Ferientipp bei Ehningen Das riesige Vogelnest an der Autobahn

Das Nest und der Künstler Mathias Schweikle, Nestor der Land-Art in Baden-Württemberg. Foto: Eibner/Roger Bürke

Eines der bekanntesten Kunstwerke des Kreises Böblingen ist das vielleicht zehn Meter hohe Vogelnest in Ehningen östlich der Autobahn 81. Und warum? Weil es jeder sieht.

Böblingen : Ulrich Stolte (uls)

Zwei ältere Herren, die dastehen und schauen. Einer der Herren ist noch älter als ich: Der Künstler Mathias Schweikle, 61, aus Pfalzgrafenweiler. Alle drei bis vier Wochen ist er draußen bei dem bekanntesten Kunstwerk des Kreises Böblingen, dem auf drei Fichtenstämmen ruhenden riesigen Vogelnest im Maurener Tal bei Ehningen, direkt an der Autobahn 81.

 

Wie ist es, wenn man einfach nur da steht und über ein Weizenfeld guckt? Man sieht, wie viele verschiedene Arten von Gelb es gibt. Gelbbraun, gelbschwarz, ocker, leuchtend gelb, blassgelb und dazu der Duft nach Weizen, so wie nasse Haare manchmal riechen. Dann sehen wir nach drüben, wo die Felder schon abgemäht sind und die Strohhalme aussehen – wie Strohhalme?

Mathias Schweikle hebt eine Krähenfeder auf. „Was für ein Wunderwerk, diese eine Feder!“, sagt er begeistert, er zieht vorsichtig mit dem Finger die Federäste nach, glättet die Feder, fügt die verhakten Strahlen wieder aneinander.

Siloballen wurden Billardkugeln

„Das kann doch alles kein Zufall sein, da muss doch eine Idee dahinter stehen, so ein kompliziertes schönes Ding erschafft sich doch nicht von selbst“, sagt er, und Mathias Schweikle weiß, wovon er spricht, denn ein Schöpfer ist auch er, wenn er auch zunächst von Beruf Stuckateur ist, mit einem Betrieb in dritter Generation. Sein Großvater hat in Öl gemalt, sein Vater Karl-Heinz hat kreativ Fassaden bemalt und Mathias Schweikle macht Kunst in der Natur, Land-Art, wann immer er kann. Er will das Kleine ganz groß werden lassen, wie etwa dieses Vogelnest, wie etwa ein Billardspiel, das er mal als gruppendynamische Übung von einer Managerrunde gestalten ließ: Er ließ Siloballen bemalen, damit sie wie Billardkugeln aussahen, als Queues dienten Fichtenstämme.

Seine Firma in Pfalzgrafenweiler im Kreis Freudenstadt hat 14 Mitarbeiter und lastet ihn aus, trotzdem schafft er das, was man im englischen Business-Sprech „die Meile extra“ nennt, zu der man sich aufraffen muss, will man Erfolg haben. Im Schwarzwälder Schweikle-Sprech heißt das, „es bringt ja nichts, wenn ich Zeit habe, aber keine Lust.“

Soll ja öfter vorkommen. Aber er wusste, so eine Chance wie 2014, als er etwas zur Sculptoura, dem Skulpturenrundweg des Landkreises Böblingen, beitragen durfte, würde er nicht mehr so schnell bekommen.

Tannenmoggele und Krabben

Dummerweise fiel ihm das etwa einen Tag vor Einsendeschluss ein. Am Abend stand er im Garten und schnitzte an irgendwelchen Stecken, bis ihm die Idee kam. Er klebte mit Heißkleber drei Stecken als Stütze und Zahnstocher als Nest auf eine Unterlage und war damit um Mitternacht fertig. Damit fuhr er am nächsten Tag zum Böblinger Landratsamt – und dort war man begeistert.

Wie heißt es? Man bringt zwar einen Mann aus dem Schwarzwald, aber nie den Schwarzwald aus einem Mann? Schweikle bringt ein Wort mit: „Tannenmoggele“. Das ist wohl das Pfalzgrafenweiler Wort für Tannenzapfen. Und noch eins „Krabben“ für Raben. Das kenne ich auch noch – als Nachtkrabb. Der Kinderschreck, der einen holt, wenn man nicht artig war, lange her. Heute verschreckt man die Kinder lieber mit dem ökologischen Super-GAU, wenn sie nicht aufessen oder ihr Bonbonpapierle wegschmeißen, statt mit Odins nächtlichen Raben. Wer weiß, was besser ist.

