Ferienwaldheim Sonnenwinkel Waldheimvergnügen im Wandel der Zeit

Von Götz Schultheiss 

Seit rund 100 Jahren gibt es einen Waldheimbetrieb im Sonnenwinkel in Stuttgart. Die Anfänge waren sehr bescheiden. Wie es in diesem Jahr mit der Freizeit aussieht, steht aktuell wegen Corona in den Sternen.

Fröhliches Gedränge im Sonnenwinkel vor der Corona-Pandemie Foto: Alexandra
Fröhliches Gedränge im Sonnenwinkel vor der Corona-Pandemie Foto: Alexandra

Kaltental - Ob der Corona-Pandemie wegen wie jedes Jahr Waldheimferien stattfinden werden, ist zum jetzigen Zeitpunkt ungewiss. „Im Prinzip fahren wir auf Sicht“, sagt Uli Seeger von der Geschäftsstelle der Arbeitsgemeinschaft Evangelische Ferien- und Waldheime (AEFW) in Württemberg. Falls solche Ferien erlaubt würden, werde dies nur mit Sicherheitsvorkehrungen möglich sein: „Es wird kein Waldheim geben, in dem sich 300 Kinder im Saal drängeln.“

Zu den 17 Ferienwaldheimen für rund 6000 Kinder auf Stuttgarter Markung, welche die Arbeitsgemeinschaft betreibt, gehört das Ferienwaldheim Sonnenwinkel im Dachswald. Heute steht es Buben und Mädchen im Alter von sechs bis 14 Jahren offen. Vor rund 100 Jahren, als das Waldheim gegründet wurde, sah das ganz anders aus. Das Waldheim war erst einmal Mädchen vorbehalten. Der Verband der Evangelischen Mädchenvereinigungen der Matthäus- und Kreuzkirchengemeinden hatte für den Waldheimbetrieb im Jahre 1919 für 20 500 Reichsmark ein Gartengrundstück im Gewand „Barchet“ gekauft.

Die Bezeichnung „Sonnenwinkel“ für das Grundstück kam aus der Mitte der Mädchenkreise. Die Jahre nach dem ersten Weltkrieg und die 20er Jahre waren von Hunger, Inflation und Arbeitslosigkeit gekennzeichnet. Deshalb ermöglichten die Quäker, barmherzige US-amerikanische Christen, auch im Sonnenwinkel Schulspeisungen. Der Beginn des Waldheimbetriebs sah bescheiden aus: Es wurden Zelte aufgestellt, gekocht wurde in der Waschküche eines Nachbarhauses.

1932 fand auf dem Waldheimgelände die erste Frauenfreizeit statt

Der erste Schritt auf dem Weg zum festen Haus erfolgte 1925: Der Verband errichtete eine offene Gartenhalle, damit die Mädchen ein festes Dach über dem Kopf hatten. 1928 wurde für 40 000 Reichsmark ein festes Haus gebaut, um den Ferien- und Waldheimbetrieb auch bei schlechtem Wetter zu ermöglichen.

1929/1930 erwarb der Verband trotz großer finanzieller Probleme weitere benachbarte Grundstücke. An der Finanzierung beteiligten sich die Matthäusgemeinde und die Kreuzkirchengemeinde. Im Jahre 1930 durfte der „Sonnenwinkel“ eine Vereinswirtschaft betreiben. In den folgenden Jahren nutzten die Kirchengemeinden, darunter auch Kaltental, das Anwesen oft als Gemeindegarten. 1932 fand dort die erste Frauenfreizeit statt.

1933 begann die Herrschaft der Nazis. Aus politischen Gründen und nachdem das benachbarte Heim der sozialdemokratisch orientierten Arbeiterwohlfahrt beschlagnahmt worden war, übergab der Verband das Grundstück 1939 an die Matthäus- und Kreuzkirchengemeinde, in dessen Eigentum es seither ist.

Ab 1931 erfolgte die Leitung des Ferienwaldheims durch den Diakon und ehemaligen Stadtmissionar Karl Zehender, der am 14. Mai 2010 im biblischen Alter von 107 Jahren starb. Er und seine Frau führten das Heim durch die gefährliche Zeit bis zur Befreiung und durch die Jahre des Wiederaufbaus bis zum Anfang der 1960er Jahre. Nach dem Kauf mehrerer Nachbargrundstücke wurde auf dem größeren Areal ein Kindergarten, eine Kirche, ein Gemeindezentrum und ein neues Ferienwaldheim gebaut und an Himmelfahrt 1970 eingeweiht. Im Waldheim haben jeden Sommer etwa 60 Kinder Freude an Spaß und Spiel.

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