Festival Eclat in Stuttgart eröffnet Willkommen zur Gruppensitzung!

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Wie bringt man das Genre der Neuen Musik unter die Leute? Vielleicht, indem man das Publikum nicht nur zum Klatschen einlädt, sondern auch manchmal mitsingen lässt. Einen Versuch ist es wert. Im Theaterhaus ist er zu erleben.

Andreas Fischer und Guillermo Anzorena von den Neuen Vocalsolisten Stuttgart bei Antje Vowinckels Beitrag zum „Circles“-Projekt, „Gipfeltreffen“ Foto: Martin Sigmund
Andreas Fischer und Guillermo Anzorena von den Neuen Vocalsolisten Stuttgart bei Antje Vowinckels Beitrag zum „Circles“-Projekt, „Gipfeltreffen“ Foto: Martin Sigmund

Stuttgart - Im Jahr 1955 schreibt Bruce Low „Das alte Haus von Rocky Docky“, Catarina Valente singt „Ganz Paris träumt von der Liebe“, Karlheinz Stockhausen, historisch gesehen der Papa des Techno, komponiert „Gruppen für drei Orchester“. Und dann ist da ,1955 und in Stuttgart, auch noch der Kulturamtsleiter Professor Hans Schumann, der einen Kompositionspreis für zeitgenössische Musik ausschreiben lässt. Thomas Christian David wird als erster ausgezeichnet. Ihm folgen unter anderen Erhard Karkoschka, Aribert Reimann, Helmut Lachenmann und Wolfgang Rihm. Mit den Frauen dauert es bis 1980, schließlich jedoch kommen direkt drei nacheinander zu Ehren: Younghi Pagh-Paan, Susanne Erding und Adriana Hölszky.

In diesem Jahr verleiht der Kulturbürgermeister Fabian Meyer zu Beginn des Eclat-Festivals für Neue Musik Stuttgart, den ältesten Förderpreis der Stadt an zwei Komponisten, die sich das Preisgeld von 12 000 Euro teilen: den Tschechen Ondrej Adámek (Jahrgang 1979) und Ole Hübner (1993 geboren). Adámeks „Ca tourne ca bloque“ integriert gekonnt und spielerisch japanische Gesprächsmuster in ihrer Mechanik, während Hübner in „Drei Menschen, im Hintergrund Hochhäuser und Palmen und links das Meer“ eine theatrale Szene entwirft, die sich der Rezipient selber entwickeln muss. Bas Wiegers dirigiert das wie immer hochkompetente Klagforum Wien, aber eine Visualisierung findet nicht statt. Bildbeschreibung ohne Bild. Der Zuhörer/Zuschauer ist gefordert. Und das ist erst der Anfang des Festivals, das sich bis Sonntag in Stuttgart mit 53 Werken und 37 Uraufführungen öffnen will. Ein instrumentaler Klassiker wie das Klavier erscheint in diesen Zusammenhängen womöglich als „ein erzählerisches Monster aus der Vergangenheit“, wie der dänische Komponist Christian Winther Christensen sagt. Dennoch, oder gerade deshalb, hat er – für das finale Konzert mit dem SWR-Symphonieorchester unter Brad Lubman – ein „Piano Concerto“ geschrieben, wobei der Titel unbedingt in Gänsefüßchen zu verstehen ist. Damit allerdings hat es sich programmatisch auch schon fast mit den Verzeichnungen und Überschreibungen althergebrachter Muster.

Fulminante Neue Vocalsolisten

Christine Fischer, die rührige Künstlerische Leiterin des Festivals und Intendantin von Musik der Jahrhunderte, betont nicht von ungefähr, dass viele Formen im Szenischen und Konzertanten auf den „Prüfstand“ gehörten, um einen „Perspektivwechsel“ für „gegenseitige Aufmerksamkeit“ zu erreichen. Drei Stunden lang dauert das erste große Experiment in dieser Richtung, „Circles“ genannt und mit dem Untertitel „Gemeinschaft zwischen Spiel und existenzieller Erfahrung“ versehen. Das Projekt beginnt (bei der besuchten Generalprobe) in der Stuttgarter Theaterhaus-Spielstätte T 4 und mutet zunächst an wie ein einigermaßen gewohntes Konzert mit den fulminanten Neuen Vocalsolisten (Johanna Zimmer, Susanne Leitz-Lorey, Truike van der Poel, Martin Nagy, Guillermo Anzorena und Andreas Fischer), die in der Folge insgesamt sieben Stücke performen. Das erste, Ricardo Eizirks „in steps“, lebt vom rasanten Ein- und Ausschalten von Mikrofonen durch die Protagonisten, die – vereinfacht gesagt - ihren Atem und Wort- und Gesangsfetzen verfremden, als seien sie Maschinen. Das nahezu Autistische dieses Verfahrens korrespondiert im Gesamtverlauf mit zwei geradezu heimeligen Dialektübungen („Gipfeltreffen“), die Antje Vowinckel für jeweils zwei Frauen- und Männerstimmen arrangiert hat, und mündet in eine Kartenspiel-Performance von Huihui Cheng („Your Turn“), an der nun auch das das vorher instruierte Publikum beteiligt wird: Es soll klatschen und stampfen und sich auch vokal bemerkbar machen.

„Circles“ versteht sich als Workshop und versucht eine Antwort darauf zu geben, dass sich die „Differenzierung und Aufspaltung virtuoser Fähigkeiten“ innerhalb der Neuen Musik unter Umständen „ein bisschen erschöpft“ haben könnte. Das meint zumindest der als Moderator beteiligte Komponist, Performer und Stuttgarter Musikhochschulprofessor Martin Schüttler. Einer „Gesellschaft der Singularitäten“ (wie das theoretisch im Hintergrund stehende Buch des Soziologen Andreas Reckwitz heißt) will das Projekt wieder Gemeinsinn einimpfen – und stellt also die Jahrhunderte praktizierte Konzertform (vorne Musik, das Publikum stumm vis-à-vis) tendenziell auf den Kopf. Mithin: Willkommen zur Gruppensitzung, die in einem Kreis auf Pappsitzen absolviert wird und damit beginnt, dass jeder Einzelne zum Akteur wird und an eine Kurzbeschreibung des jeweiligen Nachbarn zur rechten Hand gehen soll.

Interaktive Modelle

Selbstverständlich ist das Procedere nicht jedermanns Sache – und die Beiträge fallen qualitativ höchst unterschiedlich aus. Kommentiert werden sie wiederum gesanglich von den Neuen Vocalsolisten. Im Raum und auf der Szene von Thomas Fiedler löst das auf Dauer eine Mischung aus Heiterkeit und leichter Irritation aus. Was das Schauspiel an interaktiven Modellen bereits seit langem mit wechselndem Erfolg auf Bühnen praktiziert, lässt sich freilich nicht Eins zu Eins auf sehr spezielle Musiktheaterformen übertragen – und so wirkt das Experiment vor allem als Gesamtappell, durchaus auch an die eigene Zunft gerichtet: Die Szene der Neuen Musik muss aus der Nische heraus, in der sie sich trotz gesamtgesellschaftlicher Förderung mitunter recht selbstzufrieden einrichtet. Über den Mischungsgrad von autarker Kunst, Mitmachprogramm, Emotionalität und Politisierung wäre zu streiten. Rituale und Rezeptionsverhalten, wie auch immer, in Frage zu stellen, mag allemal ein Anfang sein.