Fernverkehr Mit den neuen Zügen soll alles besser werden

Vom neuen ICx – hier in einer Simulation zu sehen – hat die Bahn bereits 130 Züge bestellt. Foto: dpa
Vom neuen ICx – hier in einer Simulation zu sehen – hat die Bahn bereits 130 Züge bestellt. Foto: dpa

Die Deutsche Bahn investiert in den Fernverkehr und bestellt modernen Ersatz für die ICs und ICEs. Sie setzt nicht auf Rekordgeschwindigkeiten, sondern verspricht mehr Komfort. Bei den ersten Lieferungen gab es aber schon Verzögerungen.

Korrespondenten: Thomas Wüpper (wüp)
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Stuttgart - So schnell war noch kein Zug unterwegs. Mit Tempo 603 jagte kürzlich die Magnetbahn Maglev in Japan über eine Teststrecke. Weltrekord! Auch in Italien liebt man flotte Flitzer. Der neue Hochgeschwindigkeitszug „Frecciarossa 1000“, den der Weltmarktführer Bombardier liefert, schafft 360 Kilometer pro Stunde. In Deutschland dagegen hat man sich vom Tempowahn verabschiedet.

Einige künftige Fernstrecken sind zwar noch für 300 Stundenkilometer und mehr ausgelegt und auch deshalb so teuer. Doch die künftige Zugflotte der Deutschen Bahn wird höchstens noch Tempo 250 erreichen. Das muss kein Nachteil sein. Für die meisten Reisenden sind ein flächendeckendes Netz, schnelles Umsteigen und umfassender Komfort – vom Speisewagen bis zum kostenlosen WLAN – viel wichtiger als Rekordzeiten auf einzelnen Strecken.

In Deutschland steht der Inter City Express (ICE) für Hochgeschwindigkeit auf der Schiene. 1991 starteten die weißroten Flitzer der Deutschen Bahn (DB), zehn Jahre nach dem Konkurrenzzug TGV in Frankreich. Seither ist die ICE-Flotte auf aktuell 263 Züge gewachsen. Mehr als eine Milliarde Kilometer haben die Züge seither zurückgelegt – die siebenfache Strecke von der Erde zur Sonne.

Das schnellste Modell, der ICE 3, schafft Tempo 330, allerdings nur auf Spezialstrecken wie Köln-Frankfurt. Die Nord-Süd-Verbindung von Stuttgart über Mannheim, Würzburg und Hannover bis Berlin ist die längste Rennstrecke in Deutschland. Mit Wendlingen-Ulm und Nürnberg-Erfurt sind weitere Pisten im Bau oder wie Mannheim-Frankfurt in Planung. Anders als der TGV fährt der ICE nicht auf einem teuren eigenen Netz, sondern teilt sich die Gleise mit Regional- und Güterzügen. Der Mischverkehr macht die Fahrpläne anfällig für Verspätungen.

Die Lieferungen verzögern sich

Die ältesten ICE-Züge sind inzwischen fast 25 Jahre alt. Acht Baureihen haben die Hersteller unter Führung des langjährigen DB-Hauslieferanten Siemens produziert. Lange verschob die DB-Spitze die teure Entscheidung über eine neue Zugflotte. Erst vor vier Jahren entschloss man sich unter dem neuen Konzernchef Rüdiger Grube zum Ersatz. Siemens erhielt den Milliardenauftrag für das Nachfolgemodell ICx, das auch die rund 160 lokbespannten Intercity-Züge ersetzen soll, die inzwischen teils mehr als 40 Jahre alt sind.

Auf der neuen ICx-Flotte ruhen viele Hoffnungen der Bahn, denn immer mehr Kunden steigen in billigere Fernbusse. Der größte Auftrag der Bahngeschichte umfasst bis zu 300 Züge, fest bestellt wurden bisher aber nur 130 in zwei Versionen. Das größere Modell, der Zwölfteiler, soll 345 Meter lang sein, 830 Sitzplätze haben und zwischen Dezember 2017 und 2023 insgesamt 85 Mal geliefert werden. Die kleinere Version mit 202 Metern und 456 Plätzen soll 2020 und 2021 in Betrieb gehen. Die Lieferfristen wurden bereits verlängert.

