Fernsehkritik: „Gott“ in der ARD Ferdinand von Schirachs „Gott“ als Mitmachstück

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Sollen Ärzte ihren Patienten beim Sterben helfen? Wie würden Sie entscheiden, fragt der Fernsehfilm „Gott“ von Ferdinand von Schirach. Ein Abend mit vielen Fakten und großartigen Darstellern.

Schwierige Verhandlungen im Gerichtssaal Foto: ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Ter
Schwierige Verhandlungen im Gerichtssaal Foto: ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Ter

Stuttgart - Der Fall scheint klar zu sein: Richard Gärtner ist verzweifelt. Der 78-jährige Architekt will nicht mehr. Die Frau, mit der er 42 Jahre lang verheiratet war, ist gestorben, er hat es trotz Kindern und Enkelkindern nicht geschafft, die Trauer zu überwinden, er sieht keinen Sinn mehr im Leben.

Weil er und seine Frau ein Leben lang, wie er sagt, gelebt haben, wie es ihnen gefiel, beschließt er, sich zu töten. Damit das ja nicht schiefgeht, am besten mit einem ärztlich verordneten Mittel. Die Hausärztin weigert sich, sie will Menschen heilen und nicht beim Töten assistieren. Der Fall wird nun exemplarisch vor dem Ethikrat verhandelt – gibt es mehr Argumente für oder gegen den begleiteten Suizid?

Die Frage – das ist der Clou an „Gott“ von Ferdinand von Schirach –, darf das Publikum beantworten. Gewählt wird telefonisch oder online. Am Ende der Sitzung, so spricht Barbara Auer als Vorsitzende der Verhandlung in die Fernsehkamera, entscheidet das Publikum, gemeint ist neben dem Saal der Mensch, der an diesem Montag um 20.15 Uhr die TV-Sendung in der ARD anschaut. Es geht „um Ihre persönliche Einstellung, nicht um das Recht“. Das oberste Verfassungsgericht in Karlsruhe hat im Februar 2020 entschieden, es gebe ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben.

Großartige Darsteller in „Gott“

Mitmachtheater hat auch schon hervorragend funktioniert bei von Schirachs „Terror“, sowohl im Fernsehen als auch in zahlreichen Theatern. Im Alten Schauspielhaus ist es gespielt worden, dort soll auch „Gott“ nächstes Jahr zur Aufführung kommen. Uraufgeführt wurde das Stück im September am Berliner Ensemble.

Nun sind Thesenstücke keine neue Erfindung, aber von Schirach ist eben kein Shakespeare, bei dem solche Werke auch noch mit jeder Menge Verwicklungen, Nebenhandlungen und interessanten Figuren einen aufregenden Abend garantieren. Von Schirachs Figuren hingegen sind reine Träger von Fakten, Zahlen, Geisteshaltungen. Da sind die inszenatorischen Möglichkeiten eher gering. Die TV-Produktion konzentriert sich in unaufgeregtem Stil auf den Fall, der Regisseur Lars Kraume verlässt sich auf seine großartigen Darsteller.

Wenn Christiane Paul also als Verfassungsrechtlerin Litten die komplizierten Verästelungen der Rechtsprechung in Sachen Suizid freilegt und dabei eine freundliche Eiseskälte ausstrahlt, bleibt man dabei. Matthias Habich, dessen lebensmüder Architekt eigentlich im Zentrum steht, aber in der Verhandlung wenig zu sagen hat, agiert auch wortlos eindrücklich. Brennender Blick, wenn er sich über die seiner Meinung nach uneinsichtige Haltung der Ärzte erregt. Die nämlich hatten seiner todkranken, heftige Schmerzen leidenden Frau die Assistenz zum Suizid verweigert. Auch ein Grund, weshalb er seinen Fall öffentlich machen wollte.

Der Anwalt stellt die großen Menschheitsfragen

Zudem kann mit der Kamera auf nachdenkliche, verzweifelte Mienen der Beteiligten gezoomt werden. Und immerhin beim Plädoyer darf sie dem – in guter alter Gerichtsfilmetradition – durch den Saal schlendernden Anwalt folgen, während der die großen Fragen stellt wie „Wem gehört das Leben?“, um kurz danach „keine Angst vor der Freiheit“ zu fordern.

Tolles Duell zwischen Ulrich Matthes und Lars Eidinger

Im Wesentlichen besteht das Werk im Auflisten der Positionen verschiedener Parteien: Was sagt die Ärzteschaft, was sagt das Recht, was sagt die Religion? Befragt werden sie von Ethikrat-Vertreterin Dr. Keller (Ina Weisse), die sich vehement gegen assistierten Suizid ausspricht.

Damit auch diejenigen mitkommen, die die Debatte bisher kaum verfolgt haben, wird jeder Fachbegriff, jede Gesetzeslage didaktisch ausgeführt. Barbara Auer als Vorsitzender fällt dabei der oberlehrerhafte Part zu, stets nachzufragen. Immerhin Ulrich Matthes als Bischof Thiel und Lars Eidinger als Anwalt Biegler schaffen es gut, derlei Erklärungshuberei zu umspielen. Etwa wenn Eidinger eine Anmerkung einwirft und Matthes ironisch „Jaah“ sagt und „Du besserwisserische Nervensäge“ im Unterton mitschwingt.

Überhaupt gehört das Rededuell zwischen den beiden zum Packendsten. Lars Eidinger wedelt triumphierend mit der Bibel, dass da nirgends etwas von Suizid als Sünde stünde, und fragt, wie absurd es sei, dass der Mensch zu Elend, zu Leid im Leben verdonnert sei.

Plädoyer für die große Liebe

Matthes hatte bis dahin gut pariert. Wenn begleiteter Suizid hoffähig würde, würden sich ältere Leute womöglich dazu genötigt sehen, um ihre Angehörigen zu entlasten. Jetzt wird er leise. „Leben ist leiden“, sagt er nachdrücklich, demütig, aber gefestigt wirkend. Wer nicht ohnehin schon praktizierender Katholik ist, könnte sich in einer von Willkür und Absurdität geprägten Welt wünschen, einer zu sein angesichts so viel Standfestigkeit zu glauben, das Richtige zu denken und zu tun.

Tja, aber auch der Anwalt kontert. Wie sein Mandant mit dem, was diese Religion ja auch ausmachen soll: mit Liebe. Einem Brief eines französischen Schriftstellers, der von einer Liebe schreibt, die so groß ist, dass jeder dem anderen wünscht, dass er ihn oder sie nicht überleben muss.

Trotz eindrücklicher Reden und Gegenreden bleibt womöglich immer noch jeder bei seiner Haltung, hat aber einige interessante Argumente und Gefühlslagen der jeweils anderen Partei kennengelernt. Nicht das Schlechteste, das man über einen Fernsehabend sagen kann.




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