Ferien am FKK-Strand Im Urlaub lieber nackt

Nudisten leben im Einklang mit der Natur, mit Respekt vor sich selbst, den Mitmenschen und der Umwelt Foto: Sérignan Plage Natur/Celine Hamelin

Was sie daran reizt, warum Handys und Intimpiercing verboten sind, berichtet ein Paar aus seinem Urlaub in einen französischen Nudisten-Camp.

Ich mach’s“, raunt Nina ihrem Mann zu. „Mein Gott, ich tu es wirklich“, denkt die 38-Jährige. Mathias hat längst Hose und Hemd abgeworfen, reckt seine schneeweißen Pobacken in die Sonne von Sérignan, atmet die salzige Luft. Auch Nina lässt die Hüllen fallen. Der Wind streichelt angenehm die Haut. Der feine warme Sand schmeichelt dem Körper und entspannt die Glieder. Niemand glotzt. Alle sind sie nackt. Kein Körper ist perfekt.

 

Nina und Mathias sind am FKK-Strand von Sérignan an der Côte d’Améthyste, gelegen zwischen Béziers und Narbonne. Für sie eine Premiere mit Bauchschmerzen: „Möchte ich, dass wildfremde Menschen mich nackt sehen? Werde ich angestarrt? Möchte ich Fremde unbekleidet sehen? Kann ich in so einer Situation überhaupt entspannen?“ Für ihn Routine: „Mit meinen Eltern bin ich zu DDR-Zeiten immer an der Ostsee gewesen, nackt am Strand war da normal.“ In Frankreich hat der 43-Jährige mehrere FKK-Dörfer des Anbieters France 4 Naturisme besucht. „Nur Le Sérignan fehlte noch.“

„Wir trennen zwischen natürlicher Nacktheit und Sexualität“

Seit 1972 gibt es hier einen FKK-Campingplatz – eingebettet im Vogelreservat „Les Orpelliers“. Die Anlage ist rund sieben Hektar groß – und schattig. Zwischen den 200 Stellplätzen für Zelte und Wohnwagen, den 120 teilweise klimatisierten Bungalows und Hütten hat man eine große Zahl an Bäumen und Sträuchern gepflanzt: Lorbeer und Pappel, Feige, Olive und Pinie, Zypresse, Tamarisken und Erdbeerbäume. Das sieht nicht nur hübsch aus, es bietet auch einer Vielzahl von Vögeln einen Lebensraum. „Die halten uns die Mücken vom Leib“, erzählt Camp-Managerin Noellia Sandonato.

Das Camp verfügt für Nina, Mathias und die anderen Gäste über ein kleines Balinéo, eine Badeanstalt mit mehreren Becken. Die Urlauber können sich im Massagebereich durchkneten oder morgens von einer Animatrice zur Wassergymnastik anleiten lassen. Dazu zwei Restaurants, eine Bar, einen Supermarkt und eine kleine Livebühne.

Doch das Animationsprogramm ist äußerst dezent, kein Vergleich zu den rund 40 Kilometer entfernten Marseillan Plage oder Cap d’Agde, die sich jeden Sommer in eine gigantische, lautstarke Kirmes verwandeln – mit mehr als 1,5 Millionen Besuchern. Die Gäste im Camp Le Sérignan suchen dagegen vor allem Ruhe.

Strandspaziergang im Abendlicht. Foto: Sérignan Plage Natur/Celine Hamelin

Die Gründer Etienne und Henriette Amat seien damals hierher gekommen, weil sich das Nudisten-Camp Cap d’Agde zu einem Treffpunkt der Swingerszene entwickelte, erzählt Noellia. Deren Treiben findet mittlerweile zur Hochsaison nicht nur in den diversen Nachtclubs, sondern auch an einigen Strandabschnitten in aller Öffentlichkeit statt. „Mit der Philosophie des Naturismus hat das nichts zu tun“, ärgert sich die Camp-Managerin. „Wir trennen zwischen natürlicher Nacktheit und Sexualität.“ Unter solchen Praktiken wie am Baie des Cochons (der Schweinchenstrand – heißt wirklich so) in Cap d’Agde leide das Image der Freikörperkultur.

„Zurück zur Natur“ – der Schlachtruf der selbst ernannten Lichtkämpfer

Die entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts im prüden Deutschen Kaiserreich als politisch-soziale Gegenbewegung, die nach einer natürlichen Lebensweise strebte. Gesellschaftliche Veränderungen ließen sich auch durch den persönlichen Lebenswandel erreichen, so ihr fester Glaube. „Zurück zur Natur“ war der Schlachtruf der selbst ernannten Lichtkämpfer. Mit ihm zogen sie in den Kampf gegen die Zwangsmoral einer Gesellschaft, die in ihren Augen neurotisch und krank war. „Ein nackter Mensch ist in unserer Zeit eine Geschmacklosigkeit und wirkt wie ein Schlag ins Gesicht – so unnatürlich sind wir geworden“, schrieb 1893 Heinrich Pudor.

Der Pionier der Naturismusbewegung war allerdings auch glühender Antisemit und Nationalist. Um 1925 dominierten noch die Sozialreformer die Bewegung, die das Proletariat nicht nur vom Kleiderzwang befreien wollte. Mit der Machtergreifung der Nazis setzen sich die von Anfang an auch vorhandenen völkischen Ideen durch: Die FKK-Vereine wurden verboten oder gingen im „Bund zur Leibeszucht“ mit ihren kruden völkisch-rassistischen Ideen auf.

