Daheim in Botnang sind sie Eigentümer, „da ist mein Mann extrem hinterher“. Sie meint das Energiethema: Auch privat heizen sie mit Gas, sagt sie. Die Therme sei einfach noch nicht sonderlich alt, daher stünden sie zum Glück aktuell nicht unter Zugzwang. Das sind Überlegungen, die ihr als Ladenmieterin nicht kommen. Und damit ist sie nicht allein.
Wer Fernwärme kriegt, ist fein raus?
In Stuttgart sollen die Wärmenetze zügig erweitert werden, damit die Stadt bis 2035 emissionsfrei ist. Seitdem ist auch eine Debatte darüber entbrannt, ob diejenigen, die kein Wärmenetz bekommen sollen, mit der Heizungswende allein gelassen werden. Die Subtexte: Wer Fernwärme kriegt, ist fein raus, Fernwärme ist gerechter. Abgesehen davon, dass sich Experten in dieser Frage alles andere als einig sind, zeigt der Stuttgarter Westen, dass ein vorhandenes Fernwärmenetz nicht zwangsläufig bedeutet, dass die Gebäude an der Strecke auch daran angeschlossen werden.
Im Westen gibt es Quartiere, da liegen seit Langem Fernwärmeleitungen in der Straße, aber nur in jedes vierte Gebäude liefern sie auch Wärme. Die Gegend nördlich des Feuersees gehört laut EnBW zu den Gegenden mit einer dürftigen Anschlussquote. Laut Marc Jüdes, Fernwärme-Experte des Energiekonzerns, gibt es dort Straßenzüge, da liege die Quote bei gerade einmal 25 Prozent.
Kein Wahl als Mieter
Dass er in einem solchen Gebiet lebt, war dem jungen Vater an der Gutenbergstraße nicht bewusst. Sie heizen mit Gas, und sie sind Mieter. „Wir wohnen seit zwei Jahren hier“, erzählt er, während die Tochter auf dem Laufrad den Papa drängelt, weiterzugehen. Was die Erwachsenen da übers Heizen reden, ödet sie an. Den Vater offenbar nicht, er fragt viel nach, er habe sich bisher nicht mit diesen Fragen beschäftigt. „Als Mieter hat man keine Wahl“, sagt er. „Ich habe genug andere Dinge zu tun“, sagt ein anderer Vater ein paar Straßen weiter, ebenfalls ein Mieter.
Die kleine Straßenumfrage unter Bewohner im Stuttgarter Westen zeigt: Fast alle der Angesprochenen sind Mieter und sagen, dass sie keinen Einfluss haben. Laut dem Statistischem Amt der Stadt Stuttgart liegt der Anteil von Mietwohnungen am Wohnungsbestand bei rund 70 Prozent in der Gesamtstadt. In der Innenstadt dürfte er besonders hoch sein. Das bedeutet im Umkehrschluss: Wer hier mit hoher Warscheinlichkeit nicht wohnt, sind die Entscheider und Investoren.
Der Anschluss an die Fernwärme kann teuer sein
Was aber bedeutet das für das Ziel, bis in elf Jahren die fossilen Brennstoffe in Stuttgart auszusortieren? Grundsätzlich erkenne er ein stärkeres Interesse am Thema Fernwärme in der Stadt, sagt Marc Jüdes von der EnBW. Aber: „Angesichts der Kosten eines Fernwärmeanschlusses, entscheidet das niemand einfach so.“ Gebäude, die heute beispielsweise Gas-Etagenheizungen haben, brauchen für die Fernwärme eine Zentralheizung. Wegen der Kosten, aber auch wenn in Eigentümergemeinschaften viele mitsprechen, „wird es kompliziert“, sagt Jüdes.
Vergleichsweise zuversichtlich zeigt sich Frank Hettler, der Leiter von Zukunft Altbau mit Sitz in Stuttgart. Das Programm wird vom Umweltministerium Baden-Württemberg gefördert, um Gebäudesanierungen voranzutreiben. „Wenn man das will und alles dransetzt, dann ist das auch möglich“, sagt er über das Klimaziel 2035. Klar sei aber auch, dass die derzeitigen Bemühungen nicht ausreichend seien. „Das Schlimme ist die Stagnation.“
Man könne ja nicht halb Stuttgart abreißen
Hettlers Einschätzung nach haben Vermieter durchaus ein Interesse, ihre Immobilien beim Heizen zukunftsfit zu machen. Angenommen der Gaspreis steige stark an, sei die Frage, wie lange Mieter bereit sind, dann deutlich höhere Nebenkosten zu bezahlen. Das grundsätzliche Eigeninteresse der Besitzer an Investitionen – mit Blick auf den Werterhalt – betont auch der Verein Haus & Grund, „deswegen raten wir unseren Mitgliedern auch, in energetische Sanierung zu investieren“, sagt der Sprecher Marius Livschütz.
Aber können die meisten Altbauten wirklich gehalten werden? „Müssen sie“, sagt Hettler. „Neubau ist kein Klimaschutz. Außerdem können wir ja nicht halb Stuttgart abreißen.“