Die Fahrgäste werden also noch einige Jahre unter Verspätungen, Komfortmängeln und ausgedünnten Fahrplänen zu leiden haben. Denn wegen vieler technischer und hausgemachter Probleme ist der Fahrzeugmangel bei der Bahn groß wie nie. Ein großer Teil der ICE-Flotte muss wegen bruchanfälliger Achsen bis zu zwölf Mal häufiger zu Kontrollen als früher und fehlt dann im Betrieb, der Achsentausch hat sich immer wieder mangels Zulassung der neuen Radwellen verzögert. Auch Mängel an Klimaanlagen und Toiletten brachten den ICE als Pannenzug in Misskredit und Streit zwischen der Bahn und der Industrie.

Trotzdem bekam Siemens den Auftrag zur Lieferung weiterer ICE 3-Züge. Auch dabei glänzte der Münchner Konzern vor allem durch massive Lieferverzögerungen. Statt wie vereinbart 2011 bekam die Bahn den ersten der 17 Züge erst 2013, das letzte Exemplar ist für 2016 angekündigt. Wegen Problemen bei der Zugsteuerung verweigerte das Eisenbahnbundesamt lange die Zulassung. So müssen Bahnkunden weiter auf etwas Entlastung warten.

Zumal auch Marktführer Bombardier die Bahn enttäuscht hat. Die Kanadier, die große Teile der hiesigen Bahnindustrie übernommen haben, sollten schon 2013 umgerüstete Doppelstockzüge liefern, die erstmals auch im Fernverkehr fahren und betagte IC-Züge ersetzen sollen. Doch auf die 44 Züge mit je 368 Sitzplätzen warten die Reisenden bis heute. Die Auslieferung soll nun dieses Jahr beginnen.

Endlich Platz fürs Fahrrad im ICE

Die neuen Fernzüge sollen komfortabler und umweltfreundlicher sein. Die ICx-Züge haben laut Bahn deutlich mehr Platz für Gepäck als der ICE 1 und der ICE 2: Je Wagen soll es vier gut erreichbare Regale geben. Denn die Reisenden sind mit immer mehr und größeren Koffer unterwegs, wie der Konzern festgestellt hat. Auch Internet per WLAN soll in den neuen Zügen kein Problem mehr sein, an allen Plätzen soll es auch Steckdosen geben. Beide ICx-Versionen haben zudem einen Speisewagen mit 22 oder 16 Plätzen sowie ein Bordbistro. Ein grenzüberschreitender Einsatz der Züge ist allerdings nur für Österreich und die Schweiz vorgesehen.

Auch kritische Bahnexperten begrüßen die Fortschritte. Man könne nur hoffen, dass die Bahn endlich die Störungen und Zugausfälle wegen Fahrzeugmangels und veralteten Wagenmaterials in den Griff bekomme, sagt der Bahnsprecher der Grünen im Bundestag, Matthias Gastel. Die künftigen IC-Doppelstöcker sieht der Schwabe allerdings eher als Komfortverlust. Zum einen fehle in den für den Regionalverkehr konzipierten Zügen ein Speisewagen, zum anderen sitznaher Stauraum fürs Gepäck.

Erfreulicher findet es Matthias Gastel, dass in den neuen Fernzügen endlich das Fahrrad mitreisen kann, anders als im ICE. Der ICx soll acht, der IC-Doppelstöcker neun Stellplätze haben. Rechtzeitige Reservierung wird dennoch erforderlich sein, sonst sind die Plätze – wie heute beim IC – ausgebucht. Auch in punkto Umwelt glänzen die neuen Modelle. Der ICx soll ein Fünftel weniger Energie verbrauchen als der ICE 1, der Doppelstöcker sogar ein Viertel weniger als die betagten IC.

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