So politisch aufgeladen wie in ihrer Gründerzeit ist die Bewegung längst nicht mehr. Aber die Grundphilosophie hat sich schon erhalten: Man wolle im Einklang mit der Natur leben, verbunden mit dem Respekt vor sich selbst, den Mitmenschen und der Umwelt, heißt es in einer Erklärung der Internationalen Nudistenföderation. Menschen, die Nacktheit positiv gegenüberstehen, seien oft zufriedener und hätten ein höheres Selbstwertgefühl, behauptet die 1953 gegründete Organisation.

Sonne, Wind und Wasser auf nackter Haut hätten zudem auch einen gesundheitsfördernden Aspekt. Und Camp-Managerin Noellia ist fest davon überzeugt, dass praktizierter Nudismus sie zu einer toleranteren und respektvolleren Person gemacht habe. Um diese Erfahrung auch Gästen wie Nina und Mathias zu ermöglichen, verfolgt das Camp das Konzept eines Safe Space. „Nackt sein bedeutet, verwundbar zu sein, daher schaffen wir einen sicheren Raum“, bringt Noellia es auf den Punkt.

So ist der Gebrauch von Smartphones, Tablets oder Kameras verboten. Voyeurismus, Exhibitionismus oder sexuelle Zweideutigkeiten werden nicht geduldet. Das geht so weit, dass die Betreiber darum bitten, Intimpiercings während des Aufenthalts abzunehmen, da sie „den Blick auf das entsprechende Körperteil lenken“. Die Regeln sind für alle transparent. Beim Buchungsprozess und noch mal beim Einchecken wird explizit darauf hingewiesen.

Für Kinder und Jugendliche gilt eine Ausnahme bei der Kleiderordnung

Dass das Konzept funktioniert, beweisen die Buchungszahlen, die seit Corona kräftig anziehen. „Die Mehrzahl unserer Gäste sind 60 plus – und Wiederholungstäter“, berichtet Noellia, „manche kommen seit 25 Jahren zu uns.“ Immer öfter sind aber auch junge Paare wie Nina und Mathias unter den Urlaubern. Und besonders erfreulich: Familien mit Kindern. Für die gibt es eine Ausnahme vom strengen Reglement: „Wir zwingen Kinder oder pubertierende Jugendliche natürlich nicht, sich nackt zu machen.“

Und man rate Eltern, die sich unsicher sind, ob ihr Nachwuchs für einen Urlaub im Camp wirklich bereit ist, eher davon ab. Alles andere wäre übergriffig. „Anders als beim Familienurlaub in den Bergen, an der See oder bei Oma auf dem Land müssen die Kids das wollen und sich wohlfühlen.“

So wie Nina: „Der erste Tag war noch ungewohnt, nach dem zweiten oder dritten denkst du gar nicht mehr darüber nach, dass du gerade nackt über den Platz läufst.“ Unangemessene Blicke anderer Männer habe sie hier nicht erlebt. „Das kenne ich vom Textilstrand anders, da wird oft ungeniert auf Brüste und Po gestarrt.“ Kauft sie im Camping-Supermarkt die lokale Wurstspezialität Andouillette oder marinierte Hühnchen für den Grill, wirft sie sich ein Pareo lässig über die Hüften. Das wird toleriert. Und auch beim Lunch im Restaurant trägt sie zumindest ein Handtuch. Dass andere Gäste unbekleidet ihre Moules-frites, Thunfisch-Tatar oder Ziegenkäse-Salat verspeisen, fällt ihr nach ein paar Tagen gar nicht mehr auf.

Morgens direkt nach dem Aufstehen ins Meer springen

Das Schönste für Nina – und in diesem Urlaub ein Ritual: Das morgendliche Bad im Meer. „Du schälst dich aus dem Bett. Kein Zähneputzen, kein Anziehen, sondern geradewegs ins Wasser. Ein paar Runden Schwimmen, und auf dem Rückweg hat der Wind dich getrocknet und Mathias den Kaffee zubereitet und beim Bäcker frische Croissants besorgt.“

Ein solch lässiges Savoir-vivre lässt sich aushalten. Wenn es nach Mathias ginge, die ganzen zwei Wochen. „Vor der Einfahrt zum Camping gibt es einen Verkaufsstand mit regionalen Produkten“, freut sich der Frankfurter. „Sehr viel weiter muss ich mich nicht bewegen“, grinst Mathias. Und wenn man doch einmal etwas anderes sehen wollte, gäbe es mit den Städten Béziers und Narbonne nahe gelegene Ziele: „Blöd nur, dass man sich dafür wieder anziehen muss.“

Info

Anreise
Von Stuttgart über Lyon mit dem eigenen Wohnmobil sind es rund 1000 Kilometer. Direktflüge ab Frankfurt nach Marseille mit Lufthansa, www.lufthansa.com . Von dort nimmt man am besten einen Mietwagen, www.sunnycars.de .

Unterkunft
Der Campingplatz Le Sérignan Plage ist vom 23. April bis 6. Oktober geöffnet. Die Preise liegen ab drei Nächten zwischen 69 Euro für einen Stellplatz bis 345 Euro für die Premium-Bungalows, www.leserignanplage.com/de . Weitere Anbieter von FKK-Feriendörfern findet man unter www.naturisme.fr/de/ oder www.france4naturisme.com/de/ .

Aktivitäten
In dritter Generation züchtet La Tarbouriech am Etang de Thau Austern, die wegen ihrer Qualität bei vielen französischen Sterneköchen gefragt sind. Die Anlage kann auf einer geführten Tour mit anschließender Verkostung besichtigt werden, www.tarbouriech.fr/de/ . Ganz in der Nähe, am Hafen von Marseillan, befindet sich die alte Kellerei des berühmten Wermut-Produzenten Noilly Prat. Auch sie öffnet Besuchern ihre Tore zur Besichtigung mit Degustation, www.noillyprat.com/de .

Allgemeine Informationen
Frankreich Tourismus, www.atout-france.fr

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