Fernsehserie „Vinyl“ Mick Jagger und Martin Scorsese als Rock’n’Roll-Märchenonkel

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Was kommt dabei heraus, wenn man die TV-Serien „Mad Men“, „Boardwalk Empire“ und „Die wilden Siebziger!“ zusammen in ein dunkles Zimmer steckt? Ein mit Sex, Drogen, Rock’n’Roll verzierter Kostümball namens „Vinyl“. Ausgedacht haben sich den Terence Winter, Martin Scorsese und Mick Jagger.

Der Männerclub von Richie Finestra (Bobby Cannavale, Mitte) hat getagt,  In der 70er-Jahre-Serie „Vinyl“ haben Frauen nur ausnahmsweise als hübsche Deko am Bildrand Zutritt Foto: HBO/Sky Atlantic
Der Männerclub von Richie Finestra (Bobby Cannavale, Mitte) hat getagt, In der 70er-Jahre-Serie „Vinyl“ haben Frauen nur ausnahmsweise als hübsche Deko am Bildrand Zutritt Foto: HBO/Sky Atlantic

Stuttgart - „Hey, hast du dich verirrt?“ Richie Finestra hockt mürrisch in einer dunklen Gasse in der Lower Eastside in seinem Auto, verliert allmählich die Geduld, als endlich der Drogendealer seines Vertrauens auftaucht. Doch für den branchenüblichen Smalltalk ist er gerade nicht in Stimmung. Und als der Typ mit Afro wissen will, ob sein Kunde ein Banker ist, rastet Finestra aus: „Sehe ich vielleicht aus wie ein Scheiß-Wallstreet-Mann? Ich bin ein Plattenmann“, empört er sich, bricht wütend den Rückspiegel seiner Limousine ab und zieht eine Linie.

Willkommen in den 1970er Jahren, in denen das Musikbusiness längst fest in der Hand von Geschäftemachern ist und der Rock’n’Roll seine Unschuld verloren hat. Die TV-Serie „Vinyl“, die von diesem Donnerstag an in deutscher Synchronisation ausgestrahlt wird, bebildert und vertont opulent und mit Verve die Wehmut und Frustration ihres Protagonisten ­Richie Finestra.

Eine Art Fortsetzung von „Boardwalk Empire“

Dass die zunächst auf zehn Folgen angelegte Musikgeschichtslektion gerne als das TV-Ereignis der Saison ­gefeiert wird, liegt vor allem an zwei Männern: Martin Scorsese und Mick Jagger, die „Vinyl“ produziert haben und der Serie ­damit zu ein bisschen mehr Aufmerksamkeit verhelfen, als sie eigentlich verdient hätte. Zwar dürften die beiden großen Einfluss auf die Produktion gehabt haben – Mick Jagger hat immerhin seine mäßig talentierten Sohn James eine zentrale Nebenrolle als Punkrocker verschafft –, trotzdem ist „Vinyl­“­ in erster Linie eine Terence-Winter-Serie. Wer dessen Es-war-einmal-in-America-Gangsterfabel „Boardwalk Empire“ kennt, fühlt sich bei „Vinyl“ auf vertraut­-gefährlichem Terrain.

Ort der Handlung ist diesmal zwar nicht Atlantic City, sondern New York City, statt in der Zeit der Prohibition spielt die Geschichte nun in den sogenannten wilden Siebzigern. Auch geht es diesmal nicht um Alkoholschmuggel, sondern um den Handel mit einer noch gefährlicheren, verderblicheren, die Sitten schlimmer verrohenden Ware ­namens Rock’n’Roll. Doch sonst bleibt alles beim Alten. Bobby Cannavale spielte in „Boardwalk­ ­Empire“ den psychopathische Mobster Gyp Rosetti, der in der dritten Staffel das Alkoholschmuggelgeschäft an sich reißen wollte. Nun hat er sich als Plattenboss ­Richie Finestra verkleidet, der das Label American Records wieder auf die Erfolgsspur bringen will und der Zeit nachweint, in der Musik noch wirklich für etwas stand, wirklich etwas bedeutete.

New York entdeckt den Punk und den Hip-Hop

Mit ein wenig Fantasie kann man in diesem Finestra durchaus den „Vinyl“-Produzenten Mick Jagger wiedererkennen, der an ihm stellvertretend die erste Krise des Rock’n’Roll verhandeln lässt. Finestra vermisst die Aufbruchsstimmung der 1960er Jahre, versteht die Welt nicht mehr, hört ­verwundert den Hit einer seltsamen schwedischen Band namens Abba, glaubt bei einem Punkkonzert der New York Dolls zwar noch einmal das alte Fieber zu spüren, merkt aber gleichzeitig, dass er irgendwie nicht mehr dazugehört. Und kann nur staunend mit ansehen, wie schwarze Jungs ­irgendwo im Norden von New York gerade eine neue Musik ausprobieren, die man später Hip-Hop nennen wird.

Finestra ist damit auch ein Nachfahre von Don Draper aus „Mad Men“ – einer, der ­feststellt, wie einsam es an der Spitze ist. Ein Mann, der alles hat und plötzlich merkt, wie leer sein Leben trotzdem ist. Die ­Charakterzeichnung ist zwar vielversprechend. Doch außer dem sensationellen ­Bobby Cannavale hat die Serie keine andere interessante Figur zu bieten. Schnell erweist sich die Inszenierung als ein Rock’n’Roll-Kostümball, als ein Ausstattungsstück, ein kunterbuntes Kasperletheater, das kaum ein Sex-&-Drugs-&-Rock’n’Roll-Klischee ­auslässt.

Chuck Berry singt „Just let me hear some of that rock and roll music“

Wie schon „Boardwalk Empire“ ist „Vinyl­“ eine Altmännerfantasie, in der Schauspielerinnen am liebsten als (halb-)nackte Statistin und Sekretärin ­besetzt werden; eine überlange Gangsterfabel, bei der Szenen gerne damit enden, dass jemand zu Brei geschlagen wird, eine Konzerthalle einstürzt oder zumindest eine Gitarre in einem Fernseher zertrümmert wird.

Am Ende der Pilot-Episode wird Richie ­Finestra jedenfalls mit einem irren Grinsen durch die Straßen humpeln – der Rock’n’Roll hat ihn wieder, als letzten Überlebenden in einer in Trümmern liegenden Welt. Die Polizeisirenen heulen, die Straßen brennen und Chuck Berry singt: „Just let me hear some of that rock and roll music.“

„Vinyl“: Serienstart in der deutschen Synchronfassung am Donnerstag, 7 April, auf Sky Atlantic HD