Festival 20 Jahre Kunstmuseum Musik für Gartenzwerge: Die Nerven und Co. auf dem Kleinen Schlossplatz

Die Nerven beim Festival Sound of Kleiner Schlossplatz Foto: Reiner Pfisterer

Das Festival Sound of Kleiner Schlossplatz bringt am Samstag Kunst und Pop zusammen und feiert mit Bands wie Die Nerven 20 Jahre Kunstmuseum.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Als Die Nerven ihren grimmig-frustrierten Song vom Davonlaufen, vom Verschwinden, von der Flucht vor der Wirklichkeit spielen, ist alles wieder gut. Als Julian Knoth, Max Rieger und Kevin Kuhn mit der brachialen Wucht einer Band, die weiß, was sie tut, den Song „Als ich davonlief“ raushauen, tanzt Levin Goes Lightly vor der Bühne, neben ihm Ildikó, die sich ein Nerven-T-Shirt angezogen hat, und hinter ihnen gut 500 Menschen, die den Auftritt einer der besten deutschen Livebands feiern.

 

Vielfalt der Stuttgarter Musikszene

Es ist das Finale eines Festivals, das holprig in die Gänge gekommen ist. Sound of Kleiner Schlossplatz ist als wilde Geburtstagsparty gedacht, die sich das Kunstmuseum zum 20. Geburtstag selbst spendiert hat. Ab 12 Uhr treten dort Acts aus Stuttgart auf, die die Bandbreite der Stuttgarter Musikszene vorführen. Allerdings strömt das Publikum nur sehr zögerlich auf das Festivalgelände. Als um 17.30 Uhr Dexter mit Urban Beats Collective und poppig-coolen Hip-Hop-Beats auf der Bühne steht, fragt er: „Stuttgart, wo bist du?“. Und als Sara Dahme später den Auftritt von Levin Goes Lightly ansagt und sich der Kleine Schlossplatz allmählich füllt, fragt auch sie: „Wo wart ihr denn die ganze Zeit?“

Dexter auf dem Kleinen Schlossplatz Foto: Reiner Pfisterer

Vielleicht waren sie bei einem der vielen anderen Events, die gleichzeitig stattfinden – beim Sommerfestival der Kulturen, bei der Stuttgart Street Art, beim Hamburger Fischmarkt oder beim Marienplatzfest. Wer es aber nicht zum Sound of Kleiner Schlossplatz geschafft hat, verpasst nicht nur einige tolle Konzerte, sondern vor allem auch originelle Auftritte der Musikerinnen und Musiker im Museum selbst.

Levin Goes Lightly trifft Dieter Roth

Unterhalb des Kleinen Schlossplatzes gibt etwa Levin Goes Lightly am Nachmittag ein Minikonzert inmitten der Sammlungspräsentation des Kunstmuseums, wendet sich dabei komplett von den Menschen, die ihm dorthin gefolgt sind, ab und spielt nur für die Skulptur, die dort in einer Ecke hinter Glas ausgestellt ist: Dieter Roths Gartenzwerg in Schokolade aus dem Jahr 1972. Während sich hinter ihm in einer Installation von Suah Im eine Tänzerin mit langen schwarzen Haaren wie in Trance im Kreis zu drehen scheint, spielt Levin drei seiner elektronisch infizierten Stücke, verneigt sich dann ein paar Mal von dem Gartenzwerg und geht wortlos.

Konzert für einen Gartenzwerg: Levin Goes Lightly Foto: Reiner Pfisterer

Eine halbe Stunde später steht dann Max Rieger von den Nerven im ersten Stock des Museums neben „Peacemaker“ von K.R.H. Sonderborg aus dem Jahr 1977. Er erzählt davon, dass ihm diese Arbeit immer wieder begegnet sei: zum Beispiel, als er mal auf dem Killesberg Kunst studierte, als ein Freund von ihm den Umriss von Sylt zeichnen wollte und dieser irgendwie wie dieses Maschinengewehr aussah, oder als ihm jetzt der Museumskatalog zugeschickt wurde und er gefragt wurde, welches Kunstwerk ihn besonders beschäftigt.

Max Rieger erklärt „Peacemaker“. Foto: Reiner Pfisterer

Kunst trifft auf Popkultur

Tatsächlich sollte man das Festival nicht als einen bemühten Versuch missverstehen, ein junges Publikum ins Museum zu locken. Die Wechselwirkung zwischen Kunst und Popmusik ist hier schon oft Thema gewesen.

Daran erinnert auf der Bühne später am Abend nicht nur Museumsleiterin Ulrike Groos, sondern auch Julian Knoth von den Nerven, der davon schwärmt, wie toll die Ausstellung „Scheize – Liebe – Sehnsucht“ war, die das Kunstmuseum im Jahr 2019 dem Isländer Ragnar Kjartansson widmete, der in seinen Arbeiten Musik, Literatur und Popkultur miteinander verbindet.

Ulrike Groos auf der Bühne Foto: Reiner Pfisterer

Das Festival geht zwar mit einem furiosen Auftritt der Nerven zu Ende, bei dem sie dann auch wieder einmal den New-Wave-Punk-Klassiker „Stuttgart, Kaputtgart“ aus dem Jahr 1982 covern. Am meisten gefeiert wird dann aber doch nicht die Band, sondern die Oma Max Riegers. Sie wird an diesem Abend 87 Jahre alt und ist im Publikum. Sie wird mit einem Geburtstagsständchen und „Oma! Oma! Oma!“-Rufen bejubelt und kommt auch kurz zur Bühne, um ihren sichtlich gerührten Enkelsohn zu umarmen. Und er sagt: „Besser wird’s heute nicht!“

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