Festival Eclat Stuttgart Zwischen Klang, Konzept und Kunst

Von Susanne Benda 

Zahlreiche Performances mit politischen Themen haben das Stuttgarter Eclat-Festival bis zum Samstag geprägt. Überzeugenderes gab es allerdings in den Konzerten.

Szene aus dem Musiktheater „Anthroposcène“ Foto: Martin Sigmund
Szene aus dem Musiktheater „Anthroposcène“ Foto: Martin Sigmund

Stuttgart - Ich spiele einen Akkord, sagt Johannes Kreidler – so lange Gott nicht erscheint. Der Komponist und Konzeptkünstler hat 2012 im Eröffnungskonzert der Donaueschinger Musiktagefür einen Eklat gesorgt, indem er zwei Instrumente zusammenband und dann zertrampelte, um so gegen die Klangkörper-Fusion des Südwestrundfunks zu protestieren. Jetzt präsentiert der 37-Jährige auf dem Festival Eclat unter weit weniger wilden Umständen seine Performance „Infinissage“, ein nächtliches Ereignis zwischen Musikkabarett („Johann Sebastian Bach kann nur verstehen, wer selbst 18 Kinder hat“), intelligent-überdrehter Theoriediskussion (etwa über die stilistische Ausdifferenzierung von Metalmusic) und Happening (mit zahlreichen schrill zusammengeschnittenen Video- und Sound-Schnipseln). Hinzu kommen etliche Querverweise auf eigene, selbstredend historische Leistungen wie etwa die Uraufführung seines „Minusboleros“, bei dem er aus Ravels Orchester-Hit schlicht die Melodiestimme herausschnitt. Die Uraufführung des Stücks beim Eclat-Festival 2015 war ein Eklat – wo Kreidler Hand angelegt habe, empörten sich viele, sei alles Mögliche entstanden, nur eben kein eigenes Werk.

Einen Eklat gab es beim diesjährigen Eclat-Festival nicht. Auch über „Infinissage“ hat man sich jetzt eher amüsiert denn aufgeregt – vor allem im Rückblick, denn bei weiteren Performances und performativen Werken am Freitag und Samstag bot die so genannte Konzeptkunst deutlich mehr Konzept als Kunst. Dabei hätte man die Aussage des zweiten Preisträgers beim Kompositionspreis der Stadt Stuttgart, Malte Giesen, „Wenn ich konkret politisch etwas bewegen wollte, würde ich nicht Neue Musik machen“, in diesem beim Eclat-Festival ja profilbildenden Grenzbereich der Künste locker aushebeln können. Das ist aber schon Laurent Durupts Musiktheater „Anthroposcène“ nicht geglückt: Das Stück beleuchtet mit Videos, Aktion, Live-Musik und Elektronik das Verhältnis von Mensch und Umwelt am Beispiel jener EU-Parlamentssitzung 2017, bei der die Präsidentin der pazifischen Marshall-Inseln die apokalyptischen Auswirkungen des Klimawandels schildert – und scheitert spätestens bei der lautstarken Zerstörung des Papp-Konferenztisches in einem Häcksler am Dilettantismus der Darsteller ebenso wie an seiner zerfasernden formalen Disposition.

Diskrepanz zwischen Gewolltem und Gezeigtem

Bei den Alltagsbeobachtungen in „Daily Transformations“ von Clemens Gadenstätter (Musik, Konzept), Lisa Spalt (Text) und Anna Henckel-Donnersmarck (Film) stellen sich zwar gelegentlich die beabsichtigen ironischen Reibungen zwischen den Ebenen her, aber das bewusst enthierarchisierte Nebeneinander der Künste zeitigt eine auf Dauer lähmende Addition von Beliebigkeiten. Die Neuen Vocalsolisten singen, das Ensemble asamisimasa spielt, man sieht Videos aus einem Park und von einer Achterbahn, das Ganze fängt irgendwie an, und als es nach siebzig Minuten irgendwie aufhört, weiß man immer noch nicht, was hier eigentlich erzählt werden soll.

Dass die Werkbeschreibungen und Interviews zu den genannten Stücken ausufernd lang sind, gehört dazu, und die Diskrepanz zwischen dem Gewollten und dem Gezeigten ist nirgends auffälliger als bei Raphael Sbrzesnys „Principal Boy“, das den Untertitel „musiktheatrale Installation“ trägt. Da soll es um den Terror in Paris 2015 gehen, um Schnittstellen zwischen Nihilismus und Heldentum, um den Körper als Skulptur und als ästhetischen Apparat – zu erleben indes sind vereinzelte Bewegungen von fünf Performern, eine oft sehr laute Tonspur aus Lautsprechern, die durch das Live-Spiel auf einer Art Klang-Korsetten ergänzt werden. Außerdem werden Duschgels auf den Boden geleert, und es wird so viel herbes Deo im Raum versprüht, dass es einem schwummrig werden kann vor lauter olfaktorischer Männlichkeitsbehauptung.

Platons Höhlengleichnis im Kühlschrank

Spielerischer ist immerhin die Performance „Sous vide“ des live an den Reglern operierenden Dmitri Kourliandski und der Performerin Aliénor Dauchez. Die hockt sich, nachdem sie Bierflaschen aus einen Getränkekühlschrank geräumt und im beglückten Publikum verteilt hat, in den zeitweilig von Wasserkocherdampf vernebelten Kasten, kleidet sich mehrfach um, liest, streckt die Beine zur Kerze empor und trinkt, nachdem sie am Ende dem Käfig entstiegen ist, noch ein letztes Bierchen mit dem Komponisten. Das Ganze ist, obwohl es auch ein Reflex auf Platons Höhlengleichnis sein soll, zum Glück nicht ganz bierernst gemeint.

Unter den Performances gab es schließlich auch noch eine kleine, zarte. Die Cellistin Séverine Ballon wechselt in „Distanz“ von Marianthi Papalexandri-Alexandri die Art und die Orte der Tonerzeugung: Mal streicht sie ihr eigenes Instrument, mal auf Schnüre, die den Steg des Cellos mit Klangmembranen im Raum verbinden; mal verbindet sie ihren Bogen mit Zugmaschinen, die ihr den Auf- und Abstrich abnehmen. Das Stück berührt viele Themen, die im Programmheft nur angedeutet werden; zwischen den Aktionen ist viel poetische Stille, und zu hören ist: Klang, Geräusch, Musik. Darüber freut man sich auch deshalb, weil diese in den Performances sonst nur eine ziemlich untergeordnete Rolle spielte.




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