Ferrari-Siegesserie in der Formel 1 Der Mercedes-Stern strahlt nicht mehr

Von Jürgen Kemmner 

Mercedes ist seit drei Formel-1-Rennen ohne Grand-Prix-Erfolg – das gefällt Weltmeister Lewis Hamilton ganz und gar nicht. Er wundert sich über die neue Stärke von Ferrari.

Die Männer von Mercedes-Kommandostand haben Lewis Hamilton zu spät an die Box beordert und so einen möglichen Sieg verschenkt. Foto: AFP/MLADEN ANTONOV
Die Männer von Mercedes-Kommandostand haben Lewis Hamilton zu spät an die Box beordert und so einen möglichen Sieg verschenkt. Foto: AFP/MLADEN ANTONOV

Stuttgart - Für Lewis Hamilton war’s nur eine Randnotiz, auch wenn er wieder eine Bestmarke von Rekordweltmeister Michael Schumacher egalisiert hat. Beim Großen Preis von Singapur hat der Silberpfeil-Pilot zum 142. Mal das Feld in der Formel 1 angeführt, und weil das garantiert nicht das letzte Mal gewesen sein dürfte, wird er dem siebenmaligen Champion auch diesen Rekord wegschnappen, wie er das schon bei den Pole-Positions getan hat. Doch darüber hat der Brite keinen Satz verloren.

Im Gegenteil. „Das war sicher nicht das Wochenende, das wir uns vorgestellt hatten“, grunzte der 34-Jährige, „wir haben Fehler gemacht.“ Mercedes hatte noch vor dem Rennen erwogen, Ferrari durch einen frühen Stopp (Undercut) unter Druck zu setzen – dann wäre vielleicht sogar ein Triumph von Hamilton drin gewesen. „Wir hatten das Paket für den Sieg“, bekräftige der Weltmeister. Doch im Grand Prix holten die Männer am Kommandostand den Briten zu spät an die Box, er verlor zu allem Überfluss zwei Plätze und wurde lediglich Vierter. „Wir haben am leeren Tor vorbeigeschossen, als wir den Undercut in Runde 19 verpasst haben“, räumte Chefingenieur Andrew Shovlin ein, „wir hatten darüber gesprochen, aber wir haben nicht schnell genug reagiert, als die Reifen von Charles Leclerc nachließen.“

Seit 2014 fehlte Mercedes nur siebenmal auf dem Podium

Die Sterne funkeln in der Formel 1 nicht mehr ganz so prächtig, seit der Sommerpause sind die Silberpfeile ohne Sieg. In Singapur verpasste der Branchenführer sogar das Podium, was fast so selten ist wie eine Sonnenfinsternis. Seit März 2014 war lediglich siebenmal kein Mercedes-Mann bei der Champagner-Party auf dem Podium mit von der Partie, und seitdem wurden immerhin 115 Siegehrungen gefeiert. Fehlquote: lediglich sechs Prozent. Jedoch nimmt bei Mercedes niemand die Ergebniskrise auf die leichte Schulter – auch wenn noch ein gut genährtes Fettpölsterchen von WM-Punkten zwischen Hamilton und den Verfolgern liegt. Der Titelverteidiger liegt je 96 Zähler vor Charles Leclerc und Max Verstappen sowie 102 vor Singapur-Sieger Sebastian Vettel. Selbst wenn Leclerc jedes Rennen gewänne (125 Punkte), würde Hamilton fünfmal Rang vier (60 Punkte) lässig zum WM-Triumph reichen. „Es scheint eine lange Zeit her zu sein, seit wir das letzte Mal ein Rennen gewonnen haben“, meinte Shovlin zerknirscht, „dafür gibt es nicht nur einen einzigen Grund, stattdessen gibt es viele Bereiche, in denen wir uns verbessern müssen.“

Drei Siege in Folge feierte Ferrari zuletzt 2008

Patzer, Fehler und Versäumnisse waren bislang Begriffe, die im Formel-1-Jargon von Mercedes nicht vorkamen, sondern eher der roten Konkurrenz zuzuordnen waren. Auch in der ersten Saisonhälfte hatte Ferrari mehrere Gelegenheiten, einen Großen Preis zu gewinnen – doch in Bahrain, Baku, Kanada, Österreich und Deutschland klappte es aus unterschiedlichen Gründen nicht, was vor allem Teamchef Mattia Binotto und dem (damals noch unbestrittenen) Chefpiloten Vettel negativ angerechnet worden war. Seit Ende August ist aber mächtig Bewegung in den Formel-1-Kosmos gekommen, als müssten Astronomen die Keplerschen Gesetze neu formulieren. Drei Siege in Serie für die Scuderia, das gab es seit der Saison 2008 nicht mehr, was sich für passionierte Ferraristi wie Lichtjahre entfernt anfühlt. Seit der Sommerpause hat das Team nicht nur einen richtigen Schritt nach vorn gemacht, das Auto ist plötzlich in langsamen Kurven schnell; darüber hinaus gelingt es Binottos Team, an den Wochenenden das Maximum aus den Ressourcen herauszuholen. Auf zwei Leclerc-Triumphe folgte ein Doppelsieg.

Bei Mercedes darf man sich Sorgen machen. Diese Wiederauferstehung beschäftigt auch Hamilton. „Vielleicht hatten sie schon das ganze Jahr über ein gutes Auto, vielleicht hat es einfach nicht das richtige Arbeitsfenster gehabt. Wer weiß?“, sinnierte der fünfmalige Champion. Ein großes Update in Singapur alleine dürfte den Leistungssprung nicht erklären. „Das Auto funktioniert jetzt überall richtig gut. Es dürfte schwierig werden, Ferrari zu schlagen, wo sie doch auf den Geraden auch so schnell sind“, sagte Hamilton. Schwierig? Ja. Unmöglich? Nein. Wenn Mercedes eines bewiesen hat, dann das: Das Weltmeister-Team ist fähig und flexibel genug, um sich neuen Herausforderungen zu stellen und sie erfolgreich zu bewältigen.