Ferdinand von Schirachs "Schuld“ Der Mensch und seine Abgründe

Friedrich Kronenberg (Moritz Bleibtreu) erreicht das Beste für seine Mandanten. Foto: ZDF
Friedrich Kronenberg (Moritz Bleibtreu) erreicht das Beste für seine Mandanten. Foto: ZDF

Die großartige Serie „Schuld“ mit Moritz Bleibtreu basiert auf den Kriminalstorys von Ferdinand von Schirach. Von der ZDF-Mediathek kommt sie jetzt ins Fernsehen.

Kultur: Ulla Hanselmann (uh)
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Stuttgart - Am Schluss jeder Folge geht Moritz Bleibtreu als Strafverteidiger Friedrich Kronberg eine erhabene Treppe im Gericht hinunter, während es aus dem Off heißt: „Die Schuld eines Menschen ist schwer zu wiegen. Wir streben unser Leben lang nach Glück. Aber manchmal verlieren wir uns, und die Dinge gehen schief. Dann trennt uns nur noch das Recht vom Chaos. Eine dünne Schicht aus Eis, darunter ist es kalt, und man stirbt schnell.“

Pathos? Kitsch? Mag sein. Aber dieser Epilog federt die Wucht dessen, was ihm vorausgegangen ist, ab und erlaubt einem nach 45 Minuten, wieder tief durchzu­atmen. In den meisten TV-Serien werden solche überhöhenden Botschaften gern als Prolog vorausgeschickt, damit der Zuschauer weiß, wie er das, was kommt, einzuordnen hat, und sich bequem zurücklehnen kann. Es ist nicht das Einzige, was die ZDF-Serie „Schuld“ anders macht und sie wohltuend von durchschnittlicher deutscher TV-Ware abrückt. Die von Oliver Berben und Jan Ehlert produzierte Serie, die sechs von insgesamt 15 unter dem gleichnamigen Titel erschienenen Kriminalgeschichten des Strafverteidigers und Schriftstellers Ferdinand von Schirach verfilmt, ist eine der ersten TV-Perlen des Jahres: Formal erstklassig gemacht und mit exquisiter Besetzung erzählt „Schuld“ davon, wie Recht und Gesetz dem Mensch und seinen Abgründen begegnet. Dass es sich um Fälle aus Schirachs Alltag als Anwalt handelt, erhöht die Wirkung ungemein.

Um jüngere Zuschauer zu locken, hat das ZDF sämtliche Folgen zwei Wochen vor der Fernsehausstrahlung ins Netz gestellt – „binge watching“ ist erwünscht. Tatsächlich erliegt man leicht der Versuchung, sich diese großartigen 45-Minüter auf einen Schlag zu verabreichen; von der ersten Filmeinstellung an entwickeln sie einen Sog, dem man sich schwer entziehen kann.

Moritz Bleibtreu ist zurück im Fernsehen

Das hat freilich auch mit der Hauptfigur zu tun, diesem Friedrich Kronberg, für den der Schauspieler Moritz Bleibtreu nach mehr als 15 Jahren Abstinenz zum Fernsehen zurückgekehrt ist. Man ist ihm dankbar dafür. Er spielt diesen Strafverteidiger als stillen Beobachter: Seinen Mandanten hört er die meiste Zeit einfach nur zu, distanziert, dennoch mitfühlend und immer mit dem Ziel, für sie das Beste zu erreichen.

Erzählt wird aus Kronbergs Perspektive: Er ist „im besten Sinne ein Conférencier. Er führt die Zuschauer durch die Geschichten“, wie Moritz Bleibtreu in einem ZDF-Interview treffend formuliert.

Man sieht ihn im Gespräch mit den Mandanten, beim Aktenstudium im Büro, im Café. Persönliches, gar Privates erfährt der Zuschauer nicht, nur dass er viel raucht, Sakkos trägt, die nicht zur Hose passen, und einen älteren, grünen Jaguar fährt. Und somit hat dieser junge Anwalt nichts mit den sonstigen TV-Juristen gemein: kein Geplänkel mit der Bürosekretärin, kein Familien-Nebenschauplatz, kein aufgetragenes Sozial-Pathos, kein Geschwafel von Gerechtigkeit. Es sind diese Leerstellen, die einen großen Teil der Faszination der Figur ausmachen – sowie Moritz Bleibtreus brillantes verhaltenes Spiel, das in einen Blick mehr Botschaften legen kann als in tausend Worte.

Raum für die Schicksale

Durch dieses Zurückgenommene schaffen die Autoren Raum für den Fall und die Schicksale, die sich in ihnen verbergen: ein Ehepaar (Devid Striesow und Bibiana Beglau), dessen erotisches Abenteuer in einer Katastrophe endet („Der Andere“), ein verwahrloster alter Mann (großartig: Hans-Michael Rehberg), dem wegen Drogenhandels mit Waffenbesitz fünf Jahre Gefängnis drohen und dennoch das Glück begegnet („Schnee“); eine Mutter (Anna Maria Mühe), die jahrelang die Gewaltausbrüche ihres Mannes (Benjamin Sadler) erduldet, um ihre Tochter zu schützen, bis sie einen Ausweg findet („Ausgleich“).

Die Auftaktgeschichte im Buch ist die letzte Folge im Fernsehen („Volksfest“), es war Schirachs erster beruflicher Erfolg – es geht um eine Gruppenvergewaltigung bei einem Bierfest. Schon die im Frühjahr 2013 ausgestrahlte Vorgängerserie „Verbrechen“, basierend auf dem ersten Erzählband Schirachs, wurde hoch gelobt; Josef Bierbichler verkörperte damals den Strafrechtler Friedrich Leonhardt. „Schuld“ ist ruhiger, weniger verspielt, eher klassisch statt poppig. Die Regisseure Hannu Salonen und Maris Pfeiffer bevorzugen Entschleunigung als formales Prinzip – und erzeugen dadurch eine enorme Intensität.

Sie zoomen Gesichter und Details nah heran, zeigen die Figuren im Gegenlicht. In Schlüsselstellen lassen sie Gegenstände – Mordwerkzeuge, zentrale Requisiten – von oben nach unten durchs Bild schweben. Einzelne Momente werden extrem gedehnt, ein Wassertropfen braucht Ewigkeit, bis er fällt. Es wird nicht viel geredet, und viele Fragen bleiben offen – auch dies ein kostbares Unterscheidungsmerkmal gegenüber sonstigem Serienramsch.

Das Grauen und das Recht

Die so entstehende Erzählung kommt in ihrer Dichte und Intensität nah an die auf dem seriellen Erzählprinzip beruhenden US-Vorbilder heran, obwohl es sich bei den Episoden um abgeschlossene Geschichten handelt. Friedrich Kronberg hält seine juristischen Plädoyers im Gerichtssaal; dort wird das oft Grauenhafte, Schockierende, das passiert ist, mit dem nüchtern-rationalen Recht abgeglichen – das macht die Grundspannung aus. Vor Gericht werden „Tat und Täter“ untersucht – nicht Gut und Böse“, gibt Ferdinand von Schirach zu Protokoll. Die Frage nach Schuld und Gerechtigkeit aber, die wird an den Zuschauer zurückgespielt. Und so bewegt man das moralische Für und Wider noch lange, nachdem der grandiose Titelsong von Jennifer Rostock im Abspann verklungen ist, in seinem Kopf hin und her.




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