Festgottesdienste in Esslingen Bachs Weihnachtsoratorium trotz Corona
Solisten statt Chor, Streichquintett statt Orchester: Der Bezirkskantor Uwe Schüsseler führt Bachs Meisterwerk trotz Corona in der Esslinger Stadtkirche St. Dionys auf.
Solisten statt Chor, Streichquintett statt Orchester: Der Bezirkskantor Uwe Schüsseler führt Bachs Meisterwerk trotz Corona in der Esslinger Stadtkirche St. Dionys auf.
Esslingen - In schwierigen Zeiten ist die Musik für den Menschen von essenzieller Bedeutung: Sie gibt Trost, inneren Halt und Hoffnung. Besonders intensiv ist dieses Erleben, wenn man die Macht der Töne in einem Live-Konzert unmittelbar erfahren kann und ein Meilenstein sakraler Musik wie Johann Sebastian Bachs „Weihnachtsoratorium“ erklingt. Diese beglückende Erfahrung machten die Besucher der Festgottesdienste in Esslingens Stadtkirche St. Dionys: Nicht nur die herrliche barocke Vertonung der biblischen Weihnachtsgeschichte nach den Evangelisten Lukas und Matthäus, auch die Predigten des Dekans Bernd Weißenborn und des Pfarrers Christoph Bäuerle ließen einen Lichtstrahl in der bedrückenden Pandemie leuchten.
Das Bach’sche Meisterwerk in Corona-Zeiten aufzuführen, ist kein leichtes Unterfangen. Der Bezirkskantor Uwe Schüssler plante bereits seit Jahresbeginn: „Ursprünglich wollte ich mit Kantorei und Jugendkantorei der Stadtkirche an den Festtagen und an Dreikönig die ersten vier Kantaten des Weihnachtsoratoriums, wie zu Bachs Zeiten, in den Gottesdiensten aufführen.“ Doch das Virus machte einen Strich durch die Rechnung: Ständig musste die Planung der sich verändernden Situation angepasst werden. „Nachdem Proben mit den großen Chören nicht mehr möglich waren, wurde die Idee geboren, die einzelnen Kantaten mit Gruppen zu jeweils 16 Choristen zu besetzen“, erzählt Schüssler. Doch die aktuellsten Vorschriften machten auch dies zur Makulatur. Erst eine Sondergenehmigung des dem Oberkirchenrat der Evangelischen Landeskirche in Württemberg zugeordneten Amtes für Kirchenmusik ermöglichte eine Aufführung in minimalster Besetzung: Sämtliche Chorpartien wurden solistisch besetzt, das Orchester auf ein Streichquintett reduziert und der Bläserapparat ausgedünnt bis auf Flöte, Trompete und zwei Oboen.
Dieser sozusagen abgespeckte Bach bescherte ein ganz neues Hörerlebnis – die musikalische Askese sorgte für absolute Transparenz und legte jede Feinheit der Partitur offen. Dabei fielen kleine besetzungsbedingte Retuschen kaum ins Gewicht. Schade war hingegen, dass der Reduzierung des Orchesters die berühmte Hirtenmusik zu Beginn der zweiten Kantate zum Opfer fiel.
Die wunderbaren Chöre machten dies aber wieder wett: Johanna Reithmeier (Sopran), Barbara Zwissler (Alt), Christian Wilms (Tenor) und der Bassist Thomas Scharr fanden zu Homogenität und Strahlpracht, erhoben die Chorpartien zu vokalen Glanzlichtern. Auch die Soli boten Gesangskunst auf hohem Niveau. Christian Wilms sorgte als Evangelist für tenorale Präsenz und ließ in der Hirtenarie, umrahmt von tonschönen Flötengirlanden Birgit Maier-Dermanns, die Koloraturen perlen. Zusammen mit Andreas Vogel (Oboe d’amore) absolvierte Zografia Madesi die Alt-Arie „Bereite dich Zion“ mit schön gefärbtem Timbre. Thomas Scharr gab, bestens unterstützt von dem Trompeter Marc Lentz, der Arie „Großer Herr, o starker König“ mit mächtigem Bass Kontur und stimmte, zusammen mit der Sopranistin Johanna Reithmeier, im Duett „Herr, dein Mitleid“ zartere Töne an.
Uwe Schüssler führte, unterstützt von der akkuraten Continuo-Gruppe, mit präziser Gestik die verschiedenen Stränge zusammen, sorgte für ausdrucksstarkes Musizieren und musikalischen Fluss. Am Ende gab es viel Applaus, als Dank an die Akteure – und auch als Ausdruck der Vorfreude auf den vierten Teil des „Weihnachtsoratoriums“ am Dreikönigstag.