Ferrari-Chef vor dem Aus Bei Ferrari zählen nur noch Siegertypen

Von , Rom 

Nach anhaltenden Misserfolgen in der der Formel 1 steht Ferrari-Präsident Montezemolo vor dem Aus. Dabei hat sich der zum Fiat-Konzern gehörende Sportwagenbauer unter seiner Führung wirtschaftlich hervorragend entwickelt.

Auch gute Zahlen konnten Ferrari-Chef  Luca Cordero di Montezemolo (rechts) nicht retten. Foto: AP
Auch gute Zahlen konnten Ferrari-Chef Luca Cordero di Montezemolo (rechts) nicht retten. Foto: AP

Rom - Luca Cordero di Montezemolo hat es immer schon gewusst: „Ferrari ist das einzige Sportteam auf der Welt, bei dem Tragödien ausbrechen, wenn man nur Zweiter wird.“ Beim Formel 1-Zirkus an diesem Sonntag in Monza hingegen kam alles noch viel schlimmer: Da erreichte der eine Ferrari-Pilot – Kimi Räikkönen – nur als neunter das Ziel, und beim anderen – Fernando Alonso – blieb das Auto nach 29 Runden stehen, einfach so.

Schon die ganze Saison läuft miserabel für die Feuerroten – und jetzt hat die unvermeidliche Tragödie den Firmenchef persönlich ereilt. „Keiner ist unersetzbar“, musste sich Montezemolo noch während des Rennens vom obersten Fiat-Manager Sergio Marchionne sagen lassen: „Das Herz von Ferrari ist der Sieg. Aber seit sechs Jahren   kommt da in der Formel 1 nichts mehr, und das ärgert mich enorm.“ Auch Montezemolo, setzte Marchionne nach, „steht im Dienst des gesamten Konzerns.“

Wirtschaftliche Erfolgsbilanzen in Serie

Marchionne, der seit zehn Jahren das Fiat-Imperium führt und es jüngst mit dem US-Hersteller Chrysler zum siebtgrößten Autokonzern der Welt verschmolzen hat, gilt als harter Knochen. Aber so brutal hat er noch niemanden hinausgetreten, in aller Öffentlichkeit auch noch – und dann ausgerechnet jenen Ferrari-Präsidenten und früheren Rennleiter, der anfangs mit Niki Lauda und später in der goldenen Michael-Schumacher-Ära mehr Triumphe eingefahren hat als jeder Konkurrent auf der Welt. Und dann ist Ferrari ja nicht nur Formel 1. Unter Montezemolo (67), der die Nobelfirma aus Maranello seit 23 Jahren dirigiert, hat der Autobauer Ferrari auch eine wirtschaftliche Erfolgsbilanz nach der anderen vorgelegt.

Während die Konzernmutter Fiat, die 90 Prozent der Ferrari-Anteile hält, immer weniger Autos verkauft und ohne Chrysler aus den roten Zahlen gar nicht mehr herauskäme, hat Montezemolo erst im vergangenen Jahr den Umsatz seiner Sparte wieder einmal um fünf Prozent gesteigert und einen Rekordgewinn von 246 Millionen Euro in die Konzernkasse eingebracht. Das britische Institut „Brand Finance“ hat Ferrari dieses Jahr schon zum zweiten Mal zur „stärksten Marke der Welt” erklärt – vor Coca Cola und Google, „bekannt selbst dort, wo es noch keine Straßen gibt.“

Und jetzt das. Fiat-Chef   Marchionne gibt zwar zu, dass Montezemolo bei Ferrari „betriebswirtschaftlich optimal gearbeitet“ habe, „aber bei Ferrari zählt nicht nur diese Seite, es kommt auch auf die sportliche an. Wir haben die besten Fahrer, die besten Werkstätten, wir haben tolle Ingenieure – aber wenn dann unsere Leute als siebte oder als zwölfte ins Ziel kommen, ist das alles nicht interessant. Für mich nicht und für Ferrari auch nicht.“

Wofür sich Marchionne wirklich interessiert – darin sind sich die italienischen Kommentatoren einig –, das ist der 13. Oktober. An diesem Tag will der neue Konzern Fiat-Chrysler-Automobiles (FCA) als großer Stern an der New Yorker Börse aufgehen. Für den Erfolg bei den Aktionären kommt es auf das Image an, da kann Marchionne keine Verlierer in den eigenen Reihen brauchen, schon gar nicht, wenn sie mit einer so mächtigen Marke wie Ferrari assoziiert werden.

Übernimmt Fiat-Chef Marchionne selbst das Steuer?

Was nun? Italienische Zeitungen spekulieren, Marchionne könnte selber das Steuer bei Ferrari übernehmen – er, der erfolgreiche Sanierer von Fiat, Retter von Chrysler und Vater eines neuen Weltkonzerns, der Siegertyp also. Aber auch in diesem Falle hätte Ferrari noch kein einziges Rennen gewonnen. Und dass irgendein hastig berufener Manager die technischen Probleme lösen könnte, an denen der Rennstall schon die ganze Saison über, Tag und Nacht, wie versichert wird, ergebnislos tüftelt, ist auch nicht zu erwarten. Somit bleibt die Sache vorerst offen. Nächster Termin ist Donnerstag; an diesem Tag will der Ferrari-Aufsichtsrat die neuesten Bilanzzahlen verabschieden, und – wer weiß – was oder wen darüber hinaus. Für Luca Cordero di Montezemolo, der sein Leben lang mit Fiat verbunden war – zwischen 2004 und und 2010 auch als Konzernpräsident und „Entdecker“ Marchionnes – scheint nun ein großer Abstieg zu beginnen: Sein mit immensen Investitionen aus dem Boden gestampftes Eisenbahn-Unternehmen NTV, mit dem er im Hochgeschwindigkeitsnetz den italienischen Staatsbahnen Konkurrenz macht, schreibt bedrohliche Verluste und denkt an Personalabbau; auf dem Feld der Politik, wo Montezemolo früher immer wieder als Spitzenminister oder gar als Regierungschef gehandelt worden war, fragt unter Matteo Renzi niemand mehr nach ihm.

Der Adelige aus Bologna ist derzeit nur mehr für ein Amt im Gespräch: Für die Präsidentschaft bei der Fluggesellschaft Alitalia. Das Sagen dort aber haben nach der Übernahme durch Etihad die Scheichs aus den Vereinten Arabischen Emiraten.