„Die Farbigkeit, die Lebendigkeit!“

Schweikle musste vielen Menschen aus dem hohen Norden erst mal klar machen, dass auf dem gemeinsam entworfenen Krabbenweg im Schwarzwälder Waldachtal keine Krustentiere zu sehen sein würden, sondern Federvieh, neun große Rabenfiguren. Das ist Kunst. Was aber macht man, wenn man ein Vogelnest auf der Baustelle findet? Mathias Schweikle bringt es in Sicherheit. „Wir müssen doch die Natur schützen, die braucht doch auch ihren Platz, genauso wie der Mensch und seine Bedürfnisse.“ Mathias Schweikle ist kein Stadtromantiker, sondern eben auch Unternehmer. Von Zeit zu Zeit ist er jedoch aus seinem Unternehmen und aus dem scheinbar vorgezeichneten Lebenslauf ausgebrochen. Kaufte sich ein „Rund um die Welt“-Flugticket und ging nach Südamerika, blieb in Mexiko und reiste weiter. Was ihn da am meisten beeindruckt hat: „Die Farbigkeit!“, sprudelt es aus ihm heraus, „die Lebendigkeit!“

Deswegen hat er auch die Fichtenstämme, die sein Vogelnest tragen, mit bunten Bändern verziert. Deswegen hat er auch Baumstrünke, die der Sturm Lothar ausgerissen hat, umgedreht aufgebaut und angemalt, dass sie jetzt aussehen wie farbige korinthische Säulen.

Die Fähigkeit, das Gute zu sehen

Das Vogelnest verändert sich mit den Jahreszeiten, wird winters weihnachtlich dekoriert, nachts angestrahlt, kriegt an Ostern ein neues Gelege. Wie oft es sich ändert, hängt davon ab, ob es einen Sponsoren gibt, oder das Landratsamt Geld übrig hat. Eine Friedenstaube lag schon drin oder ein Globus. Schweikles letzte Idee waren Spiegeleier, mit Glas verkleidete Ovale, die den Himmel spiegelten.

Die Installation hätte 2014 wieder abgebaut werden sollen, aber das Landratsamt Böblingen hatte die Installation ins Herz geschlossen, die Ehninger ebenso, und so blieb sie stehen.

Schweikle hat die Fähigkeit, das Gute zu sehen und es innerlich zusammenzufügen, bis aus dem Guten ein noch Besseres wird. Natürlich habe es auch schwere Zeiten und dunkle Stunden gegeben, protestiert er. Und dann war noch der Tag vor anderthalb Jahren, als ein Sturm das Vogelnest umwehte. Aber Leute, die Telegrafenmasten setzen können, haben es frisch verankert, und hin und wieder kommt ein Statiker, um zu sehen, ob die Konstruktion noch hält.

Über das Nest fliegen zwei Graugänse. Ganz dicht hintereinander, die Flügel berühren sich fast. „Das ist doch wunderbar“, sagt Schweikle.

Ein Bauer kommt vorbei, Holger heißt er. Sein Hund ist schon alt und Holger weiß nicht, ob ihm die Hitze gut tut – der Hund weiß es auch nicht, trotzdem turnt er munter zwischen den Stoppeln umher. Holger gehört die Fläche, auf der das Vogelnest steht, im Frühsommer sät er drunter Blumen ein. Hier kommt einfach alles Gute zusammen, findet Mathias Schweikle, das Vogelnest, die Blumen, und die Maschinenhalle von Holger, deren PV-Anlage den Ökostrom liefert für die Strahler, mit denen das Vogelnest beleuchtet wird.

Sie kennen sich lange, sie reden noch ein wenig, vor allem über die Ehninger Entenbrüter. Sie versuchen, die Geschichte zusammen zu bringen, da muss wohl einer Fieber gehabt haben und dann war es in seinem Bett so warm, dass Enteneier ausgebrütet wurden, oder so ähnlich. Jedenfalls könnte er doch ein riesiges Entlein in das Nest setzen, findet Schweikle, und vielleicht finden sich ja Unterstützer dieser Idee. „Kunst braucht Menschen, die sich begeistern lassen“, sagt Schweikle. Dann gehen wir. Holger mit dem Hund, Schweikle mit der Krähenfeder, ich mit dieser Geschichte, der aber noch ein Schlusssatz fehlt: einfach mal nach Ehningen, das Vogelnest auf sich wirken lassen und dann weiter wandern ins idyllische Maurener Tal.

Unterwegs in der Region

Serie
Urlaub daheim ist nicht langweilig. Die Region Stuttgart bietet vielfältige Möglichkeiten für abwechslungsreiche Tage ohne weite Anreise – für Kulturinteressierte wie für Naturfreunde, für Sportbegeisterte wie für Genießer. In unserer Serie „Der Ferientipp“ stellen wir Ausflugsziele vor. Wetten, dass auch für Sie etwas dabei ist?

Anreise
Anfahrt nach Ehningen mit der S-Bahn Linie 1.

Gastronomie
Orte zum Einkehren gibt es im Maurener Tal nicht, aber zwei schöne Rastplätze, einer hat eine Grillschale. Ansonsten kehrt man in Ehningen ein.

Zielgruppen
Der Besuch beim Vogelnest ist etwas für Romantiker. Vom Vogelnest kann man ins Maurener Tal wandern, die sechs Kilometer lange Strecke ist für Genusswanderer, Kulturbeflissene und Naturfreunde absolut ideal.

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