Nicht harmloser Schweigefuchs, sondern hoch problematische Geste: das Erkennungszeichen Grauen Wölfe Foto: dpa/Peter Kneffel
In Schwieberdingen (Kreis Ludwigsburg) gibt es drei Veranstaltungsorte, in denen unzählige deutschtürkische Hochzeiten stattfinden. In den Eventhallen finden aber nicht nur fröhliche Feiern statt – dort treffen sich auch rechtsextremistische Gruppen.
Es ist aktuell eines der heißen Themen in Schwieberdingen. Anstatt drei, könnte es bald vier Veranstaltungssäle im Gewerbegebiet der Gemeinde geben, in denen vor allem deutschtürkische Hochzeiten stattfinden. Der Gemeinderat und Bürgermeister Stefan Benker wehren sich gegen die Genehmigung der neuen Halle. Grund sind unter anderem Beschwerden wegen des Verkehrs, des Lärms und nächtliche Polizeieinsätze. Die Feste würden größer, häufig mit mehreren hundert Leuten, immer wieder arte es aus, hört man aus dem Gemeinderat. Nun kommt ein weiterer Aspekt zur Debatte hinzu. Einer, von dem Gemeinderäte und Bürgermeister keine Ahnung hatten.
Nicht nur große Hochzeiten, auch Treffen der Grauen Wölfe
Hinweise der linken Szene und Recherchen dieser Zeitung zeigen, dass in den umstrittenen Eventhallen im Schwieberdinger Gewerbegebiet nicht nur große Hochzeiten stattfinden, sondern auch Veranstaltungen des größten türkisch-rechtsextremistischen Dachverbandes im Land – der Türk Federasyon, deren Mitglieder als Graue Wölfe bekannt sind.
In Schwieberdingen gibt es zwei deutsch-türkische Eventunternehmen. In den Sälen einer dieser Veranstalter haben verschiedene Ortsvereine der Türk Federasyon in den vergangenen sechs Jahren mindestens fünf Veranstaltungen abgehalten. Unter anderem luden die Grauen Wölfe zum Fastenbrechen ein, zu einem Kongress und mehreren Konzerten mit teils hunderten Besuchern. Der Landesverfassungsschutz bestätigt, dass die Türk Federasyon mehrere Veranstaltungen in Schwieberdingen organisiert hat.
Einige wenige Hochzeitsaufnahmen mit Wolfsgruß
Online finden sich zudem einige wenige Aufnahmen von Hochzeiten in den Veranstaltungssälen, auf denen der Wolfsgruß – das Erkennungszeichen der rechtsextremen Bewegung – gezeigt wird. Darüber hinaus hatte die Ortsgruppe Ludwigsburg im März 2023 den türkischen Politiker Cemal Cetin zu Besuch, er ist ein Abgeordneter der extrem nationalistischen Partei MHP.
Die Mitgliedsvereine der Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland, kurz Türk Federasyon, verfolgen laut Landesverfassungsschutz eine rechtsextremistische und antisemitische Ideologie, die unter anderem gegen den Gedanken der Völkerverständigung gerichtet ist. Diese Ideologie propagiere einen übersteigerten Nationalismus, gepaart mit der Vorstellung einer ethnisch einheitlichen Gesellschaft in einem fiktiven großtürkischen Reich namens Turan, so der Verfassungsschutz auf Nachfrage.
Ausgeprägter Antisemitismus im Weltbild der Grauen Wölfe
Das Weltbild der Grauen Wölfe beinhalte ethnische und religiöse Feindbilder sowie einen ausgeprägten Antisemitismus. Einige gewalttätige Übergriffe in Deutschland, beispielsweise am Rande von Kurdendemos, sollen auf das Konto von Türk Federasyon-Mitglieder gehen. Der Verband vermittele seinen Anhängern, zu denen viele Jugendliche gehören, Deutschland sei ein fremdes Land, in dem es die eigene türkische Identität zu verteidigen gelte, so der Landesverfassungsschutz. In Frankreich sind die Grauen Wölfe übrigens seit dem Jahr 2020 verboten.
