls „Terror“ auf dem Spielplan hatte, entschied das Publikum immer wieder, dass man wenige Menschen töten darf, um viele Leben zu retten.
Man muss an die Schwächsten denken
Ist das richtig? Ferdinand von Schirach hat auch bei Platon & Co. nach Antworten gesucht, fündig sei er aber nur bei dem amerikanischen Philosophen John Rawls geworden, wie er bei seiner Lesung erzählt. Laut Rawls müssen sich Entscheidungen immer nach dem schwächsten Mitglied einer Gesellschaft richten. Konkret: Wenn Erben streiten, wer was bekommt, müsse man die Dinge gemeinsam aufteilen, ohne zu wissen, wer hinterher welchen Haufen erhält.
Ein bisschen doziert er aber doch
„Lesen Sie das Buch“, sagt von Schirach, „es wird Ihnen und uns helfen.“ Und da ist er dann wieder, der große Moralist, der sehr ernsthaft von Güte, Liebe und Menschenfreundlichkeit spricht. Dabei schreckt der souveräne Performer auch nicht vor Plattitüden zurück und mahnt dann doch ein bisschen von oben herab: „Alle Extreme sind falsch. Paragliding in den Dolomiten ist falsch – und Kohldiät auch.“
„Nachmittage“ – das neue Buch des Bestsellerautors
Person
Ferdinand von Schirach, 1964 in München geboren, wurde zunächst bekannt als Strafverteidiger in den Mauerschützenprozessen. Heute lebt er in Berlin, über sein Privatleben verrät er nichts.
Erzählband
Ist er dieser Mann, der in Taipeh eine Journalistin zum Tee trifft, die ihn dann in einen Tempel führt und über die Liebe spricht? In seinem neuen Buch „Nachmittage“ scheinen die Grenzen fließend zu sein zwischen Erlebtem und Erfundenem. In den kurzen Geschichten aus verschiedensten Städten zwischen Japan, Marokko und den USA geht es häufig um Zufälle und flüchtige Momente, die das Leben verändern, um besondere Begegnungen und natürlich die Liebe. Das Buch, das bei Luchterhand erschienen ist und 22 Euro kostet, eroberte nach seinem Erscheinen im Sommer sofort den ersten Platz der „Spiegel“-Bestsellerliste.