Der am 27. März 2013 durch OB Fritz Kuhn gesperrte Fernsehturm soll für rund 1,2 Millionen Euro brandschutztechnisch aufgerüstet und nach zwölf bis 17 Monaten Bauzeit im kommenden Jahr wiedereröffnet werden.

Stuttgart - Zwölf bis 17 Monate soll die brandschutztechnische Nachrüstung des Fernsehturms dauern. Dann soll das seit Ostern 2013 aus Brandschutzgründen geschlossene, 217 Meter hohe Wahrzeichen der Landeshauptstadt im 2015 wieder für den Publikumsverkehr frei gegeben werden. Die Einigung, die am Freitag von Stuttgarts OB Fritz Kuhn und Peter Boudgoust, dem Intendanten des Südwestrundfunks (SWR), vorgestellt wurde, sieht vor, dass sich Stadt und SWR die Kosten für die Umbaumaßnahmen in Höhe von geschätzten 1,2 Millionen Euro hälftig teilen. Die Stadt erbringt dabei ihren Anteil durch den Verzicht auf den Erbpachtzins in Höhe von jährlich 57 000 Euro, den der Turmbetreiber- und -eigentümer SWR Media Services GmbH bisher zu entrichten hatte. Das Aussetzen der Pachtzahlungen gilt für die Jahre 2014 bis 2026 und summiert sich auf 605 000 Euro, die mit drei Prozent im Jahr abgezinst werden.

 

Boudgoust betonte, der Fernsehturm sei „ein Markenzeichen des SWR-Fernsehens“ in Baden-Württemberg, Kuhn sprach von einem „Wahrzeichen“ der Stadt. Beide Seiten hätten daher an einem Strang gezogen und nach einer Lösung gesucht, um den Turm so rasch wie möglich wieder für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Den exakten Zeitpunkt der Wiedereröffnung ließen Intendant Boudgoust und der Chef der SWR Media Services GmbH, Siegfried Dannwolf, freilich offen. Dannwolf sagte, in den Baukosten sei auch ein Risikopuffer enthalten: „Wir hoffen, dass der Kostendeckel zu halten ist.“ Aufgrund des komplexen Sachverhalts und der besonderen geometrischen und technischen Rahmenbedingungen sei die Bauzeit nur grob abzuschätzen.

Bauzeit auf maximal 15 Monate taxiert

Das wiederum löste beim OB Stirnrunzeln aus, hatte er doch zuvor die Bauzeit auf maximal 15 Monate taxiert. Er sei erleichtert, dass die Stadt und der SWR einen „Durchbruch“ bei ihren Verhandlungen erzielt hätten, so Kuhn. Mit der angepeilten Wiedereröffnung 2015 gehe der Wunsch vieler Stuttgarter in Erfüllung.

Dass die Stadt dafür auf Pachteinnahmen verzichtet, hält Kuhn angesichts der Bedeutung des Turms für gerechtfertigt. Es gebe dafür auch einen Präzedenzfall: „Als der SWR in den Jahren 2005/2006 den Turmkorb saniert hat, hat die Stadt den Erbbauzins auch für eine gewisse Zeit heruntergefahren.“ Der OB betonte allerdings, es handele sich um eine freiwillige Leistung der Stadt. Intendant Boudgoust wiederum sagte, die Finanzierung der Baumaßnahmen wäre für den SWR ohne den städtischen Beitrag nicht zu stemmen gewesen. Zugleich versicherte er, die am Fernsehturm beschäftigten Mitarbeiter würden nicht entlassen, sondern bis zur Wiedereröffnung in anderen Bereichen des Senders beschäftigt.

Turm wurde am 27. März vergangenen Jahres gesperrt

Eine beantragte Baugenehmigung des in der Turmkuppel beheimateten Theaters über den Wolken hatte wie berichtet in der Karwoche 2013 zur Sperrung geführt. Kuhn hatte den Turm am 27. März vergangenen Jahres nach einer Inspektion durch Fachleute des Baurechtsamts überraschend wegen mangelnden Brandschutzes und fehlender Rettungswege schließen lassen und damit in der Stadt eine kontroverse Debatte ausgelöst. Auf Internet-Plattformen und in den sogenannten sozialen Netzwerken hatten Fernsehturm-Fans ihrem Unmut Luft gemacht – manche bekannten gar öffentlich ihre „Liebe“ zudem 1956 eröffneten Aussichts- und Sendeturm. Auch im Stuttgarter Gemeinderat war der Rathauschef insbesondere von CDU und FDP wegen der Turmsperrung scharf attackiert worden.