Der türkische Nationalspieler Merih Demiral mit dem Wolfsgruß während der EM 2024. Für viele ist die rechtsextremistische Bewegung der Grauen Wölfe erst seitdem ein Begriff. Foto: dpa/Sebastian Gollnow
Der Landesverfassungsschutz beobachtet die Türk Federasyon laut eigener Aussage seit mehr als zwei Jahrzehnten. Der Großraum Stuttgart gilt als Schwerpunktregion der türkisch-rechtsextremistischen Szene in Baden-Württemberg. Über die Hälfte der rund 40 Mitgliedsvereine und 2200 Mitglieder in Baden-Württemberg sind rund um die Landeshauptstadt aktiv. Die Ortsvereine Ludwigsburg und Stuttgart existieren bereits seit Mitte der 1970er Jahre, der Ditzinger seit Ende der 1980er-Jahre.
Betreiberin zeigt sich überrascht
Auf Nachfrage zeigt sich die Betreiberin des Veranstaltungsunternehmens überrascht. Die Türk Federasyon sei ihr als Kunde nicht bekannt, gleichzeitig könne sie auch nicht ausschließen, dass rechtsextremistisch eingestufte Gruppen ihre Säle mieten. Sie prüfe ihre Kunden nicht auf politische Motive. „Wir sind weder rechts noch links“, sagt die Geschäftsführerin. Es könnte sein, dass an einem Tag türkische Nationalisten in ihren Hallen feiern, am nächsten Tag kurdische Gruppen.
Auch Gemeinderäte und der Bürgermeister sind überrascht von der Information. „Das wollen wir natürlich ungern in Schwieberdingen sehen“, sagt Alexander Henke von den Freien Wählern. Und der SPD-Rat Lutz Enzensperger findet die Nachricht „erschreckend“. Er sei sprachlos und sehe das als Problem, sagt FDP-Rat Panagiotis Athanassiadis. Bürgermeister Stefan Benker merkt derweil an, dass Veranstaltungen dieser Art grundsätzlich erlaubt sind, nicht angemeldet werden müssen und daher an der Stadtverwaltung vorbeigehen.
Welche Auswirkungen das Bekanntwerden der Graue-Wölfe-Veranstaltung auf die Diskussion um die neue Eventhalle hat, bleibt abzuwarten. Der Antragsteller, ein weiterer Veranstaltungsunternehmer aus Schwieberdingen, war nicht für ein Gespräch mit unserer Redaktion bereit. Für seine bereits bestehende Halle gibt es übrigens keine Hinweise auf Mieter aus dem rechtsextremistischen Milieu.
Hintergrundinfos zu den Grauen Wölfen in Schwieberdingen
Vorgeschichte Es gibt zwei Veranstaltungshallen und einen Hotel-Saal in Schwieberdingen, in denen zwei Veranstaltungsunternehmen Events organisieren. Eines dieser Unternehmen, ohne offensichtlichen Kontakt zu den Grauen Wölfen, will eine weitere Veranstaltungshalle eröffnen. Dagegen regt sich Widerstand. Bürgermeister Stefan Benker sagt, die Halle sei „städtebaulich nicht verträglich“. Auch der Verkehr, die Parkplatzsituation und der Lärm spielen eine Rolle.
Graue Wölfe Den Sicherheitsbehörden sind die Grauen Wölfe seit Jahrzehnten ein Begriff. In der Öffentlichkeit wird die rechtsextremistische Bewegung erst seit einigen Jahren wahrgenommen. Beispielsweise durch die Verbindung zum ehemaligen deutschen Nationalspieler Mesut Özil. Zuletzt zeigte der türkische Nationalspieler Merih Demiral den Wolfsgruß nach einem EM-Spiel, die UEFA sperrte ihn daraufhin für zwei Spiele.