Festival „10 Tage freischwimmen“ in Stuttgart Wo Falten das Tanzen lernen
Vom Bad Berg bis zur Brachfläche an den Wagenhallen führt das Festival „10 Tage freischwimmen“ am ersten Wochenende an ungewöhnliche Performance-Orte.
Vom Bad Berg bis zur Brachfläche an den Wagenhallen führt das Festival „10 Tage freischwimmen“ am ersten Wochenende an ungewöhnliche Performance-Orte.
Wo könnte ein Festival, das „10 Tage freischwimmen“ heißt, besser aufgehoben sein als im Wasser? Im Bad Berg findet eine der ersten Kunst-Begegnungen statt, noch bis zum 4. Mai können hier Neugierige mit Alex Franz Zehetbauer täglich baden gehen. Was ein Festival der freien darstellenden Künste in einem Mineralbad zu suchen hat, zeigte die Einführungsveranstaltung am Freitag. Wer sieht, wie der Performer seine auf dem Rücken treibende Partnerin sanft durchs Wasser bewegt, der will sich unbedingt selbst einmal dieser Floating-Choreografie aussetzen.
Tanz, Entspannung, Meditation? Der Ballast, den jeder mitschleppt, scheint sich im Schweben aufzulösen. Allein das Zuschauen bei diesem ungewöhnliche Aqua-Duett sorgt für Wohlgefühl. Der in New York geborene, in Wien lebende Künstler macht gesellschaftliche Prozesse sichtbar, indem er den achtsamen Umgang miteinander und Vertrauen als Lösung anbietet.
Vom Bad führt der Parcours zur Brache bei den Wagenhallen. Gleich am ersten „Freischwimmen“-Wochenende lässt sich lernen, dass darstellende Künste heute keine Bühne im klassischen Sinn mehr brauchen. Wer hätte das gedacht, als der Theaterpreis der Stuttgarter Zeitung 1988 startete. Über viele Häutungen wandelte sich der Best-of-Wettbewerb zum Austausch – bei der aktuellen Ausgabe begegnen sich sogar zwei Festivals: „Freischwimmen“, jene Produktionsförderer, die Performern Starthilfe geben, feiern 20. Geburtstag und sind zu Gast beim Festival „6 Tage frei“, das aus dem Stuttgarter Tanz- und Theaterpreis hervorging.
Wie entspannend Vertrauen sein kann, nimmt man als Erkenntnis mit auf die Brache bei den Wagenhallen – um hier vom Kollektiv Koma & Ko zu lernen, dass ohne Vertrauen in andere auch der Mut fehlt, Neues zuzulassen. Die Brache in all ihren Bedeutungsschattierungen ist Thema der Installation, die zur individuellen Auseinandersetzung einlädt. Drei tanzende Performer locken zu Entdeckungen übers Gelände.
Spannend sind vor allem sieben Interviewschnipsel. Wie Krankheiten, Auszeiten oder Kindererziehung Brachen in Lebensläufen sein können, wird da thematisiert. Die Erkundung des auf den ersten Blick öden Geländes macht bewusst, wie wichtig solche Freiflächen im Leben und auch in Städten sind: als Orte, die Nachdenken herausfordern, als Potenzial, das Möglichkeiten birgt, als Ruhephasen, auf die Wachstum folgt.
Nicht Freiräume, sondern Zwänge inszeniert die Schweizer Performerin Ceylan Öztrük am Abend im Kunstverein Wagenhallen. Sich selbst und ihr dreiköpfiges Ensemble setzt sie in „Wearing the Angles, Kissing the Room“ zwischen vier angedeuteten Eckpfeilern einem tranceartigen Ritual aus; wie in Slow-Motion pulsiert das Quartett. Das Publikum ergibt sich dem Sog oder checkt Nachrichten am Handy, auch dazu ermuntert die nach vier Seiten offene Bühne. Wie beeinflussen Räume unsere Haltung, unsere Körper? Als die Ecken surreal wegfließen, werden die Akteure wacher, erkundet ihr Tanz die Szene. Doch bevor sich ihre Desorientierung auflösen kann, bricht das Stück ab.
Die Stuttgarter Performerin Lisa Thomas schaut hin, bis es weh tut. Das Altern ist ihr Thema; der Tanz, der junge Köper will, die Folie, vor der sie das Drama um Falten und Erschlaffung inszeniert. Ihr Solo „Dance Your Skin“ ermunterte am Samstag im Fitz zum Hinsehen und ist deswegen zuerst eine Ausstellung, auf deren Bildern sich Haut zu knittrigen Landschaften formt. Lisa Thomas eröffnet sie mit Brille, Anzug und Ironie. Frauen stünden im steten Wettbewerb zum weiblichen Idealbild. „Wer angeschaut wird, existiert.“ Während die Rednerin kluge Sachen sagt, bringt sie Brüste und Falten zum Tanzen. Auf der Bühne angekommen, findet ihr Solo zwar keine neue Wendung, macht aber Mut zu weniger Körperkult.
Was passiert, wenn nur noch Dinge bleiben? Das Berliner Theaterkollektiv Turbo Pascal denkt in „Common Things“ über Erinnerungs- und Erbstücke nach. Performer Frank Oberhäußer bringt dafür in charmantem Understatement seine in Plastikcontainern bewahrte Lebensgeschichte mit und packt in der Rampe aus: die Dreadlocks aus der Jugend, theologische Literatur und Talar des verstorbenen Vaters, Computerspiele, in denen zigtausend verzockte Stunden stecken. Was kann bleiben, was soll weg? Über Smartphone-Abstimmungen gibt das Publikum Ratschläge, erfährt viel über sich und kommt ins Gespräch. Ein kurzweiliger Abend, der zeigt: Auch Vererben ist Vertrauenssache. Will Frank etwa von seiner Bibliothek als eurozentristischer Patriarch enttarnt werden? Tipps für ihre Erweiterung nimmt er aus Stuttgart jedenfalls viele mit.
Termin
Das Doppel-Festival „10 Tage freischwimmen“ bietet bis zum 4. Mai insgesamt 16 Produktionen der freien darstellenden Künste in Stuttgart. Es vereint das Festival der Produktionsplattform „Freischwimmen“ und das Festival „Sechs Tage frei“, das aus dem Tanz- und Theaterpreis der Stadt Stuttgart und des Landes hervorging.
Gäste
Das Netzwerk „Freischwimmen“ blickt beim Jubiläum in Stuttgart auf 20 Jahre Fördertätigkeit zurück. Unter den Alumni ist Milo Rau, der am 30. April im Schauspielhaus sein Stück „Familie“ zeigt. Mit dabei ist auch die Stuttgarter Streetdance-Künstlerin Donya Ahmadifar, die am 3. Mai in der Rampe in ihrer Performance „Gole Sangem“ über die Situation der Menschen im Iran nachdenkt.
Bad Berg
Anmeldung zu den Floating-Workshops von Alex Franz Zehetbauer ist über die Internetseite von „10 Tage freischwimmen“ möglich. „Punk am Pool“ bieten am 1. Mai um 16 Uhr die drei All-Female-Bands Plastic Bottles of the Universe, Horizontaler Gentransfer und Yeast Wise.