Fernsehturm als Weltkulturerbe vorgeschlagen Stuttgarter Wahrzeichen bald weltberühmt? Viele halten das für gerechtfertigt

Nadel im Saharastaub: Der Fernsehturm erscheint in besonderem Licht. Foto: Lichtgut - Ferdinando Iannon
Nadel im Saharastaub: Der Fernsehturm erscheint in besonderem Licht. Foto: Lichtgut - Ferdinando Iannon

Dass der Stuttgarter Fernsehturm Kandidat für die Aufnahme in die Liste des Unesco-Welterbes werden soll, erscheint vielen Menschen gerechtfertigt. Ein Besuch am Fuße des Turms.

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Stuttgart - Oben, in 217 Metern Höhe, streckt am Samstagnachmittag der Turm gerade seine Antenne in den orangegelben Saharastaub. Unten, am Fuß des Fernsehturms, sitzen Thorsten Notz und Isabelle Marksteiner auf einer Bank und schütteln sich die müden Beine aus. Sie sind nicht etwas die Treppen im Turmschaft hoch- und runtergerannt. Der Fernsehturm ist derzeit, wie fast alles, coronabedingt geschlossen. Die beiden Wanderer haben vielmehr soeben ihr Ziel nach über acht Stunden Fußmarsch erreicht. Losgegangen sind sie kurz nach 5 Uhr morgens in Dettingen an der Erms. „Das waren 44 Kilometer“, sagt Thorsten Notz.

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Einen Blick in die Zeitung hatten die beiden Langstreckenwanderer vor ihrer Megatour nicht werfen können. Dass der Stuttgarter Fernsehturm Kandidat für die Aufnahme in die Liste des Unesco-Welterbes werden soll, ist für die beiden Ermstäler deshalb eine echte Neuigkeit – die den Sportwanderern freilich gefällt: Thorsten Notz fände es toll, wenn das Stuttgarter Wahrzeichen die Auszeichnung erhalten würde: „Wäre mal etwas Modernes, sonst bekommen das ja immer nur alte Kästen“, sagt der 42-Jährige.

Fotos von der eleganten Betonnadel

Das ungewöhnliche Licht, das am Samstag auch Stuttgarts Wahrzeichen einhüllt, animiert, so ganz ohne Welterbetitel, zahlreiche Besucher der Waldau und der Wälder drumherum, das Handy zu zücken, um die elegante Betonnadel vor orangegelbem Hintergrund zu fotografieren. Die milden Temperaturen, die der Saharawind mit dem Staub nach Baden-Württemberg getragen hat, nützt auch die Familie Hollenstein für einen kurzen Ausflug: „Wir wohnen am Fuß der Karlshöhe und sehen jeden Tag von unserem Haus aus den Fernsehturm“, erzählt Peter Hollenstein. „Ich finde es gut, dass auch technische Bauwerke ausgezeichnet werden können.“ Von dem 1956 eingeweihten Turm, der erste Stahlbetonfernsehturm der Welt, haben die Hollensteins von ihrer Wohnung aus schon hunderte von Fotografien gemacht – bei jedem Wetter und bei jeder Witterungslage. „Und wenn wir Besuch haben, gehen wir fast immer hierher“, betont Sandra Hollenstein.

Begeistert sind auch Dieter und Carola Jahn. Aber eben auch realistisch, wie sie sagen: Die beiden Senioren haben den Bau des Turms vor 65 Jahren direkt miterlebt. „Der Turm ist wunderschön“, sagt die 82-jährige Stuttgarterin. „Doch für ein Weltkulturerbe ist er eigentlich zu jung“, fügt sie mit nüchternem Blick hinzu. So hält Carola Jahn beispielsweise das Ulmer Münster als Bauwerk für würdiger, in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen zu werden. Skeptisch ist sie auch in Bezug auf die Frage, ob der Titel automatisch mehr Touristen in die Stadt locken würde. „Das glaube ich eher nicht“, sagt sie. Ohnehin: Bis es dazu kommen würde, ist noch ein langer Weg. Um 2024 auf der deutschen Vorschlagsliste einen Platz zu ergattern, muss der Fernsehturm zunächst einmal das nationale Vorauswahlverfahren überstehen.

Stadtbilder zahlloser Großstädte geprägt

Renate Herrmann aus Fellbach haben am Samstag nicht etwa der schlanke Turm und seine besondere Architektur, sondern die „sensationellen“ Bratkünste von „Sir Waldos & Danielas’s Soulsnack“ auf den Hohen Bopser gelockt. Tatsächlich verzehren nicht wenige an diesem Nachmittag ihre Hamburger, Pommes Frites und Hotdogs aus der Küche des bekannten Jazz-Saxofonisten Waldo Weathers mit Blick auf den Fernsehturm. „Der Turm“, ist sich auch die Fellbacherin sicher, „hätte die Auszeichnung verdient.“

Dass Stadt und Land jedenfalls nicht mehr mit der Alpensicht, mit der einst der Turm vollmundig beworben wurde, bei der UN-Kultur und Bildungsorganisation Punkten können, darauf macht Ralph Hahn aufmerksam. Längst sei klar, sagt der Stuttgarter mit Blick hinauf zur Aussichtsplattform, dass man die rund 170 Kilometer entfernte Bergkette wegen der Erdkrümmung von dort oben nicht sehen könne. Warum er dennoch die Auszeichnung für überfällig hält, begründet der 51-Jährige mit dem großen Einfluss des von Fritz Leonhardt errichteten Bauwerks auf die Stadtbilder zahlloser Großstädte rund um den Globus: „Der Stuttgarter Fernsehturm hat eine Ästhetik in die Architekturlandschaft gebracht, die es vorher schlichtweg noch nicht gab.“




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