Kuhn wiederum hatte mehrfach betont, es sei ihm aufgrund der Einschätzung des Baurechtsamts und der Feuerwehr nichts anderes übrig geblieben, als den Turm sofort zu schließen. Durch ein vom SWR in Auftrag gegebenes Brandschutzgutachten des Büros Halfkann und Kirchner sieht sich Kuhn bestätigt: „Es war richtig, den Turm zu schließen.“ Die Expertise hatte ergeben, dass es im Turmschaft zu viele Brandlasten gibt und die Entrauchung des Bauwerks im Ernstfall nicht optimal funktioniert.

Turmschaft wäre bei Brand schnell verraucht gewesen

Im Fall eines Brandes wäre der Turmschaft sehr schnell verraucht , Besucher der Aussichtsplattform hätten sich weder per Aufzug noch über die Treppe in Sicherheit bringen können, Rettungseinsätze der Feuerwehr wären erheblich erschwert worden. In den kommenden Monaten soll nun der Turmschaft von möglichen Zündquellen befreit und die Rauchableitung optimiert werden. Wichtigste Maßnahme: die in der Turmröhre verlaufenden Hochfrequenzkabel sollen mit Schotts im Abstand von 1,20 Meter versehen werden, um die vertikale Ausbreitung eines Brandes zu verhindern. Die Kabel erhalten zudem eine feuerhemmende Ummantelung. Für die Arbeiten wird der sich nach oben verengende Turmschaft innen eingerüstet – ein aufwendiges Unterfangen. Auch der Evakuierungsplan der Feuerwehr wird überarbeitet. Die baulichen Maßnahmen werden von der SWR Media Services GmbH durchgeführt.

OB hat die Vorsitzenden der Ratsfraktionen informiert

Am Vormittag hatte der OB die Vorsitzenden der Ratsfraktionen über die Einigung informiert. Die Gremien des SWR haben den Plänen bereits ihren Segen erteilt. Nun muss der Gemeinderat der Einigung noch zustimmen. Die Reaktionen der Fraktionschefs deuten allerdings darauf hin, dass das Votum nur noch Formsache ist. Peter Pätzold (Grüne) sagte, das Brandschutzgutachten habe klar gezeigt, dass die Sperrung des Turms richtig gewesen sei: „Im Ernstfall wären Menschenleben akut gefährdet gewesen.“ Den finanziellen Beitrag der Stadt hält er angesichts der Bedeutung des Turms als städtisches Wahrzeichen für angemessen.

Kommunalpolitiker sind froh über die Wiedereröffnung

Alexander Kotz (CDU), der die Schließung wiederholt als überzogene Maßnahme kritisiert hatte, erklärte: „Ich finde es Klasse, dass der Turm bald wieder aufmacht.“ Auch er hält die Kostenaufteilung zwischen SWR und Stadt für nachvollziehbar: „Der Turm ist schließlich ein Stuttgarter Touristenmagnet.“ Auch Roswitha Blind (SPD) findet, dass der Betrag von 600 000 Euro „durchaus zumutbar“ sei. Eine dauerhafte Schließung „wäre ein nicht haltbarer Zustand gewesen“. Die Kostenaufteilung bezeichnete sie als fair.

Die Freien Wählern bejubelten die angekündigte Wiedereröffnung per Pressemitteilung. „Besonders schade fanden wir es, dass mit der Schließung auch die Beleuchtung des Turmkorbs abgeschaltet wurde. Plötzlich war der Glanz weg, den der Turm mit seinem Licht bis dahin nachts über den Dächern der Stadt verbreitete“, hieß es. Die Einnahmeeinbußen für die Stadt seien verkraftbar. Bernd Klingler (FDP) verknüpft mit der Wiedereröffnung einen persönlichen Wunsch: „Da der Turm an meinem Geburtstag geschlossen wurde, würde ich mich freuen, im nächsten Jahr dort oben feiern zu können“, so der Liberale.