Als der Sindelfinger Stadtwerke-Chef Karl-Peter Hoffmann am Mittwoch die Zeitung aufschlägt und über die Diskussion über die Fernwärme-Preise in der Nachbarstadt liest, kann er nur mit dem Kopf schütteln. „Als ich das gelesen habe, stand ich am Rande der Fassungslosigkeit“, sagt er. Ein neues Preismodell der Stadtwerke Böblingen versetzt die Zwangskunden derzeit in Aufruhr: Nach Ende der fünfjährigen Festpreis-Phase soll ab 2024 ein neues Tarifmodell gelten, wodurch sich die Preise um bis zu 40 Prozent erhöhen können. Das schmeckt vielen nicht. Doch Karl-Peter Hoffmann kann den Unmut nicht nachvollziehen.
Die Wärme ist in anderen Städten deutlich teuer
Denn auch in Sindelfingen wird er die Fernwärme-Preise anziehen müssen – auf ein Niveau deutlich über dem in Böblingen. Auch in anderen Städten wie Stuttgart oder Schwäbisch Hall sei die Wärme aus dem Rohr im Schnitt deutlich teurer, sagt er. „Die neuen Endkundenpreise, die in Böblingen gerade für Diskussionen sorgen, rangieren im Branchenvergleich am unteren Rand“, sagt er. Als Grund für die Erhöhung führen die Stadtwerke Böblingen das Restmüllheizkraftwerk (RMHKW) an, von dem sie 70 Prozent ihrer Wärme beziehen und ins Netz einspeisen.
Die Müll-Wärme sei in den vergangenen Jahren um bis zu 67 Prozent teurer geworden, klagen die Stadtwerke und die Vertreter der Interessengemeinschaft (IG) Fernwärme unisono. Grund ist der geltende Wärmeliefervertrag, der an einen Öl- und Gaspreisindex gekoppelt ist. „Zwar sind die Preise für die Wärme vom RMHKW gestiegen, aber auf einem sehr niedrigen Niveau,alternative Bezugsquellen sind aktuell mindestens doppelt so teuer“, sagt Hoffmann, dessen Stadtwerke selbst vom RMHKW versorgt werden. Hoffmann ergänzt: „Selbst bei einem deutlich höhren Lieferpreis würden wir heute einen Neuvertrag sofort unterschreiben.“ Der Grund: So günstig wie von der Müllverbrennung sei weit und breit keine Wärme zu kriegen. Wolle man etwa vom Daimler-Gaskraftwerk einspeisen, mit dem es ebenfalls einen Liefervertrag fürs Fernwärmenetz gebe, sei das mehr als doppelt so teuer. „Am teuersten ist es derzeit, die Wärme ganz selbst zu erzeugen“, sagt er und meint die eigenen Blockheizkraftwerke.
Die Müllverbrennung liefert günstige Wärme
Besonders diese Zahl von 67 Prozent teurerer Restmüll-Wärme hat die Gemüter in Wallung gebracht, die laute dem Vorsitzenden der IG Fernwärme, Peter Aue, von den Stadtwerken stammte. Der Chef des Restmüllheizkraftwerks Frank Schumacher, hielt stets dagegen und sagte: „Wir haben nicht erhöht.“
Offizielle Zahlen liegen nicht vor, möglicherweise meinen beide dasselbe, interpretieren es aber anders. Frank Schumacher sagt, der Wärmelieferungsvertrag aus dem Jahr 2002 beinhalte natürlich ein Preismodell mit einer Steigerung, aber daran habe sich das RMHKW immer gehalten. Berechne man den Zeitraum von 2002 bis 2023 könnte man eventuell von 67 Prozent Preissteigerung reden. Zusätzlich erhöht worden sei nicht. Inzwischen sind weitere Zahlen durchgesickert: Das RMHKW verkaufe die Fernwärme für 30 Euro die Megawattstunde an Stadtwerke Böblingen und Sindelfingen, die Stadtwerke Böblingen verlangten 140 Euro dafür vom Kunden, und die Stadtwerke Sindelfingen 170 Euro, so heißt es.
Die Preise lassen sich nicht vergleichen.
In einem Punkt sind sich Schumacher und Aue jedoch einig. Die Preise der Fernwärmeanbieter lassen sich nicht vergleichen. Auf den ersten Blick scheint die Böblinger Wärme immer noch preiswert zu sein. Die Stuttgarter verlangen rund 220 Euro die Megawattstunde, die EnBW etwa 180 Euro. Doch hat jeder Anbieter andere Strukturen. Manche haben ein eigenes Leitungsnetz, andere müssen für ein fremdes Netz bezahlen, dann wiederum kommt es darauf an, ob die Übergabestation im Keller im Eigentum des Kunden ist oder vom Anbieter gestellt wird. Wenn eine Übergabestation 15 000 bis 20 000 Euro kostet, und eine Lebensdauer von etwa 30 Jahren hat, dann muss man im Jahr mindestens noch einmal 500 Euro auf die Rechnung draufschlagen.
Deswegen hat die IG Fernwärme die Preise nur mit solchen Unternehmen verglichen, die Fernwärme aus Müllverbrennung oder großen Industrieanlagen beziehen, eine Wärme, die sowieso anfällt, und nicht durch ein Öl- oder Gaskraftwerk extra erzeugt werden muss. Anders als die Sindelfinger Stadtwerke kommt die IG Fernwärme zum Schluss, das RMHKW Böblingen sei ihm Vergleich besonders teuer.
Letztes Mittel Kartellamt
Als letztes Mittel in der Auseinandersetzung behält sich die IG Fernwärme vor, das Kartellamt einzuschalten, was am meisten die Stadtwerke Böblingen träfe, die dann ihre Rechnungen offen legen müssten.
Frank Schumacher indessen sieht der Arbeit des Bundeskartellamtes gelassen entgegen. „Bei uns gibt es keinen Abnahmezwang“, sagt er, „wenn die Stadtwerke wollen, können sie ihre Fernwärme selber erzeugen.“ Allerdings ist er überzeugt, dass das wesentlich mehr Geld kosten würde, als die Fernwärme aus dem Kraftwerk.