Fernbedienzentrale Stuttgart-Obertürkheim Die guten Geister der Schleusen

Von Elke Hauptmann 

Früher gab es sie nahezu an jedem Wehr. Die Schleusenwärter der Neuzeit hingegen steuern die Anlagen zentral. Die Fernbedienzentrale Obertürkheim regelt den Schiffsverkehr auf dem Neckar zwischen Plochingen und Hofen.

Ohne Schleusen geht nichts auf dem Neckar. Zwischen Plochingen und Hofen  werden durchschnittlich acht Binnenschiffe täglich abgefertigt. Foto:  
Ohne Schleusen geht nichts auf dem Neckar. Zwischen Plochingen und Hofen werden durchschnittlich acht Binnenschiffe täglich abgefertigt. Foto:  

Obertürkheim - Früher gab es sie nahezu an jedem Wehr. Die Schleusenwärter der Neuzeit hingegen steuern und überwachen die Anlagen aus der Ferne – das spart Personal. Für die sieben Staustufen zwischen Plochingen und Hofen geschieht dies von Obertürkheim aus. Im Jahr 2002 wurde im einstigen Betriebsraum der Schleuse an der Hedelfinger Brücke die Fernbedienzentrale des Stuttgarter Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes eingerichtet. Insgesamt elf Mitarbeiter sorgen seither rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr dafür, dass die Schiffe auf der Bundeswasserstraße gut vorankommen.

Und dafür, dass der Wasserstand des Flusses stabil bleibt, erklärt Walter Braun, der Leiter des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Stuttgart. Damit der Güterverkehr reibungslos fließen kann, muss das Schleusenpersonal dafür sorgen, dass die Wassertiefe möglichst konstant bei drei Metern bleibt. „Ein voll beladener Frachter liegt 2,80 Meter tief im Wasser“, erklärt Braun. Damit er nicht aufsetzt, muss reguliert werden: Steigen die Pegel, werden die Wehre geöffnet, bei Niedrigwasser dürfen die Schleusen nicht zu oft betätigt werden, damit möglichst wenig Wasser abfließt.

Kameras in den Schleusenkammern

Immer zwei Kollegen sitzen in dem kleinen Raum der Fernbedienungszentrale mit Blick auf den Neckar. Den Fluss nehmen sie jedoch kaum wahr. Stattdessen verfolgen sie aufmerksam das von Kameras aufgezeichnete Geschehen vor, in und hinter den Schleusenkammern in Deizisau, Oberesslingen, Esslingen, Obertürkheim, Untertürkheim, Cannstatt und Hofen auf den Monitoren vor sich – ganze zehn Stück sind pro Schreibtisch aufgebaut. So können sie zum Beispiel genau erkennen, wenn ein Schiff zu weit nach vorne gefahren ist oder nicht ordnungsgemäß verankert wurde. Erst wenn alles korrekt ist, geben sie per Mausklick den Befehl, dass sich die riesigen Tore schließen und rund 11 000 Kubikmeter Wasser in die Schleusenkammer hineinfließen oder wieder herausströmen.

Zur Schleusung melden sich die Schiffe per Funk oder Telefon an – zu etwa 90 Prozent seien es Frachter des gewerblichen Güterverkehrs, so Braun. Im Schnitt werden acht solcher Fahrzeuge pro Tag abgefertigt. Die Zahl der Sportboote und Jachten erfasst das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt nicht, weil der Service für sie kostenlos ist. Güterschiffe hingegen müssen je nach Strecke, Anzahl der passierten Schleusen sowie der Art und Menge ihrer Ladung zahlen – über die Einnahmen freut sich der Bundesfinanzminister.

Eilig darf man es nicht haben

Mindestens 40 Minuten dauert es, bis ein Schiff eine Staustufe durchfahren hat. „Manchmal müssen die Kapitäne auch warten, etwa weil ihnen ein anderes Schiff entgegenkommt.“ Eilig, meint Braun, dürfe man es auf dem Neckar nicht haben. „Von Plochingen bis Hofen oder umgekehrt braucht man sechs Stunden.“ Für die 200 Kilometer lange Strecke bis Mannheim seien es knapp zwei Tage. Denn die großen Schiffe seien mit gerade mal 16 Stundenkilometern unterwegs. Befördert werden laut Braun daher in erster Linie Güter, die nicht „just in time“ sein müssen. Zum Beispiel Schrott und Baustoffe. Oder Container mit Import- und Exportwaren, deren Ziel die Überseehäfen Amsterdam, Rotterdam, Antwerpen und Zeebrugge sind. Kohletransporte hingegen würden deutlich abnehmen, stellt Braun fest. Er hält den Neckar als Transportweg weiterhin für unverzichtbar. Schließlich würde ein Güterschiff mehr als 30 Lastwagen ersetzen. Deshalb spricht er sich auch klar für die Verlängerung der insgesamt 27 Schleusen aus. Bislang sind sie für Schiffe mit einer Länge von bis zu 105 Metern ausgelegt. Bis zum Jahr 2025 sollen die Anlagen so ausgebaut werden, dass 135 Meter lange Lastkähne sie passieren können.

Die Tage der Fernbedienzentrale Obertürkheim sind indes gezählt. Ihre Ablösung ist schon im Bau: In Untertürkheim entsteht für 3,4 Millionen Euro eine neue Leitzentrale mit modernster Technik. Sie soll Mitte 2019 eingeweiht werden und sukzessive ihren Dienst aufnehmen.

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